Netzwerk: Die Wanderwege der Alpen
Alpenraum / Mehr als 150 Jahre ist es her, da wurden die ersten Sektionshütten der Alpenvereine errichtet. Seitdem bieten sie Bergsteigern Schutz. Doch während die Hütten stetig ausgebaut und modernisiert wurden, blieben die Zustiegswege meist unberührt davon. Wer also heute eine der insgesamt ca. 1.250 Alpenvereinshütten erwandert, bewegt sich auf historischen Pfaden.
Autor: Benni Häfner
Der Weg zur Franz-Fischer-Hütte in den Radstädter Tauern. Vor 95 Jahren wurde das kleine Schutzhaus errichtet. Mindestens so lange führt auch schon den Zugangsweg hier herauf. Ein schmaler, malerisch angelegter Pfad, der aber ebenso gepflegt, markiert und repariert werden muss, wie alle anderen Wege des Österreichischen Alpenvereins. Ehrensache. Damals wie heute.
© ÖAV | Simon Schöpf
Doch auch an ihnen nagt der Zahn der Zeit – und der des Klimawandels. Immer häufiger müssen Wege umgeleitet, Brücken repariert oder Abschnitte ganz gesperrt werden. Die Alpenvereine und ihre Sektionen arbeiten daher mit Hochdruck daran das Wegenetz instand zu halten. Das Netzwerk der Alpen: Ein Mammutprojekt, grenzübergreifend, das ohne die freiwillige Mithilfe tausender ehrenamtlicher Vereinsmitglieder nicht stemmbar wäre.
Deutschland: DAV (Deutscher Alpenverein)
In den deutschen Alpen (und in Teilen Österreichs) betreut der Deutsche Alpenverein ein etwa 30.000 Kilometer langes Wegenetz. Dass auch österreichische Abschnitte dazugehören, erklärt Gabriela Scheierl. Sie unterstützt seit mehr als 15 Jahren die DAV-Sektionen im Bereich alpiner Wegebau. „Als sich die Alpenvereine gründeten, kam es dazu, dass auch deutsche Sektionen Hütten in Österreich errichteten. Bis heute sind diese oft an den Namen deutscher Städte zu erkennen. Und damals wie heute kümmern sich die Sektionen eben nicht nur um die Hütten selbst, sondern auch um die Wege.“ Wichtig zu wissen sei außerdem, dass es eine Vielzahl anderer Wege gibt, die nicht von den Alpenvereinen erbaut wurden. In vielen Bereichen gibt es eine gute Zusammenarbeit mit dem Forst, Almbauern, oder den Gemeinden. Mit ihnen arbeite man auch gerne und oft zusammen, beispielsweise wenn Hüttenzustiege in der Ortsmitte oder an Dorfparkplätzen beginnen und der örtliche Bauhof mit Material und Arbeitskräften unterstützt. „Grob über den Daumen gepeilt kann man aber davon ausgehen, dass die meisten Alpenvereinswege oberhalb der 1.000-Meter-Marke liegen“, gibt Scheierl an. Und davon gibt es jede Menge.
Der DAV betreut schätzungsweise etwa 30.000 Wegkilometer. „Und es gibt keinen davon, der keine Pflege braucht. Hier kommen die Wegewarte zum Einsatz. Sie kontrollieren nicht nur. Mitunter verrichten sie auch anspruchsvolle und technisch herausfordernde Arbeiten.“ Beispielsweise, wenn eine Beschilderung fehle, oder eine Markierung erneuert werden müsse, so Scheierl. Was aber, wenn verschütte Wegabschnitte freigelegt werden müssen, oder weite Strecken den Wassermassen ganz fortgerissen wurden? Dann braucht auch der DAV Hilfe. Und die findet er nicht nur in seinen Mitgliedern. Bei großen Unwetterschäden ist auch der DAV auf öffentliche Fördermittel für Katastrophenschäden angewiesen.
