Die magischen 3.000!
Das erste Mal auf einem Dreitausender
Die Luft ist eiskalt, aber glasklar. Mit jedem weiteren Schritt wird aus dem schwachen Silberstreif am Horizont ein gleißender Lichtstrahl. Jetzt wärmen dich die ersten Sonnenstrahlen und du gönnst dir eine kleine Pause. Dabei streift dein Blick mehr als einhundert Kilometer in alle Richtungen. Die Alpen liegen dir zu Füßen. Nicht mehr weit, bis zum Gipfel. Bis zu deinem ersten 3.000er!
Autor: Benni Häfner
Hochtouren gelten nicht umsonst als Königsdisziplin des Bergsteigens. Eine alpinistische Spielart, die uns Menschen vielfältig fordert. Neben einer guten Kondition ist auch mentale Stärke wichtig. Über mehrere Stunden oder sogar Tage ist man am Berg. Schwindelfreiheit und Trittsicherheit werden vorausgesetzt. Sicheres gehen mit Steigeisen, Seilhandling und Sicherungstechniken müssen eingeübt und jederzeit abrufbar sein. Das Erkennen von alpinen Gefahren, Wetterumschwüngen oder das Finden alternativer Routen gehört ebenso zum Repertoire eines routinierten Bergsteigers. Wer über diese Erfahrungen und Fähigkeiten nicht verfügt, begibt sich am besten in die Hände eines örtlichen Bergführers. Dann steht dem ersten 3000er nichts mehr im Wege. Wir zeigen, wo in den Alpen es sich am meisten lohnt, die magischen 3.000 Meter zu knacken. Vom einfachen Wandergipfel, bis hin zur fulminanten Hochtour.
1. Hochschober, 3.242 m
Schobergruppe, Hohe Tauern, Osttirol
Die Hochschobergruppe steht ein wenig im Schatten des Großglockners – zum Glück. Denn so bleibt es hier noch verhältnismäßig ruhig. Die Schobergruppe zählt zu den kleinsten Gebirgsgruppen der Ostalpen. Mit der 2.322 Meter hoch gelegenen Hochschoberhütte ermöglichen sich gleich mehrere lohnende Touren.
Die Hochschoberhütte ist von St. Johann im Walde in knapp zweieinhalb Stunden erreicht. Am folgenden Tag führt die Route über die Staniskascharte auf den Westgrat des Hochschobers. Erst hier überschreitet man die 3.000er-Marke und steht nach insgesamt knapp drei Stunden auf dem vierthöchsten Gipfel der Schobergruppe.
Der Hochschober ist den Sommer über meist schnee- und eisfrei. Die leichten Kletterpassagen im ersten Schwierigkeitsgrad sind stellenweise leicht ausgesetzt. Auch von Osten kann der Hochschober erstiegen werden. Der Weg von der Lienzer Hütte weist zwar auch nur geringe Schwierigkeiten auf, ist aber nicht durchgehend markiert.
Vom Gipfel genießt man ein uneingeschränktes 360°-Grad-Panorama. Im Norden thront der Großglockner. Im Süden stehen die Dolomiten am Horizont und sogar der Triglav, Sloweniens höchster Gipfel, ist bei schönem Wetter klar erkennbar. In nächster Nähe steht außerdem der Doppelgipfel des Prijakt. Hoher und Niederer Prijakt sind beide in etwa drei Stunden von der Hochschoberhütte aus ohne nennenswerte Schwierigkeiten zu erreichen.
2. Hintere Schwärze, 3.624 m
Schnalskamm, Öztaler Alpen, Tirol
Der markante Gipfel der Hinteren Schwärze liegt genau auf der Staatsgrenze zwischen dem österreichischen Bundesland Tirol und der italienischen Provinz Südtirol, weswegen der Berg auch Cime Nera genannt wird. Alle Anstiege verlaufen über teils spaltenreiche Gletscher, weswegen besonders Einsteigern und Einzelgängern die Kenntnis und Erfahrung eines Bergführers anzuraten ist.
Als Ausgangspunkt für eine Besteigung der Hinteren Schwärze dient die Martin-Busch-Hütte. Sie ist auch ein bei Wanderern beliebtes Ziel und liegt im Niedertal, südwestlich von Vent, auf 2501 Metern. Wer hier sein Rad abstellt, freut sich am Folgetag! Der direkte Anstieg zur Hinteren Schwärze führt eindrucksvoll über die Eismassen des Marzellferners. Noch unterhalb des Marzelljochs wird eine steile Rippe erklommen, über welche der Südwestgrat erklettert wird. Hier warten klettertechnische Schwierigkeiten im zweiten Grad. Von der Hütte bis zum Gipfel sind viereinhalb Stunden zu veranschlagen. Konditionsstarke Bergsteiger legen ihre Route aber gerne auch über die Similaunhütte und den Similaun. So entsteht eine lohnende 3.000er-Überschreitung.
