Berge sind für alle da. Oder?
Ein Realitätscheck zwischen Gipfelträumen und Stolpersteinen
Alpenraum / Berge: Orte der Sehnsucht, des Rückzugs, der Stille und der Weite. Während manche auf den Gipfeln Freiheit finden, stoßen andere bereits im Tal an ihre Grenzen. Nicht aus Mangel an Mut, sondern an Barrierefreiheit. Doch das Bewusstsein dafür wächst. Und es sind Menschen wie Felix Brunner, Bernhard Paul Gruber und Hans-Peter Schraffl, die zeigen, wie Barrieren überwunden und neue Wege geschaffen werden können. Es braucht eben Menschen, die vorangehen.
Autorin: Jasmin Lutz
In den Bergen finden viele Menschen Ruhe und Entschleunigung, spüren grenzenlose Freiheit und fühlen sich als Teil von etwas Größerem. Für Menschen mit körperlichen Einschränkungen, ältere Menschen, Familien mit kleinen Kindern oder Menschen mit Sinnesbeeinträchtigungen sind Berge oft schwer oder gar nicht zugänglich. Wege, Unterkünfte und Angebote sind selten so gestaltet, dass sie allen Menschen uneingeschränkte Teilhabe ermöglichen. Dieser Gegensatz zwischen den hochfliegenden Gipfelträumen und den realen Stolpersteinen macht deutlich: Barrierefreiheit ist kein bloßer Luxusgedanke, sondern eine zentrale Voraussetzung dafür, dass die Berge tatsächlich für alle da sind.
„Inklusion ist erst erreicht, wenn niemand mehr danach fragt.“ Mit diesen Worten bringt Bergliebhaber Felix Brunner auf den Punkt, was Barrierefreiheit wirklich bedeutet. Und das betrifft nicht nur die Alpen, den Bergsport und das Naturerlebnis, sondern das gesamte Leben. Dabei ist Barrierefreiheit keineswegs ein Randthema. Allein in der Europäischen Union leben über 138 Millionen Menschen mit besonderen Bedürfnissen – das entspricht fast einem Drittel der Bevölkerung. Das macht deutlich: Barrierefreiheit ist kein Nischenthema. Und selbst wer keine Einschränkungen hat, profitiert von einem barrierefreien Umfeld. Das unterstreicht der Südtiroler Hans-Peter Schraffl mit einer einfachen Rechnung: „Barrierefreiheit ist für zehn Prozent der Gäste unentbehrlich, für 40 Prozent notwendig und für 100 Prozent komfortabel.“ Barrierefreie Architektur und die Gestaltung touristischer Angebote sollten deshalb nicht als lästige Pflicht oder Sonderlösung verstanden werden, sondern als Selbstverständlichkeit. Sie sind der Schlüssel, um die Berge von den Tälern bis zu den Gipfeln für alle Menschen zugänglich zu machen. Doch das bedeutet mehr als nur breite Wege oder Rampen. Es erfordert ein Umdenken, eine inklusive Haltung und kreative Lösungen, die alle Menschen mit denken. Es bedeutet, die Stolpersteine auf dem Weg zur Freiheit abzubauen und so Raum zu schaffen für Erlebnisse, Begegnungen und Teilhabe – für alle.
Pioniere wie Felix Brunner, der als erster Rollstuhlfahrer eine Alpenüberquerung abseits befestigter Wege wagte und damit neue Maßstäbe setzte, Hans-Peter Schraffl, Gründer von Monorolly und Bernhard Paul Gruber, der sich dafür einsetzt, dass öffentliche Räume ganzheitlich gedacht werden, gehen hier voran und zeigen, dass Barrierefreiheit nicht nur möglich ist, sondern auch eine Bereicherung für die gesamte Bergwelt.
