Was genau sind eigentlich Bergsteigerdörfer?
Wer in den Alpen unterwegs ist, begegnet ihnen oft, manchmal, ganz ohne es zu merken: Orte, die sich dem schnellen Wandel entziehen und ihren eigenen Rhythmus bewahren. Die Bergsteigerdörfer stehen genau für diesen Ansatz. Statt spektakulärer Inszenierung prägen hier klare Entscheidungen das Bild – gegen großtechnische Erschließung, für gewachsene Strukturen und ein bewusstes Maß im Tourismus. Das wirkt unspektakulär, ist aber konsequent. Denn hinter dem Konzept steckt ein fein austariertes Zusammenspiel aus lokaler Beteiligung, alpiner Erfahrung und einem klar definierten Werteverständnis. Zehn Fragen. Zehn Antworten, von Charlotte Gild-Haselwarter (ÖAV Abteilung Raumplanung und Naturschutz, Projektkoordination Bergsteigerdörfer). Die Diplom-Geografin und staatlich geprüfte Berg- und Skiführerin, nimmt Stellung und erklärt, was die Bergsteigerdörfer ausmacht.
Autor: Benni Häfner
Die letzten Meter zum Gipfel des Kreuzkogels hoch über dem Großarltal. Unten im Tal liegt Hüttschlag. Die 800-Seelen-Gemeinde wurde 2008 Bergsteigerdorf.
Charlotte Gild-Haselwarter (ÖAV Abteilung Raumplanung und Naturschutz, Projektkoordination Bergsteigerdörfer)
Die Bergsteigerdörfer stehen für sanften Alpintourismus – wie gelingt es, diese Idee in einer Zeit wachsender Outdoor- Trends konsequent zu bewahren?
Die Idee des sanften Alpintourismus lässt sich am besten bewahren, wenn sie auch im Alltag tatsächlich gelebt wird. Die Bergsteigerdörfer folgen dabei dem Prinzip des „Weniger ist mehr“. Konkret bedeutet das, bewusst Grenzen zu setzen – bei Größe und Ausrichtung touristischer Angebote ebenso wie bei der Erschließung von Großinfrastruktur. Im Mittelpunkt steht eine maßvolle, qualitätsorientierte Entwicklung. Statt möglichst viele Gäste anzuziehen, sprechen die Bergsteigerdörfer gezielt Menschen an, die Natur, Ruhe und Eigenverantwortung schätzen und bereit sind, sich auf die Besonderheiten des jeweiligen Ortes einzulassen.
Ein Schlüssel liegt in der engen Zusammenarbeit mit der lokalen Bevölkerung. Wenn Einheimische in Entscheidungen eingebunden sind und vom Tourismus profitieren, wächst auch die Bereitschaft, den eingeschlagenen Weg mitzutragen. Ergänzend dazu helfen Information und Bewusstseinsbildung: Gäste werden über sensible Naturräume, respektvolles Verhalten und regionale Werte informiert. Eine zentrale Stärke der Bergsteigerdörfer ist zudem ihre alpine Kompetenz. Bewirtschaftete Schutzhütten, sorgfältig aufbereitete Informationen, ausgebildete Bergführer:innen sowie ein durchgängig beschildertes Wegenetz bilden dafür wesentliche Grundlagen.
So bleiben Bergerlebnisse unmittelbar und authentisch. Gerade in Zeiten zunehmenden Drucks auf alpine Räume ist diese Klarheit entscheidend, um die Grundidee der Bergsteigerdörfer langfristig zu bewahren.
Viele Regionen setzen auf Wachstum, ihr bewusst auf Begrenzung: Wo verläuft für dich die feine Linie zwischen touristischer Entwicklung und dem Erhalt alpiner Authentizität?
Die Grenze liegt dort, wo die Entwicklung beginnt, die alpine Identität zu verdrängen. Tourismus darf sich weiterentwickeln, muss sich aber an der Tragfähigkeit von Landschaft und Dorfgemeinschaft orientieren. Authentizität entsteht nicht durch Wachstum, sondern durch Maß, regionale Verankerung und eine klare Haltung.
