Im Olympiafieber: Kleines Engelberg ganz groß

Engelberg / Eine kleine Exklave des Kantons Obwalden in der Zentralschweiz. Eingerahmt von Gletschereis und mächtigen Dreitausendern. Keine 5.000 Engelberger leben hier. Erreichen können sie ihre Heimat ausschließlich über das lange Engelbergertal, ein Sträßchen, dass sich in vielen Kehren den Berg hinaufwindet. Man könnte nun meinen, Engelberg sei ein verschlafenes Örtchen, abgelegen und vom Rest der Welt abgeschnitten – doch das genaue Gegenteil ist der Fall. Engelberg ist nur eine Stunde von Zürich entfernt. Luzern liegt sogar noch näher. Engelberg gilt als weltoffen. Als schneesicher, perfekt für Freerider geeignet. Mit lebendiger Kultur und altem Brauchtum. Und: Engelberg ist der Ort mit den meisten gewonnenen Medaillen bei Olympischen Winterspielen – weltweit! Wir sind hingefahren, und haben uns Engelberg einmal genauer angeschaut.

Autor: Benni Häfner

Engelberg von der Fürenalp aus gesehen. Mehr als 800 Meter über den Dächern des Dorfes liegt einem das gesamte Tal zu Füßen. Die dahinterliegenden Melchtalerberge machen das Panorama perfekt.

Mehr als 900 Jahre zuvor

Es gab nicht viel im Engelbergtal, als Konrad von Sellenbüren hier oben die Benediktinerabtei Kloster Engelberg gründete. Besiedelt wurde sie mit Mönchen aus dem Nachbarkanton Aargau. Das Kloster überdauerte die Jahrhunderte, die Pest und politische Auseinandersetzungen. Heute ist es eine der größten Barockanlagen der Zentralschweiz – und noch immer mit Leben gefüllt. 17 Mönche arbeiten, beten, singen und leben hier. Am Abend dürfen wir zuhören, wenn die Tore zum Vesper offen stehen. Mit ruhigen Klängen wirkt da die Imposanz der Klosterkirche auf uns ein. Hinter uns auf der Empore, die Orgel. Sie ist mit 137 Registern auf vier Manualen die größte der Schweiz. Von Beginn unserer Reise an wirkt das Kloster wie ein pulsierendes Herz am Rande Engelbergs – Quelle von Spiritualität, von Glauben, Begegnungen und Achtsamkeit. Seit 1120.

Spannende Informationen über die Region lassen sich sogar noch weiter in der Geschichte finden: In der letzten Eiszeit, vor etwa 15.000 Jahren, brach ein gewaltiger Bergsturz vom Titlis (3.238m) ins Tal hinab. Drei Kubikkilometer Gestein, von welchem Teile auf der gegenüberliegenden Talseite bis auf eine Höhe von 1.000 Metern hinaufgeschleudert wurden. Die Schuttmassen versperrten den Talausgang, wodurch das Wasser der Engelberger Aa aufgestaut wurde. Der See verlandete jedoch schnell und bot 16.000 Jahre später so den perfekten Bauplatz für das Kloster. Über die dabei entstandenen baumfreien, mehr oder weniger steilen Hänge, freuen sich heute die Freerider.

Blickt man vom Klosterhof hinauf zum Titlis, finden wir dort oben nicht nur gleißenden Schnee, sondern auch eine der derzeit höchsten Baustellen der Alpen. Noch versteckt sich das Rekordgebäude hinter Baukränen und Gerüsten. Peter Schmidli erklärt und das Projekt im Detail. Wir treffen ihn an der Talstation der Titlis Bergbahn.

Im Brunni: Das Wintersportgebiet überzeugt mit Sonnenhängen, vielfältigen Angeboten und Prachtblick auf den Titlis.

Andreas Theler ist Marketing- und Kommunikationsleiter in der Schweizerischen Sportmittelschule Engelberg. Er führt uns durch die erfolgreiche Talentschmiede.

The Peak to be

Der Titlis liegt unmittelbar im Süden Engelbergs. 2.000 Meter über den Dächern des Dorfes, nur aber einen Steinwurf unterhalb des Gipfels, ragt der TITLIS Tower in den Himmel. Inmitten von Eis und Fels wird hier ein neues Kapitel alpiner Architektur geschrieben, erklärt Schmidli. Das neue Wahrzeichen der Alpen.