Der Unaufhaltbare
Felix Brunner
Kraftort, Arbeitsplatz, Sportwiese, Heimat. Die Berge sind für Felix Brunner so viel mehr als nur ein mächtiges Naturschauspiel. Doch sie sind auch der Ort, der sein Leben für immer veränderte. Ein schwerer Unfall beim Eisklettern brachte lebensbedrohliche Verletzungen mit sich: acht Monate künstliches Koma, fast 14 Monate Intensivstation, 70 Operationen, 800 Bluttransfusionen, Rollstuhl. Wie er den Weg zurück ins Leben fand, was er anderen Betroffenen mit auf den Weg gibt und welche Veränderungen es in den Alpen braucht, um die Berge für alle begehbar zu machen.
Winter 2009: Der Rettungshubschrauber RK-2 aus Reutte ist gerade auf dem Weg in ein Skigebiet im Oberallgäu, als plötzlich ein Notruf eingeht: ein verunglückter Eiskletterer am Haldensee im Tannheimer Tal. Sofort wird der Einsatz umgeleitet. Nur etwa zwei Minuten später trifft der Helikopter an der Unfallstelle ein. Man kann es Schicksal nennen, göttliche Fügung oder einfach unglaubliches Glück. Doch eines ist sicher: Das schnelle Eintreffen des Hubschraubers hat Felix Brunner mit großer Wahrscheinlichkeit das Leben gerettet.
Sommer 2025: In Hopferau, einer kleinen Gemeinde im schwäbischen Ostallgäu, nur wenige Kilometer von Füssen entfernt, schuf Felix Brunner sich und seiner kleinen Familie eine Wohlfühloase. In seinem Haus nahe dem Hopfensee hat er einen Ort der Ruhe und Geborgenheit gefunden. Es ist 9 Uhr morgens. Er sitzt am Esstisch, seine kleine Tochter hüpft fröhlich um ihn herum, ihr herzliches Lachen erfüllt den Raum. Während Felix Brunner ruhig und eindrucksvoll von seinem Leben erzählt, sitzt sie neben ihm und malt ihm ein Bild. Ein Moment der Liebe, ganz alltäglich und doch voller Bedeutung. Denn vor 16 Jahren hätte Felix Brunner niemals damit gerechnet, eines Tages Frau und Kind zu haben. „Mein Leben war vorbei, meine Träume zerstört. Eigentlich war alles zerstört“, erinnert er sich an die dunklen Gedanken nach dem Unfall.
800 Blutkonserven – und das Leben ging weiter
Felix Brunner ist gerade einmal 19 Jahre alt, als er nach dem Eisklettern beim Abstieg ins Stolpern gerät und 30 Meter in die Tiefe stürzt. „Ich war für einen kurzen Moment unaufmerksam und dann passierte etwas, das einem Bergretter nicht passieren darf: Ich stürzte ab“, so Brunner. Ein junger Mann mit großen Zielen. Er macht eine Ausbildung zum Krankenpfleger, engagiert sich aktiv bei der Bergwacht Füssen und ist fast täglich in seinen geliebten Bergen unterwegs. Dann plötzlich liegt er im Bachbett – schwer verletzt – und weiß: Nichts wird mehr so sein, wie es einmal war. Der ambitionierte Bergsportler verliert bei dem Sturz über vier Liter Blut. „Wenn man bedenkt, dass ein menschlicher Körper nur etwa sechs bis sieben Liter Blut enthält, ist das eigentlich kaum vorstellbar.“ Felix Brunner benötigte rund 800 Bluttransfusionen, ohne sie hätte er nicht überlebt. Statistisch gesehen braucht jeder Dritte im Laufe seines Lebens eine Transfusion. „Heute bin ich Blutspende-Botschafter. Blut ist nicht künstlich herstellbar und man sollte dankbar sein, im Notfall welches zu bekommen“, so Felix Brunner eindrucksvoll.