Extremwetterereignisse häufen sich. Murenabgänge und Starkregen setzen den Wegen des DAV mehr und mehr zu. Der Klimawandel sorgt aber auch für weitere Probleme: Steinschlaggefährdete Abschnitte müssen immer häufiger weiträumig umgangen werden. Der Aufwand ist dabei für die meisten Wanderer kaum zu erahnen. „Wir investieren in das Wegenetz derzeit rund 1,5 Millionen Euro jährlich. In den 15 Jahren, in denen ich diese Arbeiten betreue, hat sich die Summe gut verdoppelt.“ Einer der größten Gründe hierfür seien Unwetter- und Klimaschäden. Glücklicherweise gebe es aber eine große Hilfsbereitschaft aus den Sektionen. „Jährlich dürfen wir mit etwa 50.000 ehrenamtlichen Arbeitsstunden rechnen.“
Wer einen Weg erbaut und pflegt, der hat aber auch Pflichten, beispielsweise die Verkehrssicherungspflicht (in Österreich Wegehalterhaftung). „Das betrifft in erster Linie alle Kunstbauten, also Stahlseile, oder -tritte, Geländer oder Brücken.“ Bergsportler sind allerdings immer eigenverantwortlich in den Bergen unterwegs, weswegen Scheierl ergänzt: „Nur wenn künstliche Einbauten ursächlich für einen Schaden sind, könnte es prinzipiell zu einer Haftung des Wegehalters kommen. Allerdings sind uns aus den letzten Jahrzehnten keine derartigen Fälle bekannt.“
Bergwege zu stabilisieren ist Schwerstarbeit. Freiwillige des Deutschen Alpenvereins packen an, im Aufstieg zur Tegernseer Hütte.
© DAV | Klaus Listl
Auch wenn Jahr für Jahr an den Wanderwegen der Alpen gearbeitet wird, so bemühen sich die Alpenvereine, die ursprünglichen Charakteristika der Wege zu erhalten.
© DAV | Klaus Listl
Wandern und dabei den Ausblick genießen. Der Genuss täuscht allerdings nur zu schnell darüber hinweg, dass jeder Wegkilometer aufwändig gepflegt werden will.
© Benni Häfner
Österreich: ÖAV (Österreichischer Alpenverein)
Ähnlich verhält es sich im österreichischen Alpenraum. Der ÖAV beschäftigt sich mit einem Wegenetz, welches rund 26.000 Kilometer umfasst. Gepflegt werden die Wege von 193 Untersektionen. Neben den Naturfreunden und dem Touristenklub, stellt der ÖAV also einen der größten Wegeinstandhalter des Landes dar. Daneben fungieren beispielsweise aber auch Gemeinden und Tourismusverbände als Wegehalter.
1862 wurde der ÖAV gegründet. Schon in den ersten Jahren seines Bestehens hat man sich darauf verständigt, die Pflege und Markierung von gewissen Wegen zu übernehmen. Lange bevor es die ersten Berghütten gab, waren dies meist Säumer-, oder Jägerpfade, erklärt Marco Gabl, ÖAV-Mitarbeiter Abteilung Hütten und Wege. „Zeitgleich startete jedoch der Hüttenbau. Zugangswege wurden angelegt. Später auch Wege von Hütte zu Hütte. Übergänge von Tal zu Tal. Höhenwege. Weitwanderwege. Das Wegenetz des ÖAV ist ein historisch gewachsenes Netzwerk, das sich innerhalb weniger Jahrzehnte zu dem entwickelte, was wir heute kennen“.
Aber auch in Österreich weiß man: Das Wegenetz aus dem vorherigen Jahrhundert ist nicht für die Klimakrise ausgelegt, mit der wir es heute zu tun haben. „1850, beim letzten Hochstand der kleinen Eiszeit, sah man sich noch mit ganz anderen Problemen konfrontiert. Die Gletscher waren damals viel stärker ausgeprägt. Heute gelten gerade diese Regionen als Problemzonen.
Der schwindende Permafrost lässt teils ganze Hänge abrutschen, was weiträumige Verlegungen der Wege nach sich ziehen kann.“ Zudem spricht Gabl aber auch Übergänge an, die vor einigen Jahren noch vergletschert waren. Das zurückschmelzen der Gletscher lege den Untergrund zunehmend frei, sodass Neuanlagen und Markierungen oft unumgänglich sind.
