0,7%: Die Weine Südtirols
Weinland Italien! Schon die Etrusker kultivierten vor mehr als 2.000 Jahren Reben in Mittelitalien, später machten die Römer den Wein zum festen Bestandteil ihres Alltags – und zu einem Handelsgut, das sich über das gesamte Römische Reich verbreitete. Amphoren voller Wein! So reiste vinum über Straßen und Seewege in alle Welt, während in Kampanien, der Toskana oder auf Sizilien immer neue Weingüter entstanden.
Autor: Benni Häfner
Der Norden des heutigen Italiens hatte mit dem damaligen Weinbau zunächst nur wenig zu tun. Zu bergig. Zu kalt. Zu steil. So hieß es. Doch die Claudia Augusta, eine der bedeutendsten Römerstraßen, überquerte den Alpenhauptkamm genau hier. So floss schließlich nicht nur der Wein, sondern auch seine Anbaukultur ins heutige Südtirol. Und siehe da: Wider Erwarten ließen sich hier tatsächlich einige Rebsorten kultivieren. Zufälle also, glückliche Umstände – aber auch Mut, Leidenschaft und Fleiß sorgen bis heute für die einzigartigen Weine Südtirols. Meist in winzigen Einzellagen liebevoll herangezogen. Mit nur wenigen tausend Flaschen pro Jahrgang. Ehrliche Handarbeit generationenübergreifender Familienbetriebe.
Dass in Südtirol Qualität vor Quantität steht, dass Winzer bewusst geringere Erträge akzeptieren, um das Beste aus alpinen oder mediterranen Böden zu holen – das weckt Interesse. Auch unseres. Wir wollten Südtirol, seine Weine, Winzer und Kellereien kennenlernen. Denn noch ein weiterer Umstand macht die Weine Südtirols so spannend: Im Verhältnis zur gesamten italienischen Weinproduktion – sie liegt bei über 40 Millionen Hektolitern – ist der Anteil Südtirols außerordentlich gering. Er beträgt lediglich 0,7 Prozent.
Die Kellerei Bozen entstand 2001 durch den Zusammenschluss der traditionsreichen Südtiroler Weinkellerei Gries (1908) und St. Magdalena (1930).
Bozen
Wir beginnen unsere Suche nach diesen 0,7 Prozent in der größten Stadt Südtirols: Bozen. Etwas mehr als 100.000 Menschen leben hier. Bozen gilt als Verbindungsglied zwischen italienischer und deutscher Kultur. Man sieht, hört und spürt es in den alten Gassen, auf den morgendlichen Märkten vor dem denkmalgeschützten, neobarocken Rathaus. Fast schon mediterrane Urlaubsstimmung. Fast! Denn heute herrscht Trubel auf dem Waltherplatz: Beim Public Viewing jubeln die Bozener den italienischen Olympioniken zu.
Passend zu den Olympischen Winterspielen in den italienischen Alpen fiel in Bozen erst am Vortag ungewöhnlich viel Schnee. Nun liegt das weiße Gold fast knöchelhoch in der nur 300 Meter hochgelegenen Alpenmetropole. Auf dem Waltherplatz erfahren wir, dass dies für viele Bozener inzwischen nur noch eine Kindheitserinnerung ist. Lange habe es nicht mehr so viel geschneit. Während aber diese Wetterkapriole für die Bewohner der Stadt vor allem hübsch anzusehen ist, freuen sich die Winzer über jeden Niederschlag – egal in welcher Form.
„Wir benötigen dringend Niederschläge, da die Böden derzeit sehr trocken sind“, erklärt Andreas Huber und fügt hinzu, dass Sonne und Schneefall keineswegs nur für den Wintersporttourismus wünschenswert sind. Denn erst mit dem langsamen Abschmelzen des Schnees werde jeder Tropfen für die durstigen Reben verfügbar.
Norden
Wir befinden uns im Zentrum Bozens, im Restaurant Löwengrube. Hier werden mehr als 1.000 Weinetiketten mit Gerichten kombiniert, „denen als Inspiration niemand Geringeres als die Welt selbst zugrunde liegt“. So wurde die Löwengrube 2025 mit dem Weinkulturpreis ausgezeichnet.
Mit am Tisch sitzt bereits erwähnter Andreas Huber, Winzer und Kellermeister auf dem Weingut Pacherhof im Eisacktal, unweit von Brixen. Mit angegliederter Hotellerie, Restaurant und Spa gelingt Huber ein bemerkenswerter Spagat: 1.000 Jahre alte Weintradition trifft auf modernste Ausstattung. Önotourismus der Extraklasse.