Der junge Mann lag über ein Jahr auf der Intensivstation, davon acht Monate im künstlichen Koma. „Ich hatte so viele Ziele, die ich einfach nicht aufgeben wollte. Ich plante Kletterabenteuer mit meinen Freunden. Ich war so naiv“, sagt Felix Brunner rückblickend. Als er schließlich begriff, dass er die Berge nie wieder so erleben würde wie früher, fiel er in eine tiefe Lethargie. Nichts machte ihm mehr Freude, er ließ sich gehen, versank im Selbstmitleid. Bis es zum Streit mit seiner Mutter kam: Ein Moment, der alles veränderte. „Ich schämte mich so. Und dann erinnerte ich mich daran, wer ich war – der Macher, der Organisator. Das war ich immer“, sagt er.
Nur eine Woche später zog er in eine Rehaklinik ein. Dort traf er auf Menschen, die ihn inspirierten, die ihm zeigten, dass sein Leben trotz allem lebenswert ist. Einer davon war Florian Fischer, damaliger deutscher Rollstuhlbasketballer. „Heute sind wir gute Freunde. Damals erzählte er mir, was er alles macht: Basketballspielen, Skifahren, Schwimmen, sogar Heiraten. Ich war begeistert. Er war mein Vorbild. Ich dachte mir: Wenn du das schaffst, dann schaffe ich das auch,“ erinnert sich Felix Brunner an die Zeit in der Reha zurück. „Eineinhalb Jahre später habe ich angefangen zu akzeptieren und Verantwortung für mein Leben zu übernehmen. Heute kann ich sagen, dass ich mein Schicksal angenommen habe und dass ich glücklich bin mit mir und meinem Leben“, so Brunner. Von diesem Moment an setzte sich der Bergliebhaber neue Ziele – andere, aber nicht weniger große.
Felix Brunner
480 Kilometer, neun Tage – Offroad über die Alpen
Sommer 2013: Nach dem Unfall glaubten die Ärzte nicht, dass Felix Brunner überleben würde. Später hieß es, er werde niemals wieder sitzen können. Sport? Unvorstellbar. Vier Jahre nach seinem Unfall, beweist er allen das Gegenteil. Als erster Mensch überhaupt überquert er mit einem Handbike die Alpen, von Füssen an den Gardasee. Aber nicht auf geteerten Straßen, sondern über die anspruchsvolle Mountainbike-Route. „Natürlich lief nicht alles reibungslos“, erzählt Brunner. „Aber ich hatte meine Kumpels dabei und meinen Papa. Einmal standen wir vor einer Schlucht, die nur über schmale Holzbretter zu überqueren war. Ja, da trugen mich halt meine Jungs rüber. Wichtig ist, keine Scheu zu haben, Hilfe anzunehmen.“
Die Alpen, die Berge – sie sind nicht in Gänze barrierefrei und werden sie auch nie sein. Und doch ist es der Raum, wo Felix Brunner sich am wohlsten fühlt. „Die Berge waren und sind noch heute mein größter Motivator.“ Brunner wollte sie nie aufgeben, nur weil sich sein Köper veränderte. Er musste Wege finden, wo keine vorgesehen waren. Mit jeder Tour, jedem Projekt und jedem Schritt jenseits der Norm macht er sichtbar, was möglich ist. Gleichzeitig zeigt er, wo es noch Barrieren gibt. Heute engagiert sich Felix Brunner intensiv für Barrierefreiheit im Outdoor-Sport – nicht nur für sich, sondern für alle, die ebenfalls von Teilhabe träumen. Es geht nicht darum, überall raufzukommen. Es geht darum, überhaupt irgendwohin zu dürfen.
