Portrait: Anja Blacha
Autor: Benni Häfner
27. Mai 2025: Blacha steht auf dem Dach der Welt. Zum dritten Mal. Doch diesmal ist alles anders. Bereits 2017 hatte sie den Mount Everest bestiegen, schrieb Geschichte, als erste Deutsche auf dem Gipfel. Nachdem sie 2021 wieder erfolgreich am Everest war, gelingt ihr vergangenes Jahr die Besteigung über die Südroute, ohne Zuhilfenahme künstlichen Sauerstoffs. Allein erreicht sie den höchstgelegenen Punkt des Planeten.
„Ich bin keine Alleingängerin. Aber ich bin gerne unabhängig. Und manchmal ist es auch sicherer, allein zu gehen.“
Allein? In der Dunkelheit, auf über 8.000 Metern? Wie ich Blacha lausche, kann ich plötzlich spüren, dass derartige Situationen keineswegs Angst und Beklommenheit in ihr auslösen. Ein fast schon meditativer Zustand scheint das zu sein. Absolute Konzentration. Ruhe. Fokus.
Blacha wächst in Bielefeld auf. Ihre erste Wanderung unternimmt sie 2013, als sie mit ihrer Schwester den Machu Picchu besucht. Ein Jahr später beginnt sie mit dem Bergsteigen. Es folgen der Aconcagua, Mont Blanc, Kilimanjaro und Denali.
„Am Aconcagua sprach mein Guide unentwegt vom Denali. Ich wusste nichts über diesen Berg, aber als ich zuhause die Bilder sah, wollte ich dort hin.“
Blacha sammelt Erfahrung – in Rekordgeschwindigkeit. Mit 26 Jahren erklimmt sie den Elbrus und die Carstensz-Pyramide, den höchsten Berg Ozeaniens. Die Seven Summits sind da fast greifbar. Nur Everest und Mount Vinson fehlen. Ein Jahr später komplettiert sie sie, als jüngste Deutsche.
„Am Everest wurde ich häufig gefragt, wie weit ich denn gehen wolle. Offensichtlich trauten viele diesen Gipfel einer jungen Frau nicht zu.“
Zwei Jahre später liegt ein 1.381 Kilometer langer Weg vor Blacha. Allein, ohne Hilfe von außen, will sie den Südpol erreichen. Im endlosen Eis, mit einem mehr als 100 Kilogramm schweren Pulka. Luxus? Durchaus!
„Alles, was ich zuhause lassen durfte, das war echter Luxus für mich!“
Luxus war auch, so lacht sie, die Farbe des Transportschlittens ihren Wünschen anzupassen. Natürlich nicht ohne mit dem Hersteller über die Anzahl der aufzutragenden Lackschichten zu diskutieren. Schließlich zähle jedes Gramm. Mit nicht mehr als dem Nötigsten (und einem schneeweißen Pulka) vergeht in der Antarktis Tag um Tag. Die Rekordexpedition gelingt nach 57 Nächten unter dem Motto Not bad for a girl.
„In der noch immer von Männern dominierten Szene wollte ich darauf aufmerksam machen, dass Frauen viele Vorteile auf Expedition einbringen können.“
Anpassungsfähigkeit, akribische Planung, klare Strategie sowie eine präzise Abstimmung von Ernährung, Risiko-, Energie- und Kältemanagement: Es sind die feinen Details, die im Extremfall über Erfolg oder Scheitern, über Leben und Tod entscheiden.
Trotzdem erzählt Blacha keine Heldengeschichten, keine Dramen. Ihre Botschaft ist klar: Wer etwas wirklich will, kann es erreichen. Sich auf dem Weg dorthin kleine, realistische Ziele zu setzen, sei einer der entscheidenden Schlüssel zum Erfolg.
Für dieses Jahr stehen mit Lhotse und, sofern möglich, Shishapangma die letzten beiden noch fehlenden Achttausender auf ihrer Liste. Zuvor plant sie eine Umrundung, auf dem Eis des Chöwsgöl-Sees, dem zweitgrößten See der Mongolei. Eine Expedition, als Vorbereitung für die nächste.
Anja Blacha