3. Similaun, 3.606 m
Schnalskamm, Öztaler Alpen, Tirol
Der Similaun erhebt sich mächtig über den Eisströmen des Ötztals. Auch er selbst war Jahrtausende lang von einem mächtigen Eisschild überzogen. In den letzten Jahrzehnten nagte allerdings der Klimawandel am Berg – und legte erstaunliches frei: Eine mehr als 5.000 Jahre alte Eismumie wurde 1991 zwischen dem Similaun und der Fineilspitze im Osten gefunden – der Ötzi. Die Fundstelle ist heute mit einem denkmalartigen Obelisken markiert und kann im Zuge einer Besteigung besucht werden. Etwa eine halbe Stunde vom Fundort entfernt, liegt die Similaunhütte, auf stolzen 3019 Metern. Wer nicht ausreichend akklimatisiert ist, den erwartet hier bereits erhöhter Puls und Atmung, so wie unruhiger Schlaf. Hüttenwirt Markus Pirpamer aber scheut keine Mühen, um das Erlebnis einer hochalpinen Nacht perfekt zu machen: Gemütliche Zimmer, neue Duschen und Waschräume sowie eine einzigartige Küche, die nicht nur Kraft schenkt, sondern auch ausgezeichnet schmeckt. Der Similaun ist für die meisten Bergsteiger am Folgetag einer Übernachtung dran: Anderthalb Stunden und einfache 500 Höhenmeter – und schon hat man den Gipfel über den Niederjochferner erreicht. Ein perfekter Einsteiger-Gipfel, der erstmals waschechtes Hochtourenfeeling aufkommen lässt.
4. Hoher Sonnblick, 3.106 m
Goldberggruppe, Nationalpark Hohe Tauern, Salzburger Land
Der Hohe Sonnblick wird auch Rauriser Sonnblick genannt und liegt zwischen den österreichischen Bundesländern Salzburg und Kärnten. Auf seinem Gipfel befindet sich das Zittelhaus und das Observatorium Sonnblick, eine der höchstgelegenen Wetterstationen Europas. Der Berg hat eine bewegende Geschichte, welcher man auch im Aufstieg immer wieder begegnet. Als Start dient das einstiege Goldgräberörtchen Kolm-Saigurn. Hier befindet sich auch ein Nationalpark-Museum, mehrere Einkehrmöglichkeiten, ein Rundwanderweg für Familien und der beeindruckende Barbara-Wasserfall. Wahrscheinlich standen schon im 16. Jahrhundert Goldgräber auf dem Gipgel des Sonnblicks. Die touristische Erschließung setzte dagegen erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts ein – dank eines Bergwerksbesitzers mit dem Namen Ignaz Rojacher. Dieser gab auch der winzigen Schutzhütte auf der Ostschulter des Sonnblick seinen Namen. Mehr als eintausend landschaftlich außergewöhnlich schöne Höhenmeter hat man bis zur Rojacherhütte zurückgelegt. Die folgenden 400 Höhenmetern führen teils mit Stahlseilen versichert, ausgesetzt und steil über dem Goldbergkees zum Gipfel. Fünf Stunden dauert der Aufstieg von Kolm-Saigurn.
Nach der Übernachtung auf dem Zittelhaus kann der Hohe Sonnblick nach Westen über das Kleinfleißkees (Steigeisen!) verlassen werden. Ist der Gletscherrand und die leichte Felskletterei erstmal überwunden, ist der 3.042 Meter hohe Goldzechkopf nach einer Stunde erreicht. Von hier muss im zweiten Schwierigkeitsgrad abgeklettert werden, um über den langen Erfurter Weg hinab nach Kolm-Saigurn zu gelangen. Frühaufsteher oder Konditionsbolzen nehmen aber den nahegelegenen, 3.254 Meter hohen Hocharn noch mit.
5. Königsspitze, 3.851 m
Ortlergruppe, Nationalparks Stilfser Joch, Südtirol
Hoch, schwierig, ausgesetzt: Für Einsteiger ist die Königsspitze nur unter ganz bestimmten Bedingungen empfehlenswert. Dann aber ermöglicht der Anstieg über den Südostrücken einen ganz großen Klassiker des Alpinismus.