Auf dem Weg zur Inklusion
Solange Menschen mit Behinderung ständig erklären, rechtfertigen oder um Lösungen bitten müssen, ist Inklusion nicht vollständig verwirklicht. „Inklusion ist erst erreicht, wenn niemand mehr danach fragt,“ so Brunner. Inklusion ist keine Wohltat – sie ist Voraussetzung für eine faire und offene Gesellschaft. Und sie beginnt im Denken. Nicht erst bei der Rampe. Es beginnt schon bei den Parkplätzen oder bei der ersten Treppe im Berggebiet. Vieles, was für andere selbstverständlich ist, wird für Menschen mit Behinderung schnell zur unüberwindbaren Hürde. Manchmal ist es der fehlende Parkplatz in Reichweite oder eine Stufe zu viel, die entscheidet, ob ich dabei sein kann oder nicht. Deshalb fordert er ein Umdenken – nicht erst, wenn der barrierefreie Zugang vergessen wurde, sondern lange davor. „Barrierefreiheit muss von Anfang an mitgeplant werden: in Städten, auf Wanderwegen, bei Veranstaltungen. Nicht als Nachbesserung, sondern als Grundvoraussetzung.“ Für ihn ist klar: Inklusion scheitert nicht an der Technik, sondern am Willen.
Der Möglichmacher
Hans-Peter Schraffl
Um nach vorne zu kommen, braucht es Menschen, die sich einbringen, die gewillt sind, etwas verändern zu wollen. Hans-Peter Schraffl aus Südtirol ist so ein Mensch. Er sitzt selbst seit einigen Jahren im Rollstuhl, ist passionierter Monoskifahrer und gründete mit Monorolly ein Unternehmen, das mit innovativen Lösungen das Gondelfahren für alle möglich macht.
Herr Schraffl, die Alpen sind für viele ein Sehnsuchtsort. Was bedeuten sie für Sie persönlich?
Ich bin ein Kind der Berge – aufgewachsen in Geiselsberg am Kronplatz, einem kleinen Dorf in den Dolomiten auf 1.400 Metern Höhe. Mein Elternhaus lag direkt an der Skipiste, was natürlich prägend war. Schon damals habe ich jede freie Minute draußen in der Natur verbracht und daran hat sich bis heute nichts geändert. Ich bin tief verwurzelt mit der Region und den Bergen. Strandurlaub machen wir eigentlich nur der Kinder wegen – mein Herz schlägt ganz klar für die Berge.
Wie sind Sie selbst zum Thema barrierefreies Reisen in den Alpen gekommen? Waren es eher Hürden oder positive Überraschungen die Sie geprägt haben?
Ich bin nun schon seit über acht Jahren im Rollstuhl unterwegs und ich muss sagen: Ich bin trotzdem immer dorthin gekommen, wo ich hinwollte. Sogar kleinere Gipfel wie der Strudelkopf im Pragsertal sind möglich – dank technischer Hilfsmittel und natürlich mit etwas Abenteuerlust! Solche Touren sind für mich und meine Freunde jedes Mal ein kleines Abenteuer. Ansonsten sucht man sich eben erreichbare Ziele aus – schöne Hütten, aussichtsreiche Plätze, idyllische Seen. Es gibt viele Möglichkeiten, wenn man ein bisschen flexibel ist. Und genau darin liegt auch das Potenzial: Mit etwas Planung und Offenheit kann barrierefreies Reisen in den Alpen gelingen.
Heute sprechen viele Regionen von Inklusion und Barrierefreiheit. Doch wie sieht es in der Realität aus? Wie barrierefrei sind die Alpen aus Ihrer Sicht tatsächlich – sowohl als Experte als auch aus Ihrer persönlichen Erfahrung heraus?
Es passiert sehr viel. Die Tourismusorganisationen setzen stark auf das Thema Nachhaltigkeit, und dabei ist die soziale Nachhaltigkeit ein wesentlicher Bestandteil. Die Tourismusverantwortlichen verstehen, dass transparente Kommunikation allen Beteiligten hilft und viele Probleme bereits im Vorfeld gelöst werden können. Auch wird das Thema Inklusion bei neuen Projekten von Anfang an mitgedacht. Es ist klar eine zunehmende Sensibilisierung erkennbar. Menschen mit Einschränkungen werden als wichtige Zielgruppe wahrgenommen – in Deutschland sind das rund 10 % der Bevölkerung, Tendenz steigend durch die alternde Gesellschaft.