Am Pacherhof, im Norden Bozens, auf rund 600 Metern, wachsen schmackhafte Trauben heran – rings um das historische Gebäude und den modernen Neubau. „Das Eisacktal schenkt uns mit seinen naturgegebenen Besonderheiten beste Bedingungen für elegante, charaktervolle Weißweine. Das Erdreich ist von mineralreichen, sandig-schotterreichen Böden geprägt, die unseren Weinen ihre typische Mineralität verleihen.“ Überdurchschnittlich viele Sonnenstunden und eine gute Durchlüftung ließen die Trauben außerdem natürlich und gesund gedeihen, so Huber. Alle Lagen des Pacherhofs – an den Westhängen des Eisacktals, in Neustift und in Elvas – profitieren von dieser hervorragenden Exposition.
Von dort mitgebracht hat uns Huber einen Sylvaner aus dem vergangenen Jahrgang, der mit frischem Aroma und Duftnoten tropischer Früchte wie Ananas und Banane die leichte Vorspeise in der Löwengrube begleitet. „Die Reben hierfür gedeihen auf Glimmer schiefer, Paragneis und Quarzit – klassische Moränenböden.“ Im Glas also nicht weniger als ein Überbleibsel aus der letzten Eiszeit: Südtiroler Wein.
Süden
Ebenfalls am Tisch sitzt Christoph Fischer, Verkaufsleiter der Kellerei Kaltern. Die Genossenschaftskellerei hat – wie fast alle Kellereien in Südtirol – eine lange Tradition. Gegründet wurde sie vor mehr als einhundert Jahren. Heute ist daraus eine Familie entstanden. Ein Verbund mit 530 Mitgliedern, der gemeinsam rund 420 Hektar Rebfläche bewirtschaftet.
Auch hier wieder typisch: die vielen kleinen Einzellagen, im Schnitt deutlich unter einem Hektar klein. „Viele unserer Mitglieder sind Weinbauern aus Leidenschaft, einige verdienen ihren Lebensunterhalt in anderen Berufen. Ihre historisch gewachsenen Höfe und Weinberge pflegen sie dennoch mit großer Passion. Kaltern verdankt ihnen sogar ein Stück seiner pittoresken Schönheit.“
Die Kellerei Kaltern selbst liegt südlich von Bozen. Die Hänge fallen dort von 850 Metern bis hinunter auf nur 200 Meter. Unten im Talgrund liegt der Kalterer See. Mit einer mittleren Tiefe von nur vier Metern gilt er als wärmster Badesee der Alpen.
Der See dient auch als Namensgeber für den in der Umgebung angebauten Wein – allen voran den Vernatsch. Hier erzeugte Weine tragen seit 1970 eine kontrollierte Herkunftsbezeichnung: DOC Kalterersee – Lago di Caldaro. Von hier stammt auch der Quintessenz Kalterersee Classic Superiore 2024, der nun servierten Fisch, aber ebenso Pizza und Pasta veredelt. Fruchtbetonte Nase, Anklänge von Kirsche, Himbeere und Erdbeere; weich, herzerfrischend und knackig am Gaumen, getragen von frischen Beerennoten und feiner Bittermandelaromatik. Gewachsen im Süden – an bis zu 70 Jahre alten Rebstöcken.
Höhen und Tiefen
Fischer erklärt den Jahrgang so: „Nach einem regenreichen Frühjahr und einem eher verhaltenen Sommerstart brachte der August 2024 im Süden die ersehnte Wende. Warme, sonnige Tage sorgten für ein gutes Ausreifen der Trauben, besonders die frühen Sorten entwickelten eine sehr schöne Qualität.“ Die Lese begann demnach bereits Ende August bei nahezu idealem Wetter und lief zunächst unter stabilen Bedingungen – bis in den September hinein, als der erste Herbstregen einsetzte. Dennoch habe der Jahrgang frühreife Rotweine von bemerkenswerter Qualität hervorgebracht, so Fischer.
Die Böden im südlichen, niedriger gelegenen Anbaugebiet unterscheiden sich bereits deutlich vom Terroir des alpinen Nordens. Rund um den Kalterer See dominieren wärmespeichernde, lehmige Kalkschotter mit sandiger Auflage. In diesem mittelmeerähnlichen Klima wachsen vor allem Vernatsch, Lagrein und der aromatische Gewürztraminer. Umgekehrt fühlen sich frische, mineralische Weißweine wie Sylvaner oder Kerner erst in den Höhenlagen des Nordens richtig wohl.
Geht es nach den Winzern, ist dies jedoch längst nicht der einzige klimatische Kontrast Südtirols. Es ist ein ständiges Auf und Ab. Ein Spiel aus Höhen und Tiefen – vom Großen bis ins ganz Kleine.
Das Detail
Ein gutes Beispiel für diese Vielfalt im Kleinen ist der St.-Magdalena-Hügel. Hier liegen einige der traditionsreichsten Weinlagen Bozens. Auf fruchtbaren Moränenschuttböden wächst der charakteristische Magdalener – ein autochthoner Vernatsch der Region. Zwischen Höfen und Rebgärten zeigt sich hier am Nordrand der Stadt noch eine erstaunlich ländliche Seite Bozens, begleitet von weiten Blicken über die Dächer der Stadt bis hin zum Dolomitenmassiv des Rosengartens. Zusammen mit den darunterliegenden, sanft geschwungenen Weinbergen entsteht ein beinahe kitschig schönes Alpenpanorama.