Die Königsspitze ist vor allem wegen ihrer markanten Erscheinung bekannt. Rundum stark vergletschert, gliedert sie sich mit Monte Zebru und Ortler in das weithin bekannte Dreigestirn. Vor allem ihre eindrucksvolle Nordwand stand im Fokus erfahrener Alpinisten. Über dieser bildete sich einst eine riesige Wechte, die Schaumrolle genannt wurde. 2001 brachen mit ihr 30.000 Kubikmeter Schnee und Eis ins Tal. Eine klare Botschaft an alle Bergsteiger: Von den vielen Routen auf die Königsspitze werden heute nur noch wenige begangen. Stein- und Eisschlag lassen den Berg zunehmend gefährlich werden.
Für eine Besteigung dieses Gipfels eignet sich also nur ein kleines Fenster. Lokale Bergführer wissen daher am besten, wann und über welche Route man den Gipfel am sichersten erreichen kann. Meist wird die Königsspitze im Juni oder Juli bestiegen. Gletschererfahrung und sicheres Gehen mit Steigeisen sind Voraussetzung. Sehr gute Kondition und Schwindelfreiheit lassen aus dem achtstündigen Gipfeltag ein imposantes Gesamterlebnis werden.
6. Monte Breva, 3.104 m
Languardgruppe, Luganer Voralpen, Lombardei
Für Dreitausender-Besteiger liegt Livigno mehr als vorteilhaft in der Provinz Sondrio. Vor allem ein Berg steht hier auf der Liste der Bergwanderer: Der Monte Breva, auch Piz La Stretta oder Sòmp i Crap Néir genannt. Statt des üblichen Andrangs vieler bekannter Aussichtsgipfel erwartet Wanderer hier aber vor allem Ruhe, weite Landschaften sowie eindrucksvolle Aus- und Tiefblicke.
Als Grenzberg zwischen Lombardei und Graubünden, ist der Monte Breva in etwa drei Stunden erreichbar. Unschwierig, einfach, aussichtsreich: Oben wartet ein beeindruckendes Panorama, das von der Berninagruppe über die Ortlergruppe bis weit über den Nationalpark Stilfserjoch reicht.
Neben dem Monte Breva können noch viele weitere Dreitausender rund um Livigno ohne Spezialausrüstung und Erfahrung erwandert werden. Die gutmütige Topografie der Wanderbarer 3.000er: Languardgruppe eröffnet genug Möglichkeiten für einen ganzen Wanderurlaub. Etwa der 3.059 Meter hohe Monte Vago – bei den Einheimischen als „Al Vach“ bekannt. Dieser Dreitausender lässt sich in etwa zwei Stunden besteigen. Im Gipfelbereich ist dabei lediglich leichte, unschwierige Kraxelei gefragt. Und auch der Pizzo Filone (3.133 m), ein markanter, freistehender Gipfel in charakteristischer Pyramidenform, ist gut zugänglich: Am günstigsten erfolgt der Anstieg über die Westseite. Ein markierter, technisch unschwieriger Wanderweg führt in rund zweieinhalb Stunden bergauf.
7. Olperer, 3.476 m
Tuxer Kamm, Zillertaler Alpen, Tirol
Der Olperer gilt als einer der eigenständigsten Berge der Ostalpen. Gegenüber seinen Nachbargipfeln weist er eine hohe geographische Dominanz aus, was ihn zu einem beliebten Aussichtsberg macht. Dennoch ist aus dem Zillertal seine Pyramidenform mit den drei markanten Graten nur selten zu sehen. Es gibt mehrere Möglichkeiten, um den Gipfel zu erreichen. Häufig wird die Olpererhütte als Ausgangspunkt gewählt. Etwa vier Stunden benötigt man von hier, um über den ausgesetzten und mit Stahlbügeln versicherten Ostgrat zu steigen. Ein weiterer beliebter Anstieg führt über die nordwestlich vom Gipfel gelegene Wildlahnerscharte. Stellenweise wird hier, am 350 Meter hohen Nordgrat, der dritte Schwierigkeitsgrad angekratzt. Zusammengelegt ergeben sich hier spannende Überschreitungsmöglichkeiten.
Übrigens: Auf dem Olperer sollen sich am 8. August 1881 die Bergsteiger August Böhm von Böhmersheim, Ludwig Purtscheller, Otto und Emil Zsigmody nach einem Gipfelsieg erstmals „Berg Heil!“ gewünscht haben.