Berge, Berge, Berge: Wandern in der Ferienregion Mayrhofen-Hippach, zu der auch das Bergsteigerdorf Ginzling gehört.
Kreuth am Tegernsee punktet nicht nur mit Gipfeln, sondern auch mit Kultur, Brauchtum, Kunst und feinster Kulinarik.
Und wie genau wird man Bergsteigerdorf?
Interessierte Gemeinden bewerben sich aktiv und verpflichten sich, oben genannte Kriterien zu erfüllen – etwa in Bezug auf alpine Authentizität, sanfte Tourismusentwicklung, alpine Kompetenz und den Verzicht auf großflächiger technischer Ausbau. Voraussetzung ist außerdem eine breite Zustimmung in der Gemeinde: Politik, Betriebe und Bevölkerung sollten den Weg mittragen.
Nach einer fachlichen Prüfung, Besichtigung und Begleitung erfolgt die Aufnahme in das Netzwerk der Bergsteigerdörfer. Entscheidend ist dabei nicht das einmal erreichte Gütesiegel, sondern die Bereitschaft, die gemeinsamen Werte langfristig weiterzuentwickeln.
Was macht ein Dorf wirklich zu einem „Bergsteigerdorf“ – gibt es konkrete Kriterien, vielleicht auch etwas, das Außenstehende überraschen würde?
In einem Bergsteigerdorf gibt es ein gemeinsames Verständnis von alpinem Leben und Tourismus. Grundlage sind klar definierte Kriterien: Dazu zählen eine authentische alpine Umgebung, ein gewachsenes Dorfbild, eine gelebte Bergsporttradition, bewirtschaftete Schutzhütten, ein funktionierendes und gut gepflegtes Wegenetz sowie die Bereitstellung von Informationen und Angeboten im alpinen Raum.
Mindestens ebenso wichtig ist jedoch eine aktive lokale Gemeinschaft, die hinter der Idee steht und versucht Projekte im Sinne einer nachhaltigen Dorfentwicklung umzusetzen. Entscheidungen werden gemeinsam getragen, nicht allein aus touristischer Perspektive, sondern im Interesse des gesamten Ortes.
Was Außenstehende oft überrascht: Bergsteigerdörfer setzen nicht auf ständige Neuerungen, sondern auf Kontinuität, Verlässlichkeit und alpine Kompetenz. Darin liegt auch ihr besonderer Charakter im Vergleich zu anderen Orten in den Alpen.
Welche Rolle spielen Einheimische in Bergsteigerdörfern? Werden bspw. Landwirte zu Gastgebern?
Die Einheimischen spielen eine zentrale Rolle, denn Bergsteigerdörfer funktionieren nur, wenn sie von der lokalen Bevölkerung getragen werden. Viele Gastgeber:innen kommen tatsächlich aus der Landwirtschaft oder verbinden mehrere Tätigkeiten miteinander. Das ist Ausdruck gewachsener Strukturen im alpinen Raum.
Was kann man über die Zielgruppe sagen? Wer besucht besonders gern Bergsteigerdörfer?
Bergsteigerdörfer sprechen vor allem Menschen an, die sich bewusst und sportlich im alpinen Raum bewegen möchten. Dazu zählen natürlich die Mitglieder der Alpenvereine, die auch bei Partnerbetrieben von Vergünstigungen profitieren. Gleichzeitig richten sich das Angebot aber ausdrücklich nicht nur an diese Gruppe, sondern steht allen offen, die Natur, Bewegung und regionale Qualität schätzen.
Ein wichtiges Anliegen ist es uns, die Zielgruppe zu verjüngen. Besonders das alpinistische Angebot – vom Wandern über Klettern bis hin zu Skitouren und Eisklettern im Winter – bietet viel Potenzial für junge Menschen, die sich individuell im alpinen Raum bewegen möchten.