Manchmal seien dafür sogar Seilversicherungen nötig, erklärt Gabl. „Bei derlei Projekten können wir aber glücklicherweise auf Unterstützung zählen. Manchmal helfen uns beispielsweise Bergführerverbände bei der Arbeit. Und natürlich auch die ehrenamtlichen Mitglieder der Alpenvereinssektionen.“ Etwa 900 Wegewarte nutzen ihre wertvolle Freizeit, um für den ÖAV Wege zu markieren, sie freizuschneiden, zu säubern und zu reparieren. Dabei sei natürlich eine gewisse Expertise entscheidend, wie beispielsweise im Wegebau, die einige der Wegewarte schon mitbringen. Wenn allerdings die Arbeiten selbst dem Alpenverein über den Kopf wachsen, muss ähnlich wie in Deutschland, professionelle Hilfe angefordert werden. Dabei geht es häufig um Windwurf, also Bäume, die drohen auf Wege zu stürzen oder bereits dort liegen. Schweres Gerät kommt zum Einsatz, wenn ganze Wegabschnitte von Muren oder Bergrutschen verlegt worden sind. Stellenweise könne aber ein spezieller Arbeitstrupp des ÖAV auch solche Aufgaben übernehmen, erklärt Gabl. Sektionsübergreifend kämen diese Spezialisten punktuell zum Einsatz, beispielsweise bei Seilversicherungen oder Brückenbau.
Doch auch bei all der Unterstützung gibt es für Gabl Grund zur Sorge: „Die Gletscher schmelzen mittlerweile so rasant ab, dass wir mit den Arbeiten oft nur schwer hinterherkommen. Oft können wir bereits abschätzen, dass aufwändige Arbeiten schon in wenigen Jahren wiederholt werden müssen. Dann gilt es vorrausschauend abzuwägen, wie eine nachhaltige Instandsetzung des Wegenetzes umgesetzt werden kann.“
Das Gesamtbudget, welches dem ÖAV jährlich für Hütten und Wege zur Verfügung steht, beträgt etwa 12 Millionen Euro. Davon werden allerdings nur etwa 1,5 Millionen Euro in die Instandhaltung der Wege investiert. Dieser Betrag kann auch in Österreich nur deswegen so gering gehalten werden, da von ihm fast ausschließlich Materialkosten gedeckt werden müssen. Die Arbeitsstunden werden einmal mehr von Freiwilligen übernommen. „So kommen wir im ÖAV auf einen ungefähren Kostenpunkt von 60 Euro pro Wegkilometer. Zum Vergleich: Eine semiprofessionelle Instandhaltung würde 250€, eine professionelle Umsetzung sogar bis zu 450 Euro pro Wegkilometer verschlingen.“ Wieder wird klar: Ohne die ehrenamtliche Tätigkeit der Vereinsmitglieder, würden die Wege zunehmend verfallen, zuwuchern und innerhalb weniger Jahre nicht mehr nutzbar sein.
Für schwerwiegende Umwelteinflüsse kann der ÖAV übrigens auf einen eingerichteten Katastrophenfond zurückgreifen. Aber auch hier macht sich der Klimawandel bemerkbar. Gabl spricht davon, dass die Einzahlungen in den Fond in den letzten fünf Jahren versechsfacht werden mussten, um die Kosten zu decken.
Wegewarte bei der Arbeit. In steilem Gelände ist Handarbeit gefragt. Schwere Geräte können nur selten eingesetzt werden.
© ÖAV | Simon Schöpf
In alpinem Gelände müssen Wege zunehmend aus klimatischen Gründen verlegt werden.
© ÖAV | Norbert Freudenthaler
Südtirol: AVS (Alpenverein Südtirol)
Südtirol verfügt heute über ein 16.000 Kilometer umfassendes, durchgehend beschildertes Wegenetz. Etwa ein Drittel dieser Wege wird vom Alpenverein Südtirol betreut. Ab 2001 wurde im Rahmen des Südtirol-Wegeprojekts sogar das gesamte Wegenetz mittels moderner Technologien digital erfasst. Mit diesem international anerkannten Vorzeigeprojekt, schaffte der AVS für Südtirol eine nahezu einzigartige Datengrundlage für die Wegebetreuung sowie für weiterführende Wege- und Wanderprojekte.
