Goldrausch: steile Passagen, ein schmaler Grat und endlose Stille

Schweizer Alpen / Das Gfroren Horn liegt verborgen, wo kaum jemand hinsieht. Eine Skitour für alle, die Einsamkeit suchen. Und das Abenteuer im Unscheinbaren finden.

Text und Fotos: Thomas Balmer

Die Hänge glitzern weiß – doch unser Ziel liegt höher. Abgelegener. Kälter. Echter. Mit jedem Schritt auf den Fellen wird das Atmen rhythmischer, das Denken leiser. Das LVS ersetzt das Sieb, die Tourenskier das Goldwaschbrett. Wie moderne Goldsucher steigen wir durch das winterliche Sertigtal bei Davos. Auf der Suche nach Pulverschnee und nach einem Moment, der alles wert ist.

Über Nacht hat der Wind neue Linien gezogen: weiche Wellen, gefrorene Spuren, absolute Stille. Nur das Rascheln der Jacke und das Klicken der Bindung durchbrechen sie. „Das Gfroren Horn macht seinem Namen alle Ehre“, sagt mein Tourenkumpel Martin und haucht Wärme in seine Finger. Kein Wunder: Die Sonne zögert noch.

Mit jedem Höhenmeter rückt das Tal zurück, der Blick weitet sich. Der Aufstieg folgt dem Talverlauf, ehe er auf die Nordseite des Berges führt. Das Gelände wird steiler und felsiger. Der finale Grat ist schmal, eine gute Skischuhbreite zwischen Himmel und Nichts. Ein Fehltritt? Keine gute Idee. Jetzt zählt jeder Schritt. Und dann: Gipfelglück auf 2.747 Meter. „Wow!“ Mehr Worte braucht es nicht. Der Rest erzählt die Berglandschaft auf dem Gipfel rund um Martin herum. Der Atem hängt in der Luft, die Stille klingt nach.

Drei Linien führen hinab, drei Arten, das eigene Gold zu finden. Die sanfte Abfahrt entlang der Aufstiegsspur ist relativ sicher, bei gut 30 Grad Hangneigung. Das Nordface hingegen ist roh, steil, 45 Grad und meist unverspurt – ein Abfahrtsrausch für Könner. Oder die Südflanke: goldgetönt in der Sonne fordernd, denn nur wer sich links hält, entgeht den Felsen. Der wahre Goldrausch aber liegt woanders. Im Augenblick, bevor man abstößt. In der Stille, die bleibt, wenn alles gesagt ist.

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