Welche Dörfer werden in naher Zukunft zu Bergsteigerdörfern und müsst ihr auch regelmäßig Bewerbungen ablehnen?
Die Bergsteigerdörfer sind eine internationale, jedoch auf den Alpenraum beschränkte Initiative, die von den Alpenvereinen in Deutschland, Österreich, Italien, Südtirol, Slowenien und der Schweiz getragen wird. Entsprechend kommen Bewerbungen aus diesen unterschiedlichen Ländern. Aktuell bereitet sich ein Dorf in Slowenien auf die Aufnahme vor.
Grundsätzlich prüfen wir jede Bewerbung sehr sorgfältig. Nicht jeder interessierte Ort wird automatisch Bergsteigerdorf. In Österreich, wo die Initiative ihren Ursprung hat und bereits die meisten Bergsteigerdörfer angesiedelt sind, gehen wir mit Neuaufnahmen zurückhaltend um. Das hat einerseits mit unserem Anspruch an Qualität und Begleitung zu tun, andererseits auch mit den vorhandenen Kapazitäten. Wichtig ist uns, dass das Netzwerk überschaubar bleibt und jedes neue Bergsteigerdorf gut und langfristig begleitet werden kann.
Wenn du einen Blick in die Zukunft werfen könntest: Werden die Bergsteigerdörfer eher ein Rückzugsort für wenige bleiben – oder ein großflächiges Modell für den Alpentourismus von morgen?
Die Bergsteigerdörfer werden kein Modell für die Masse sein. Ihr Anspruch ist es vielmehr, zu zeigen, wie periphere alpine Regionen mit touristischer Entwicklung umgehen können. In diesem Sinn verstehen sie sich weniger als Rückzugsort für wenige, sondern als Orientierungspunkte für einen verantwortungsvollen Umgang mit dem alpinen Raum.
Gibt es ein Bergsteigerdorf, das beispielhaft zeigt, wie Tradition und moderne Ansprüche in Balance gehalten werden können?
Ja, dafür gibt es mehrere anschauliche Beispiele. Beispielsweise in Steinbach, wo mit dem Co Working Space im Mesnerhof-C ein zeitgemäßes Angebot entstanden ist, das sich achtsam in die bestehende Struktur einfügt und auch für Einheimische einen Mehrwert bietet.
Im Villgratental verbindet die Villgrater Natur als über die Landesgrenzen hinaus tätiger Betrieb traditionelle Schafwollverarbeitung mit professionellen, modernen Vertriebsstrukturen. Und mit dem Gannerwirt gibt es ein Beispiel dafür, wie regionale Küche auf höchstem Niveau gelebt und weiterentwickelt werden kann. Diese Ansätze zeigen: Moderne Ansprüche haben in Bergsteigerdörfern ihren Platz – dann, wenn sie aus dem Ort heraus entstehen, bestehende Stärken weitertragen und den Charakter der Region wahren.
Welches ist dein Lieblings-Bergsteigerdorf?
Ich bin selbst begeisterte Kletterin sowie Berg‑ und Skiführerin. Entsprechend bin ich besonders gern an Orten unterwegs, an denen man gut Sport‑ oder Alpinklettern und Skitouren gehen kann – etwa in St. Jodok, Schmirn und Vals (AT), im Val di Zoldo (I) oder auch in Lavin, Guarda und Ardez (CH), wo mich zudem die besonders schöne Baukultur fasziniert. Das Sellrain mag ich vor allem deshalb sehr, weil es direkt hinter meiner Haustür liegt.
Das Heimatmuseum Kösslerhäusl bei Hüttschlag. Diese Holzütte steht seit mehr als 500 Jahren an diesem Ort. Im Inneren erfährt man, wie die Menschen damals hier leben.
Zu Fuß oder mit dem Bike: Wer sich die Natur rund um die Bergsteigerdörfer mit Muskelkraft erarbeitet, wird besonders belohnt – wie hier in der Nähe von Kreuth.











