Frühstart im Vinschgau
Regenwetter und sogar Schneefall begleitet uns, auf dem Weg durch die Nordalpen. Im Vinschgau dagegen verströmen die Apfelwiesen bereits ihren charakteristischen Duft. Vorfreude, als mit jeder Kehre – vom Reschenpass bis hinab ins Etschtal – das Thermometer steigt. Die Südtiroler Sonne scheint.
Autor: Benni Häfner
Als „partner in crime“ und „best buddies“ auf den Trails, so erklären sich die BikeHotels Südtirol – hier im Vinschgau, aber auch an knapp 30 weiteren Standorten in Südtirol. Was an diesem Versprechen dran ist, wie man am besten in die Saison startet und welche Trails sich dafür am besten eignen, das haben wir uns genauer angeschaut.
Das Blaue vom Himmel
Wer im Vinschgau seinen MTB-Urlaub verbringen möchte, kommt um zwei Häuser nicht herum: Piris Jagdhof in Latsch. Und der Schulerhof in Plaus nahe Naturns. Die beiden BikeHotels sind optimal auf Mountainbiker vorbereitet – was weit über die üblichen Standards hinausgeht. So stehen uns hier nicht nur startbereite E-Bikes, hauseigene Werkstatt, Reinigungs- und Abschließmöglichkeiten zur Verfügung, sondern auch noch die Expertise eingefleischter Bike-Locals. Wir checken ein, zunächst im Schulerhof. Gastgeber Thomas ist Südtiroler durch und duch: Als ausgebildeter Wanderführer bringt er Gästen die Natur des Vinschgaus näher. Als Bikeguide führt er Einsteiger wir Profis durch die Trails. Und als Sommelier weiß er genau, welche regionalen Tropfen dem Abendessen im Schulerhof die Krone aufsetzen.
In Foyer des Hauses liegt ein dickes Buch aus. Es sind die gesammelten Wander- und Bergtouren von Thomas Schuler. Von leichten Rundtouren, bis hin zu alpinen Routen über der 3.000-Meter-Marke, allesamt vor der Haustür oder der umliegenden Region. Ein beeindruckendes, vor allem aber auch äußerst hilfreiches Werk. Sollten selbst danach noch Fragen offen bleiben, weiß Thomas immer eine Antwort. Für den angebrochenen Tag schlägt er den Lupo-Trail vor. Nur eine kleine Ausfahrt entfernt, perfekt um die neuen Bikes kennenzulernen. Ein einfacher, aber lohnender Start in die Bikesaison.
In den nur wenigen Minuten mit Thomas füllte sich unsere Urlaubsplanung bis oben hin. Für morgen ist ein individuelles Techniktraining angesagt. Für die Nachmittagstour halten wir uns gleich mehrere Optionen offen. Und auch der übernächste Tag ist schon durchdacht – mit dem ein oder anderen Geheimtipp. Nun pedalieren wir unter stahlblauem Himmel bis auf fast 1.500 Meter den Tomberg hinauf und freuen uns über das eingehaltene Versprechen. Ankommen in den BikeHotels ist schon beim ersten Mal ein bisschen wie Heimkommen.
Wo Schatten, da auch Licht
Der Tomberg ist eine eher unscheinbare Bergschulter über dem Mosaik der talnahen Apfelplantagen. Jetzt, in der kühler werdenden Nachmittagsluft, liegt ihr süßer blumiger Duft in weiten Teppichen über den Wiesen. An ihrem Ende angekommen verschluckt uns der Wald. Wir befinden uns auf der nach Norden ausgerichteten Talseite. Die Locals nennen sie schlicht Nörderberg. Ein Habitat, der fast schon an die nördlichen Kalkalpen erinnert. Dichte Moosteppiche. Knorrige Fichten. Und selbst im Hochsommer erträgliche Temperaturen.
Der Lupo-Trail gilt als technisch einfach, und führt großteils über leicht Wurzelteppiche. Da er immer wieder eine Forststraße quert, ergeben sich mehrere Möglichkeiten, um ein- oder auszusteigen. Perfekt geeignet für Anfänger, aber auch für Gruppen, die erst noch zueinander finden möchten. Wir ziehen die Riemen fest und senken die Sattel. Was nun folgt, gibt einen Vorgeschmack von dem, was uns im Vinschgau erwarten wird: Jede Menge Spaß!
Am nächsten Morgen sind wir bereits bestens eingegroovt. Putzmunter beobachten wir, wie das erste Sonnenlicht die 2.909 Meter hohen Vermoispitze wachkitzelt. Sie liegt auf der nach Süden ausgerichteten Talseite, gehört also zum sogenannten Sonnenberg. Seinem legendären Ruf werden wir am Nachmittag nicht widerstehen können. Trocken und mediterran soll es dort sein, mit überwältigenden Ausblicken und flowigen Trails. Wir üben uns aber noch etwas in Geduld und treffen oberhalb von Naturns, auf der Schattenseite, auf Daniel. Er ist Bikeguide bei der Ötzi Bike Academy, die eng mit dem Schulerhof zusammenarbeitet.