Die Stahlkonstruktion aus den 80ern biete die perfekte Basis. Denn was eins als Funkturm und Antennenkonstruktion gedacht war, punktet heute auf ganz andere Weise: Eine rundum ungehinderten 360°-Panoramablick. Aus Stahl und Glas, vom renommierten Architekturbüro Herzog & de Meuron entworfen, wird der TITLIS Tower im Mai diesen Jahres öffnen und einer spektakulären Aussichtsplattform, dem Horizon Deck, einen passenden Rahmen bieten. Bald kann man hier den Blick schweifen lassen. Von den Alpen bis ins Mittelland, von Frankreich und Italien bis nach Deutschland.

Unter dem Deck eröffnet ein Restaurant mit Bar. 120 Sitzplätze. Prachtblick wieder inklusive. Nebenan wird das schweizerische Traditionsunternehmen Rolex einziehen und damit ihre weltweit höchste Filiale eröffnen. Auf 3.050 Metern empfängt das Tower Gate Besucher, die über Gletschereis den Turm erreichen. Sommers wie winters. Unterirdisch wird die Anlage außerdem mit der neuen Bergstation, der TITLIS Peak Station verbunden. Dieses Bauwerk wird an einen flachen, aus dem Berg wachsenden Kristall erinnern. Schon jetzt ein Meilenstein moderner Baukunst unter extremen Bedingungen.

Mit Blick auf den TITLIS Tower aber könnte man fast vergessen, wieso die meisten Besucher derzeit am Berg sind. Dafür müssen wir den Blick senken, ins Tal, wohin insgesamt 82 vielfältige Pistenkilometer ziehen. Wie im Tal das Kloster, ist am Berg die Piste Ort der Begegnung. Und die erste lässt nicht lange auf sich warten.

Ski-Junkies, lebende Legenden und Visionäre

Dominique Gisin wuchs in Engelberg auf und erlernte hier das Skifahren. Sie machte ihre Matura in der Stiftsschule Engelberg und schloss an der ETH Zürich ein Physikstudium mit dem Master ab. Sie bestand auch einen Teil der Aufnahmeprüfung zur Ausbildung als Kampfflugzeug-Pilotin der Schweizer Luftwaffe – doch das Skifahren dominiert Gisins Leben: Seit 2001 bestreitet sie FIS-Rennen. Im kanadischen Alberta fuhr sie bei ihrem Weltcup-Debüt im Abfahrtstrain überraschend Bestzeit. Ein Riss des rechten Innenbandes ließ allerdings die Hoffnungen jäh platzen.

Gisin aber kämpfte sich neben mehreren Verletzungspausen weiter und weiter an die Spitze. Am 18. Januar 2009 gewann sie in Zauchensee gemeinsam mit der Schwedin Anja Pärson ihr erstes Weltcuprennen. Während der Weltcupsaison 2013/14 positionierte sie sich regelmäßig in den Top 10. Unangefochtenes Karrierehighlight bleibt aber der unvergessene Sieg in Sotchi: Gold in der Abfahrt. Für Gisin. Und für Engelberg. Am Höhepunkt ihrer Laufbahn angelangt, beendet sie schließlich ihre Karriere. Aufhören, wenn es am schönsten ist!

Es lohnt sich also, die Augen offen zu halten, wenn man auf Engelbergs Pisten unterwegs ist. Denn ab und zu ist die ehemalige Olympionikin hier noch zu finden, auf den Pisten ihrer Heimat. Und tatsächlich treffen wir Dominique Gisin auf der sechseinhalb Kilometer langen Talabfahrt. In der schwierigsten Passage, dem sogenannten Kanonenrohr, können wir live miterleben, wie Skifahren auf Spitzenniveau aussieht. Da unsere Schwünge nach diesem Anblick nur zaghaft und ungeübt wirken, wirft uns Gisin noch einige Tipps und Tricks entgegen. Dazu ein paar freundliche Worte und immer genug Zeit für ein Selfie, und schon verschwindet die Goldgewinnerin im Weiß der Pisten. Eine einmalige Begegnung für alle Freunde des Skisports.

Oben am TITLIS Tower macht sich wenig später Heinrich Gieseker bereit für seine Abfahrt. Kaum jemand kennt diesen Namen. Kein Wunder, denn der mittlerweile 78 Jahre alte Gieseker hört viel mehr auf den Namen Snowflake:

Dominique Gisin holte bereits Olympisches Gold nach Engelberg.

Tief- und Weitblicke bei der Überschreitung der höchsten Hängebrücke Europas.

Sonne satt und der Pistenmillionär von Engelberg

Zweifelsfrei ist Snowflakes Markenzeichen der schneeweiße Anzug. Hintergrund ist ein ganz praktischer: Der junge Snowflake verbrachte schon früher jede freie Minute am Berg. Als die Pistenwache abends mit Kontrollfahrten begann nach Nachzüglern Ausschau zu halten, verstecke er sich mit seinem weißen Anzug im Schnee. So blieb ihm mehr Zeit am geliebten Titlis.