Hans-Peter Schraffl
Gibt es für Sie positive Beispiele, die zeigen, wie Barrierefreiheit im alpinen Raum bereits gut funktioniert? Wo erleben Sie in Südtirol oder auch in anderen Regionen des Alpenbogens bereits durchdachte, praxistaugliche und gelebte Lösungen?
Viele Destinationen geben sich große Mühe, was das Thema Barrierefreiheit betrifft. Besonders hervorheben kann man das Kaunertal und das Alpbachtal – dort wird schon seit Jahren konsequent an barrierefreien Lösungen gearbeitet. In Südtirol passiert aktuell ebenfalls sehr viel, vor allem auf der Seiser Alm, in Alta Badia und am Kronplatz. Diese Regionen setzen konkrete Maßnahmen um und zeigen, wie Barrierefreiheit im alpinen Raum praxistauglich und nachhaltig gelebt werden kann.
Menschen mit Mobilitätseinschränkungen begegnen im Alltag vielen Hindernissen – im Gebirge potenziell noch mehr. Welche typischen Barrieren fallen Ihnen besonders auf, sei es im Sommer beim Wandern oder im Winter beim Wintersport? Gibt es wiederkehrende Schwachstellen?
Das kann man pauschal nicht sagen, denn jeder Ort ist unterschiedlich. Häufig sind es aber ganz klassische Barrieren, die immer wieder auftreten: Zu wenige Rollstuhlparkplätze oder barrierefreie Toiletten, die nicht zugänglich oder einfach verschlossen sind. Gerade bei diesen beiden Punkten gibt es in vielen Regionen noch deutliches Verbesserungspotenzial.
Sie sind selbst begeisterter Monoskifahrer und sportlich sehr aktiv. Wie hat sich der Wintersport in den letzten Jahren in Bezug auf Barrierefreiheit verändert? Und wo sehen Sie noch Handlungsbedarf, damit wirklich alle am alpinen Wintererlebnis teilhaben können?
Ein großes Problem sind natürlich die vielen Gondeln, die uns Monoskifahrer oft ausschließen. Sessellifte sind für uns wesentlich einfacher zu nutzen. Allerdings zeichnet sich hier ein Umdenken ab: Wir entwickeln gerade eine Lösung namens Monorolly.com, die es Monoskifahrern ermöglichen soll, alle Skigebiete zugänglich zu machen. Die Skigebietsbetreiber zeigen großes Interesse daran.
Architektonische Herausforderungen wie Treppen – zum Beispiel bei der Sellaronda oder in Wolkenstein – oder alte Gondeln mit Einstiegsstufen können damit allerdings nicht gelöst werden. Ein weiterer wichtiger Brennpunkt sind die Skihütten: Leider wurden viele WC-Anlagen früher im Keller gebaut, was barrierefreie Nutzung erschwert. Es wäre schön, wenn mehr Hütten fest mit einem Rollstuhl vor Ort ausgestattet wären, um den Aufenthalt für alle Gäste zu erleichtern.
Sie engagieren sich seit Jahren für inklusive Zugänge im alpinen Raum. Was treibt Sie dabei persönlich an? Was motiviert Sie, sich immer wieder einzusetzen, auch gegen Widerstände – und was gibt Ihnen das Gefühl: Es lohnt sich?
Einer muss es ja machen! Spaß beiseite – ganz selbstlos ist mein Einsatz nicht. Ich habe noch einiges auf meiner „Bucket List“ stehen, und dafür müssen die Alpen einfach barrierefreier werden. Wenn ich damit auch anderen Menschen helfen kann, umso besser! Es macht mir aber auch wirklich Spaß zu sehen, wie das Thema immer mehr Aufmerksamkeit bekommt und wie viele Menschen bereit sind, mit anzupacken und Barrieren aus dem Weg zu räumen.
Danke, Herr Schraffl, für Ihre Offenheit und für den unermüdlichen Einsatz, der zeigt: Barrierefreiheit ist keine Frage der Technik, sondern des Willens.