Entstanden ist das Südtiroler Wegenetz ähnlich wie im übrigen Alpenraum. Weitere Wegehalter, wie Gemeinden, Tourismusverbände, aber seit den 80ern auch die Naturparke, packen gemeinsam an. Jedoch erst seit 2017 gibt es eine schriftliche Vereinbarung, welche die eigentliche Wegehalterschafft erstmals genau definiert. „Vor 2017 gab es keinen offiziellen Auftrag, der geregelt hätte, wer was zu tun hat. Die Alpenvereine haben sich schon immer um die Wege gekümmert, einfach, weil es gemacht werden musste.“ Karin Leichter vom Alpenverein Südtirol erklärt weiter: „In der Vereinbarung von 2017 wurde auch festgelegt, wer ordentliche und wer außerordentliche Instandhaltung umzusetzen habe.“ Der ordentlichen Instandhaltung sei nach wie vor der Wegehalter, also beispielsweise der AVS verpflichtet. Außerordentliche Instandhaltungen, wie abgerutschte Wegstrecken oder Vermurungen, werden vom Forstdienst umgesetzt. Damit wurden die ehrenamtlich arbeitenden Vereinssektionen effektiv entlastet.
360 Freiwillige zählt der Südtiroler Alpenverein landesweit. 18.500 Stunden leisten diese jährlich. Leichter weiß aber, dass die tatsächliche Zahl weit höher sein muss. Denn auch im Süden schlägt der Klimawandel zu. „Im Schnalstal wurde erst gerade eben die Wiedereröffnung des Wanderweges hinüber ins Matschertal gefeiert. Hier musste der ursprüngliche Weg aufgrund von Steinschlag und Bergstürzen über zwei Jahre gesperrt werden. Nun hat man eine Variante ausfindig machen und den Weg großräumig verlegen können.“ Leichter hebt die Wichtigkeit solcher Wege hervor, da Übergänge nicht nur beliebte Wanderungen darstellen, sondern auch für den Tourismus in der gesamten Region eine enorme Bedeutung haben. „Im Schnalstal und Matschertal kam hinzu, dass es für Wanderer schlicht keine Alternative für einen Übergang gab.“
Generell ist man aber in Südtirol ebenso wie in Österreich und Deutschland bemüht, das Wegenetz nicht weiter auszubauen, sondern so zu erhalten, wie es ist. Mancherorts drängen zwar manchmal Gemeinden und Tourismusregionen, schwierige Wegabschnitte zu entschärfen und häufig sind diese Arbeiten durchaus auch sinnvoll. Doch Karin Leichter, Marco Gabl und Gabriele Scheierl geben sich Mühe, die Charakteristika und Schwierigkeitsgrade der einzelnen Wege zu erhalten. Manchmal aber gehen die Wünsche nach einer Entschärfung von den Sektionen selbst aus. Schlicht, weil sich mancherorts Unfälle häufen. Andererseits zögen einfachere Wege auch zunehmend ungeübte Wanderer an, sodass eine Entschärfung gar nicht unbedingt zu einer Verbesserung der Situation führe, merken die Alpenvereine an. Und so bleibt die Instandhaltung des historischen Wegenetzes eine Gratwanderung. Ein Mammutprojekt, das wortwörtlich verbindet. Im Sinne der Sicherheit. Als Reaktion auf den Klimawandel. Gemeinsam, grenzübergreifend, als wertvolle Vereinsarbeit. Auf dem größten Netzwerk der Alpen.
Gemeinsam geht´s schneller! Vereinsarbeit ist Teamarbeit, die nicht nur Freude bereiten kann, sondern auch verbindet. Hier die Sektion Lüsen des Alpenvereins Südtirol.
© AVS | Lüsen
Der Aufstieg zum 3195 Meter hoch gelegenen Becherhaus wurde an mehreren Stellen mit Stahlseilen versichert. Das höchstgelegene Schutzhaus Südtirols bietet gleich mehrere Übergangsmöglichkeiten ins Stubaital.
© AVS | Ratschings
Auf dem Pfunderer Höhenweg von Sterzing nach Bruneck liegt der Weg meist klar vor Augen. Im dichten Nebel könnte man allerdings schnell vom Weg abkommen. Ehrenamtliche des Alpenvereins Südtirol markieren deswegen in regelmäßigen Abständen den 71 Kilometer langen Wanderweg.
© AVS | Pfitsch
Du möchtest selbst aktiv werden und bei der Instandhaltung der Wanderwege helfen?
Dann ist der erste Schritt eine Mitgliedschaft im jeweiligen Alpenverein. Infos und Termine bezüglich Wegebaumaßnahmen werden häufig über die Sektionen an ihre Mitglieder kommuniziert.
Mitmachen kann übrigens jeder: Das Aufgabenfeld ist vielseitig. Von einfachen Markierungsarbeiten, bis hin zu schweren Wegebauarbeiten.