In den sanften Kuppen des Hügels liegt auch das Geheimnis der Vielfalt: Marginale Unterschiede in Himmelsausrichtung oder Geländeneigung führen zu spürbaren Unterschieden in Qualität, Ertrag und Geschmack. Um hier die richtigen Reben für den richtigen Standort zu finden, reichte ein Menschenleben oft nicht aus. Seit Generationen wird daher behutsam weitergeben, was mühevoll erlernt werden musste.
Wir verlassen Bozen und reisen auf der Weinstraße weiter nach Süden. Vorbei am nun in der Nachmittagssonne schillernden Kalterer See, durch das Örtchen Tramin hindurch und weiter – immer entlang mächtiger Felsflanken. Sie gehören zum Gipfelmassiv des Monte Roen. Mit 2.116 Metern ist er der höchste Berg des Mendelkamms an der Grenze zwischen Südtirol und dem Trentino. Von hier stürzen nach der Hitze des Tages kalte Fallwinde ins Tal hinab – mit spürbaren Auswirkungen. Erst dieses Gegenspiel lässt die Trauben in ihrer gewünschten Qualität reifen. Frische und Säure entstehen.
Um allerdings eine echte Extremlage zu finden, müssen wir der Weinstraße weiter folgen, bis nach Kurtatsch. Christoph Tiefenbrunner empfängt uns dort auf 270 Metern. Bereits in fünfter Generation betreibt er mit seiner Familie das Weingut Tiefenbrunner – Schlosskellerei Turmhof.
Weinhimmel Südtirol
Wie viel Liebe, Energie und Herzblut in den letzten Jahrhunderten in dieses Weingut geflossen sind, ist unschwer zu erkennen. Das eigentliche Highlight aber liegt weit über unseren Köpfen. Christoph Tiefenbrunner möchte es uns zeigen.
Es ist eine holprige Fahrt bis auf eine Höhe von über 1.000 Metern. Unterwegs stoßen wir auf ungewöhnliche Schneemengen, queren aber dennoch unterhalb des Treser Horns, bis wir schließlich eine märchenhafte Hochebene erreichen. Fennberg ist ein magischer Ort. Fast unwirklich, von der Außenwelt beinahe abgeschnitten.
„Wenn man hier den Boden anschaut, fällt sofort die rote Erde auf“, zeigt uns Tiefenbrunner. „Das lässt auf Gletschermoränengestein schließen. In den mittleren Schichten steckt vor allem sandiger Lehm, durchzogen von rotem und weißem Marmor sowie Porphyr- und Granitsteinen. Erst darunter liegen Dolomit und Kalk – und genau dieser mineralreiche, salzhaltige Boden sorgt später im Wein für ganz besondere Frucht- und Kräuteraromen.“
Staunend stehen wir in Tiefenbrunners tief verschneiter Vigna – dem höchstgelegenen Müller-Thurgau-Anbaugebiet Europas…
Seit Jahrhunderten also arbeiten die Südtiroler mit sensiblen Weinpflanzen. Ihr Anbau und die aufwendige Weiterverarbeitung ließen einen gewaltigen Erfahrungsschatz entstehen. Die Geschichte der Weinbaukultur ist also auch eine Geschichte des Lernens. Und dieser Prozess dauert noch immer an. Denn die Umstände verändern sich. Seit einigen Jahrzehnten sorgt vor allem der Klimawandel für Veränderung. Mit steigenden Durchschnittstemperaturen wandern besonders Weißweine zunehmend in höhere Lagen.
Tiefenbrunners Lage bleibt dennoch eine außergewöhnliche Ausnahme. Wir hören sogar von Anbauversuchen, die nur wenige Meter entfernt von hier scheiterten. „Eiskalte Bergwinde machten dort eine Ernte unmöglich. Ab 1987 wurden schließlich die ersten Reben auf diesen sorgsam ausgewählten Böden gepflanzt.“
800 Meter unter uns durchzieht die Etsch mächtige Apfelplantagen. Wir atmen klare, kalte Bergluft und genießen die wärmende Sonne auf der Haut. Im Glas: der zwölf Jahre alte, von hier stammende Feldmarschall von Fenner. Helle, strohgelbe Farbe mit grünlichen Reflexen. Intensiv duftend – nach weißen Blüten und gelben Früchten, nach Pfirsich und Aprikose.
Ein Geschmackserlebnis, das alles verändert.
Schauen wir in den Himmel, sehen wir das Blau des Frühlings. Schließen wir die Augen, spüren wir die Sonne des Sommers. Trinken wir den Wein, stehen wir inmitten der goldenen Wogen des Herbstes. Und öffnen wir wieder die Augen, sind wir zurück, hoch über Bozen, im erst kürzlich gefallenen Schnee.