Der Barrierebrecher
Bernhard Paul Gruber
gewerblich befugter Privatgutachter und allgemein beeideter und
gerichtlich zertifizierter Sachverständiger für barrierefreies Planen und Bauen
Ein Mann, eine Mission: Barrieren abbauen, bevor sie entstehen. Seit einem Arbeitsunfall 2015 selbst auf den Rollstuhl angewiesen, nutzt Bernhard Paul Gruber seine über 30-jährige Bauerfahrung als Sachverständiger und Gutachter, um Gebäude und öffentliche Räume so zu planen, dass sie für alle Menschen zugänglich sind.
Herr Gruber, Barrierefreiheit wird oft mit dem Rollstuhl gleichgesetzt. Warum greift dieser Blick aus Ihrer Sicht zu kurz? Für wen ist umfassende Barrierefreiheit in den Alpen tatsächlich relevant und warum betrifft sie uns letztlich alle?
Barrierefreiheit geht uns alle an! Schon als ungeborenes Leben im Bauch der Mutter profitieren wir davon: Eine hochschwangere Frau kann eine Rampe einfacher und sicherer nutzen als eine Treppe, deren Stufen sie durch den Babybauch nicht mehr sehen kann – eine potenzielle Gefahrensituation. Später als Baby im Kinderwagen, als Kleinkind auf dem Dreirad, als Jugendlicher nach einer Sportverletzung, als Berufstätiger mit Rückenschmerzen oder im Alter mit altersbedingten Einschränkungen und natürlich bei allen bekannten Formen von Behinderungen wie Mobilitäts-, Hör- und Sehbeeinträchtigungen, Lernschwierigkeiten oder psychischen Erkrankungen. Wichtig ist eine geschlossene barrierefreie Servicekette: von der barrierefreien Anreise oder den Parkplätzen über Leitsysteme zu Kassen, Bergbahnen, Gastronomie und WCs, bis hin zu Informationen in leichter Sprache oder über audiovisuelle Systeme, geschultem Personal (z. B. Abseilen eines Rollstuhlfahrers aus einer Gondel), berollbaren Wegbelägen oder Rückzugsräumen. Der Rollstuhl betrifft also nur die Mobilitätseinschränkung. Barrierefreiheit ist in allen Lebensphasen und für alle Menschen relevant und daher auch in den Alpen unverzichtbar.
Wenn Sie von „barrierefreien Alpen“ sprechen, was genau meinen Sie damit? Geht es dabei vor allem um Infrastruktur, um das touristische Angebot, um ein inklusives Naturerlebnis oder gehört all das untrennbar zusammen?
Es muss klar zwischen barrierefreier Umwelt und Gebäuden beziehungsweise Einrichtungen im Tal sowie jenen in den Bergen unterschieden werden. Die Topografie der Alpen stellt eine besondere Herausforderung dar. Die Vorstellung, im alpinen Bereich alles barrierefrei gestalten zu können, ist utopisch und oft auch nicht notwendig. Viele Anforderungen aus Regelwerken und Normen lassen sich hier nicht vollständig umsetzen. Entscheidend ist das Zusammenspiel aus Sensibilisierung und Verständnis in der Gesellschaft sowie der Mut von Projektbetreibern, Barrierefreiheit bei alpinen touristischen Angeboten von Beginn an mitzudenken und in allen infrastrukturellen Maßnahmen umfassend zu berücksichtigen.
Sind diese Voraussetzungen erfüllt, können befugte Sachverständige praktikable, auch von Normen abweichende, Lösungen entwickeln und als barrierefrei bestätigen. Der Mehrwert inklusiver Naturerlebnisse ist für die Gesellschaft unbezahlbar. Gerade im alpinen Bereich braucht es oft funktionierende Kompromisse statt starrer Normvorgaben. Daher fordere ich die verpflichtende Einbindung – möglichst selbstbetroffener – gewerblich befugter Sachverständiger in allen touristischen, infrastrukturellen Hoch- und Tiefbauprojekten, so wie es für Flora und Fauna schon lange vorgeschrieben ist.