Wir finden uns auf einem weitläufigen Trainingsparcour, nur wenige Minuten von der Etsch entfernt, wieder. Später werden wir hier die unterschiedlichsten Hürden nehmen: Spitzkehren, Stufen, abschüssige Felspassagen und eine Holzwippe. Und selbst für Bike-Einsteiger und Kinder nimmt man sich hier gerne Zeit. Denn Grundlagenkurse vermitteln wichtiges Basiswissen!
Der Vinschgau in Südtirol zählt zu den vielseitigsten MTB-Regionen der Alpen: Über 80 markierte Touren führen durch Almen, Wälder und hochalpines Gelände – abwechslungsreich, landschaftlich eindrucksvoll und geeignet für Einsteiger wie erfahrene Biker.
Ergänzt wird dieses Angebot durch die Bike Hotels Südtirol – ein Zusammenschluss spezialisierter Unterkünfte, die sich ganz auf die Bedürfnisse von Mountainbikern und E-Bikern ausrichten. Geführte Touren, sichere Abstellräume, Werkstattservice und regionale Streckenkenntnis sorgen dafür, dass Gäste bestens betreut sind und die Vielfalt der Trails optimal erleben können. www.bikehotels.it
Vitalpina Hotel Schulerhof (Bikehotel Südtirol)
Gröbenweg 6, 39025 Plaus
(bei Naturns), Südtirol, Italien
Tel.: +39 0473 660 096
info@schulerhof.it
www.schulerhof.it
Piris Jagdhof – Dolce Vita Experience (Bikehotel Südtirol)
Via Signori 15, 39021 Latsch (BZ), Südtirol, Italien
Tel.: +39 0473 622 299
info@jagdhof.com
www.jagdhof.com
Ötzi Bike GmbH
Hauptstraße 25
39025 Naturns, Italien
Tel.: +39 347 1300926
info@oetzi-bike-academy.com
www.oetzi-bike-academy.com
BikeHotels Südtirol
Reiperting 7
39031 Reischach/Bruneck, Italien
info@bikehotels.it
bikehotels.it
Technik die begeistert
Zunächst aber prüfen wir, ob die Federung mit unserem Gewicht harmoniert. Dafür schieben wir die Gummiringe an den Kolben aufwärts und belasten Gabel und Dämpfer unter dem Normalgewicht des Fahrers. Dabei sollten die Kolben um etwa 30 % eingeschoben werden. Dieser negative Federweg wird auch als Sag bezeichnet und mittels einer Dämpferpumpe justiert. Mehr Druck bedeutet weniger Sag. Den Reifendruck von knapp 2 Bar senken wir erst später, wenn im Gelände ein geringerer Druck für mehr Grip und Kontrolle sorgt.
Wir umfassen den Lenker und legen nur einen Finger über die Bremse. „Ein Finger reicht vollkommen zum Bremsen. Die übrigen Finger benötigen wir, um den Lenker fest im Griff zu halten.“ Ein weiterer häufiger Anfängerfehler sei es, die Lenkerstange nicht ganz außen zu greifen, was auf Kosten der Kontrolle und Stabilität gehe. Außerdem schone eine neutrale Haltung die Handgelenke. Erste Balance und Bremsübungen meistern wir mit Leichtigkeit. Erst beim Üben von Spitzkehren stoßen wir auf echte Herausforderungen. Ein harter Stopp mit der Vorderbremse und Daniels Hinterrad steigt weit in die Höhe. Am Scheitelpunkt angelangt, schwingt der gesamte Rahmen zur Seite, während durch das Lösen der Bremse das Vorderrad wieder Fahrt aufnimmt und das umgesetzte Rad sanft auf dem Übungstrail zu Boden geht. Wie sowas geht? Übung!
Eine für diese Fahrtechnik besonders geeignete Lernaufgabe ist ein angedeuteter Handstand auf dem Lenker. Dabei genügt es, mit beiden Beinen seitlich des Rads zu stehen, um nun mit Schwung das gesamte Körpergewicht auf den Lenker zu bringen. Je höher und länger die Füße in der Luft sind, desto besser. Wichtig: Langsam herantasten! Wer sich dabei schon sicher fühlt, versucht zunächst die Übung aus der Fahrt heraus in der Ebene. Eine Minute mehr für diese Übung nimmt sich, wer kein schweres E-Fully gewohnt ist. Uns bringt jedoch jede einzelne Minute im Technikparcours weiter. Nicht lange, da hat Daniel genug gesehen. „Raus geht´s! Zum Einstieg!“.