8. Schönbichler Horn, 3.134 m
Greinerkamm, Zillertaler Alpen, Tirol
Noch ein Zillertaler: Das Schönbichler Horn wird häufig bestiegen, liegt es doch nur einen Steinwurf vom beliebten Berliner Höhenweg entfernt. Auf der Etappe zwischen Furtschaglhaus (2.293 m) im Südwesten und Berliner Hütte (2.042 m) im Osten kann man sich dem Gipfel einfach und über gut markierte Wege in etwa zweieinhalb Stunden nähern. Erst in unmittelbarer Gipfelnähe muss Hand angelegt werden. Über steiles, stahlseilversichertes Blockgelände können dann die letzten Meter überwunden werden. Das beeindruckende Panorama wird schließlich vom viel schwieriger zu besteigenden Großen Möseler (3.480 m) bestimmt.
Neben dem Schönbichler Horn bieten die Zillertaler Alpen weitere gut erreichbare 3.000er für Einsteiger. Die Berliner Hütte erschließt mit dem Schwarzenstein (3.369 m) einen Hochtourengipfel mit Gletscherkontakt. Auch der Hohe Riffler (3.231 m) gilt als technisch wenig anspruchsvoll, verlangt jedoch aus dem Zemmtal kommend Kondition. Weiteres, gern besuchtes Ziel: Der 3.509 m hohe Hochfeiler über dem Schlegeiskees, mit kurzen Stellen im ersten Schwierigkeitsgrad.
9. Wilderer Freiger, 3.418 m
Stubaier Alpen, Tirol
Cima Libera nennt sich dieser Gipfel auf seiner Südtiroler Seite. Fast rundum ist dieser Dreitausender vergletschert, was ihn zu einem lohnenden Ziel mit vielen Anstiegen macht. Für den Normalweg kann von der Sulzenauhütte oder der Nürnberger Hütte aus gestartet werden. Am Grünausee verbinden sich beide Wege, zum mehr als 1.000 Meter hohen Schlussanstieg. Über den breiten Signalgipfel kann schließlich über leichte Kletterei (erster Schwierigkeitsgrad) der Gipfel erreicht werden. Von beiden Hütten benötigt man hierfür etwa viereinhalb Stunden.
Der Wilde Freiger gehört zu den Seven Summits des Stubais: Sieben völlig unterschiedliche Berge – jeder mit ganz einzigartigem Charakter. Natürlich lohnen sich auch die weniger als 3.000 Meter hohen Seven Summits, doch der Vollständigkeit halber seien hier die übrigen Dreitausender auch erwähnt: Die Besteigung des Habichts (3.277 m) erfolgt meist von der Innsbrucker Hütte über einen steilen, teils drahtseilversicherten Steig und einen spaltenarmen Gletscherrest und erfordert Trittsicherheit, Kondition sowie sichere Verhältnisse im hochalpinen Gelände. Der Normalweg auf das Zuckerhütl (3.507 m) führt von der Dresdner Hütte über den Sulzenauferner zu einem steilen Gipfelhang – dabei wird Gletschererfahrung sowie gute Kondition erfordert. Die Rinnenspitze (3.003 m) gilt als konditionell fordernde, aber technisch gut abgesicherte Bergtour, die über markierte Steige, eine kurze Klettersteigpassage und ausgesetzte Gratpassagen zum Gipfel führt.
10. Wildspitze, 3.768 m
Weisskamm, Öztaler Alpen, Tirol
Top of Tyrol! Der höchste Berg Tirols gilt als großer Klassiker und ist fast schon Pflichtprogramm eines jeden Bergsteigers: Die Wildspitze! Hoch und vergletschert, aber dennoch gut erschlossen, wird der Gipfel dementsprechend häufig besucht.
Bemerkenswert dabei ist ihre enorme Schartenhöhe (also der Höhenunterschied zwischen einem Gipfel und der tiefsten Scharte zum nächsthöheren Berg, auch Prominenz genannt): Hier liegt die Wildspitze mit 2.261 m auf Platz 4 der gesamten Alpen. Nur die Viertausender Mont Blanc, Großglockner und Finsteraarhorn toppen das. Dadurch wird die Sicht von der Wildspitze lediglich durch Dunst und die Erdkrümmung eingeschränkt und reicht im Westen bis zu den Walliser Alpen mit Täschhorn und Weissmies, weiter zu den Berner Alpen mit Aletschhorn, Finsteraarhorn und Mönch sowie im Osten bis zur Schobergruppe. Der Normalweg auf die Wildspitze führt vom Firnbecken nördlich des Mitterkarjochs über den Südwestgrat zum Südgipfel und gilt bei guten Bedingungen als vergleichsweise einfache Hochtour. Alle Zustiege – von Vent, dem Taschachhaus, der Braunschweiger Hütte oder dem Gletscherexpress – führen über spaltenreiche Gletscher, weshalb vollständige Gletscherausrüstung und Erfahrung unbedingt erforderlich ist.
