Gerade in alpinen Regionen trifft man auf besondere Bedingungen: steile Hänge, extreme Wetterlagen, historische Bausubstanz. Was sind aus Ihrer Sicht die größten baulichen und topografischen Herausforderungen, wenn es darum geht, Barrierefreiheit wirklich ganzheitlich umzusetzen?
Nicht die topografischen Herausforderungen des alpinen Geländes sind das eigentliche Problem – technische Lösungen sind heute zu 100 Prozent machbar. Ein gutes Beispiel ist der Alpenblumengarten in der Bergwelt Hahnenkamm. Die größte Hürde liegt vielmehr in der Bereitschaft, ein Projekt von Beginn an barrierefrei zu denken, zu entwickeln und diesen Grundsatz konsequent bis zur Fertigstellung beizubehalten. Ein einfaches Beispiel: Europaweit gibt es große Radwegeinitiativen – auch im alpinen Bereich – bei denen es zu Kollisionen mit Nutztieren kommen kann. Diese Herden sind eingezäunt, und auf den Radwegen gibt es Weidetore. Oft sind diese nicht barrierefrei gestaltet, obwohl ich dafür eine einfache und praxistaugliche Lösung entwickelt habe. Barrierefreie Maßnahmen im Neubau mit Unterstützung gewerblich befugter Sachverständiger verursachen nur Mehrkosten im Skontobereich. Barrierefreie Maßnahmen im alpinen Bereich, im Nachgang umzusetzen, ist wirtschaftlich meist nicht darstellbar.
Trotz aller Hürden gibt es Orte, die zeigen, dass es geht. Wo sehen Sie konkrete „Best Practices“ im Alpenraum – Projekte, Regionen oder Angebote, die als positives Beispiel vorangehen und als Vorbild dienen könnten?
Die Tourismusregion Tiroler Außerfern hat sich in den letzten zehn Jahren zu einer inklusiven Vorzeigeregion entwickelt. Besonders hervorzuheben sind die Burgenwelt Ehrenberg auf drei verschiedenen Höhenniveaus mit der barrierefreien Hängebrücke highline179, Europas erster barrierefreier Zipline „Dragonfly“, die auch Rollstuhlfahrern das Fliegen ermöglicht, sowie die Ruine Schlosskopf mit barrierefreiem Rundweg. Ebenso ist die Bergwelt Hahnenkamm in der Naturparkregion Reutte ein alpines Leuchtturmprojekt – mit einem barrierefreien Speicherteich samt Flachwasserbereich für Kinder, dem barrierefreien Alpenblumengarten und dem barrierefreien Alpenrosenweg zur Lechaschauer Alm, alles auf 1.700 Metern Seehöhe. Eine weitere wegweisende Tourismusregion ist die Region Grünberg am Traunsee, südöstlich von Gmunden in Oberösterreich, mit ihrem barrierefreien Holzaussichtsturm.
Im Kaunertal hat sich das Hotel Weisseespitze im Winter als Monoskimekka und im Sommer als Handbike-Hotspot etabliert. Insgesamt zeigt sich: Die – auch durch den Klimawandel geförderte – Entwicklung hin zum alpinen Sommertourismus hat in nahezu allen österreichischen Bergregionen zu inklusiven Maßnahmen bei Bergbahnen und Angeboten am Berg geführt. Diese Entwicklung ist nachhaltig und zukunftsweisend.
Bernhard Paul Gruber
Wer an die Zukunft denkt, braucht Visionen. Wie stellen Sie sich barrierefreie Alpen in zehn oder zwanzig Jahren vor? Was müsste geschehen, damit diese Vision zur Realität wird und welche Rolle spielt dabei der politische Wille?