Heute hat sich das ein wenig geändert. Sein Frohmut und das Glück über jeden einzelnen Schwung dagegen sind geblieben. Noch heute verbringt Snowflake jährlich 150 Skitage in Engelberg. Die Saison geht hier von Mitte Oktober bis Mai. Verständlich also, dass man Snowflake gerne auch als Pistenmillionär bezeichnet. Niemand hier hat mehr Pistenkilometer gesammelt als er.

Im nordseitig gelegenen Skigebiet am Titlis finden sportliche Skifahrer wie Snowflake rasante Pisten. Auf der gegenüberliegenden Talseite schweben dagegen Genussskifahrer mit der Brunnibahn bergauf. Hier, auf der Sonnenseite Engelbergs, treffen wir auf Roman Barmettler, Geschäftsführer der Luftseilbahn Engleberg-Brunni AG. Ihm nach kommen hier besonders Familien mit Kindern, Anfänger oder Wiedereinsteiger auf ihre Kosten. Winterwanderer, Rodler, Gleitschirmflieger und Skifahren teilen sich die sonnige Aussichtsterrasse der Brunnihütte gleichermaßen. Auf dem sonnigen Südhang locken im Sommer luftige Klettersteige, Abenteuerspielplätze, ein Klettergarten und sogar eine Sommerrodelbahn. Gemeinsam mit der Berglodge Ristis, dem Familienrestaurant OX und mehreren bewirtschafteten Hütten, ergibt sich auch kulinarisch und gastronomisch ein stimmiges Gesamtkonzept. Das ganze Jahr über. Für uns bedeutet das erstmal: Plaisir-Skifahren mit eindrucksvollem Blick auf den immer präsenten Titlis.

Little Patagonia und eine Reise in die Vergangenheit

In Engelberg finden sich einige historisch bedeutsame Häuser. Eines davon ist das Wappenhaus, ein altes Bauernhaus, das 1768 neu errichtet wurde. In ihm ist das Talmuseum Engelberg untergebracht. Beat Christen, der auch in der Verwaltung des Benediktiner-Klosters tätig ist, führt uns durchs Haus. Erzählt wird die Geschichte Engelbergs, immer wieder aus neuen Perspektiven. Wechselnde Ausstellungen, ein beeindruckendes Archiv und natürlich: Die Olympioniken Engelbergs. Feierabend, Beerli, Waser, Olinger und Gisin. Klingende Namen, zu welchen Christen viele Anekdoten zu erzählen weiß. So wird das Museum zu einem lebendigen Gedächtnis des Tals, in dem Alltagsgeschichte, Sport und große Weltmomente ineinandergreifen. Ein Rundgang, der zeigt, wie viel Geschichte im kleinen Engelberg steckt.

800 Höhenmeter zieht uns am nächsten Tag die kleine Luftseilbahn Führenalp zur gleichnamigen Hütte hinauf. Die fast schon postkartenartige Umgebung wirkt ein wenig wie das Naherholungsgebiet eines Naherholungsgebiets. Skitourengeher ziehen dem Gipfel des Wissbergs entgegen. Winterwanderer genießen unterschiedlich lange Rundtouren. Und Kinder sausen auf Schlitten den Berg hinab. Der Wind am Titlis, weit über uns, wirbelt den Schnee wild durch die Luft. An der Führenalp aber strahlt die Sonne. Es ist nicht schwer nachzuvollziehen, dass die Einheimischen diesen Ort liebevoll Little Patagonia nennen.

Auch wir leihen uns einen Schlitten. Nicht aber für seinen eigentlichen Bestimmungszweck: Im kleinen Holzkistchen, welches wir auf den Kufen durch den Schnee ziehen, ist nämlich unser Proviant untergebracht: Fonduekäse, Brot, eine Flasche Wein und alles, was dazugehört. An einem aussichtsreichen Plätzchen lassen wir uns also nieder. Der Fondueschlitten ist vielleicht das außergewöhnlichste Angebot der Führenalp, sicher aber das lohnendste. Mit den Gipfeln des Spannorts im Blick, mit dem Duft des Käses in der Nase und dem Geschmack des Weines auf dem Gaumen, vergehen entspannte und entschleunigende Stunden. Zeit, um die Reise Revue passieren und den Blick schweifen zu lassen. Engelberg zeigt sich hier von seiner stillen, genussvollen Seite – fernab von Hektik. Im Hier und Jetzt.

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