Go with the flow
Der Ötzi Flow Trail liegt vor uns. „1.900 Meter Spaß für alle!“ Anfänger als auch Profis fänden hier ihre Freude, das sei ohnehin immer das Geheimnis eines gut angelegten Trails, bemerkt Daniel. Wir möchten nun vor allem die neu erlernten Techniken auf den S1-Trail bringen und steigen anfangs noch zaghaft ein. Als uns aber Daniel zeigt, wie es richtig geht, lassen auch wir die Bremsen länger offen. Im Flow bestimmen wir die Geschwindigkeit dank Bremstraining punktgenau. Wir überwinden Wurzelteppiche, in dem wir das Bike unter uns arbeiten lassen. Und in steilen Anliegern beherrschen wir die Kurventechnik dank einem vorrausschauenden Blick und der richtigen Fußposition. „In einer Linkskurve ist der rechte Fuß vorn und umgekehrt. Das erleichtert es, den gesamten Körper in Richtung der Kurve zu öffnen.“ Eine nicht unerhebliche Technik, die es nun zu verinnerlichen gilt.
An der Waldschenke spuckt uns der Wald schließlich wieder aus. Wer noch nicht genug hat, wiederholt das Ganze. Dank Akku sind zwei oder drei Abfahrten überhaupt kein Problem. Wir aber möchten nun endlich auf die Sonnenseite wechseln und rollen hierfür gemächlich die Etsch entlang, bis nach Latsch. Die 5.000-Seelen-Gemeinde liegt im Herzen des Vinschgaus, ebenso wie seine Nachbardörfer, bilderbuchartig und romantisch verträumt. Hier besuchen wir Piris Jagdhof, geführt von Martin und Ruth Pirhofer, mit den Söhnen Hannes und Julian – kurz: Die Piris. Martin war es, der einst die BikeHotels Südtirol mitinitiiert hat. Sein Traum ist Wirklichkeit geworden. Im Jagdhof fehlt es Bikern an nichts. Und wie im Schulerhof auch, so gehen auch gerne die Piris mit auf Tour. Zu Fuß durch die Apfelwiesen, oder mit dem Bike auf die Trails.
Nach St. Martin, auf 1.740 Metern, bringt die Seilbahn Biker von 7 bis 9 Uhr und von 15 bis 18 Uhr. So werden die Stoßzeiten deutlich entzerrt. Und auch unterwegs wird deutlich, wie gut Wanderer und Biker in Südtirol harmonieren. Es wird Acht gegeben, freundlich gegrüßt – und als eine Wandergruppe kurz innehält, nur um uns ein Viehgatter aufzuhalten, scheint der Moment perfekt. „Grazie mille!“
Wir genießen sie also, die Südtiroler Nachmittagssonne, und haben nach der kurzen Abfahrt von der Bergstation die Wahl: Der mehr als drei Kilometer lange Tschilli-Trail, schwer, S3, aber der Klassiker schlechthin. Oder der Monte Sole Trail. Mit S2 einfacher, aber schon als schönster Trail der Alpen bezeichnet. Fast sechs Kilometer über Wiesen, durch Wälder, nie zu steil und nie zu flach. Ein einzigartiges Bike-Erlebnis inmitten von Sonne, Natur und Panorama. Denn morgen ist ja auch noch ein Tag.
Michaela Zingerle, die Geschäftsführerin der Südtiroler BikeHotels, im Interview
Südtirol ist eine der führenden MTB-Destinationen im Alpenraum. Was macht aus deiner Sicht den entscheidenden Unterschied zwischen gutem Bike-Angebot und einer wirklich authentischen Bike-Region?
Authentizität entsteht, wenn Biken einfach dazugehört – selbstverständlich, von innen heraus gelebt. Ein Angebot ist immer etwas Konstruiertes. In Südtirol ergänzen sich beide Seiten: eine gewachsene Alltagskultur auf dem Bike und ein Angebot, das sie stärkt. Das macht den Unterschied.
Welche Rolle spielen Bike-Hotels für einen nachhaltigen MTB- Tourismus in den Alpen?
Seit fast 30 Jahren engagieren sich die BikeHotels – für Wegefreiheit, Infrastruktur, Sicherheit und Sensibilisierung und letztendlich fürs Mountainbiken. Der Blick unserer Gäste schärft den eigenen: Standen früher Höhenmeter im Vordergrund, zählen heute Genuss und gemeinsame Erlebnisse. Wir verbinden Menschen mit Südtirols Kultur und Natur, vermitteln Wertschätzung und Respekt. In den Hotels gilt dasselbe Prinzip: Bio statt Masse, Regionales vor Importiertem, Kreislaufwirtschaft statt Wegwerfmentalität.
Welche Trends werden in Zukunft das MTB-Angebot in Südtirol prägen?
Zwei Entwicklungen zeichnen sich ab: Individualisierung und der Wunsch nach echter Verbindung. Gleichzeitig steigen immer mehr Frauen, Kinder und ältere Menschen aufs Bike – nicht für Rekorde, sondern weil Radfahren einfach Spaß macht und unfassbar guttut, dem Körper und dem Geist. Und wer regelmäßig fährt, wird fitter, fühlt sich jünger und vitaler. Ganz von selbst.