Der Klimawandel wird den Sommertourismus weiter stärken. Alpine Wintersportarten werden zunehmend schwieriger und kostenintensiver und damit teurer. Inklusive alpine Winterangebote sind von Natur aus besonders herausfordernd, doch ich vertraue auf die Kreativität der Tourismusbranche – auch hier werden neue inklusive und nachhaltige Angebote entstehen.Moderate Anstiege der Sommertemperaturen führen zu einer Reiseverschiebung in Richtung alpine Regionen, wodurch der Sommertourismus gestärkt wird. Ich bin überzeugt, dass die Anzahl inklusiver alpiner Sommerangebote rasant steigen wird, parallel zur wachsenden Sensibilisierung und dem Verständnis für ein inklusives Miteinander in der Gesellschaft.
Ein großer Aufholbereich liegt noch im Bereich Hotellerie, wo barrierefreie Unterkünfte oft fehlen. Barrierefreiheit geht uns alle an, und der Wert einer Gesellschaft zeigt sich im Umgang mit ihren schwächsten Mitgliedern. Dabei spielt der politische Wille eine entscheidende Rolle: In einer Zeit großer Herausforderungen, in der Geld knapp ist, kann die Politik Verfahren vereinfachen, verkürzen und gezielt inklusive Maßnahmen fördern und unterstützen.
Barrierefreiheit ist nicht nur ein technisches Thema. Oft ist es auch ein emotionales. Gab es in Ihrer Arbeit ein Projekt, eine Begegnung oder ein Erlebnis, das Sie persönlich besonders berührt oder nachhaltig beeindruckt hat?
Barrierefreiheit ist immer ein emotionales Thema, weil Freiheit Emotion bedeutet. Zwei besonders berührende Erlebnisse gab es an dem Tag, als wir mit dem ORF Tirol Filmaufnahmen am gerade erst fertiggestellten Alpenrosenweg machten. Der Dreh war nicht öffentlich angekündigt, und der Weg war noch nicht offiziell eröffnet.
Die erste Begegnung war eine junge Frau aus Norddeutschland, die mit ihrem Rollstuhl und einem elektrischen Vorspannbike, eigentlich für die Stadt gedacht, den Alpenrosenweg von der Lechschauer Alm zurückfuhr. Sie schwärmte vom Ausblick auf die Zugspitze und die umliegenden Gipfel aus 1.700 m Höhe und berichtete, dass sie von diesem Moment das nächste halbe Jahr zehren werde. Kurz darauf überholte uns ein über sechzig Jahre alter Holländer, der seine Frau mit einem Standardrolli bis zur Lechschauer Alm und wieder zurück zur Hahnenkamm-Bergstation schob.
Ein weiteres positives Erlebnis auf Ehrenberg: Eine Frau aus Deutschland konnte ihren Mann, der die Highline 179 zuletzt noch gesund selbst überqueren konnte, nun im Rollstuhl über die Brücke schieben. Begleitet wurde sie von einer Freundin, die selbst auf den Rollstuhl angewiesen ist und ebenfalls die Highline 179 überrollte. Diese Frau, die zuvor mit ihrem Schicksal haderte, entschied nach diesem Erlebnis, weiterzukämpfen und sich einen E-Rolli anzuschaffen, um solche Momente wieder erleben zu können.
Ich selbst erinnere mich, wie bewegend es nach meinem Arbeitsunfall war, mit meinem Handbike das erste Mal wieder selbstständig auf 1.800 m Seehöhe zu radeln. Meine Frau und ich hatten vor meinem Unfall Mountainbike-Tandem gefahren, sodass diese Erfahrung für mich eine ganz besondere Rückkehr zur Freiheit bedeutete.
Und zum Schluss: In der öffentlichen Debatte begegnen uns oft stereotype Bilder. Welche typischen Missverständnisse oder Vorurteile rund um das Thema Barrierefreiheit erleben Sie in Ihrer Arbeit immer wieder – gerade im Kontext alpiner Räume?
Das Verständnis, dass Barrierefreiheit uns alle jeden Tag betrifft, ist in den Köpfen vieler Menschen noch nicht verankert. Ebenso fehlt oft das Bewusstsein, dass der Wechsel von gesund zu krank oder beeinträchtigt innerhalb von Sekunden passieren kann. Stereotype Bilder entstehen aus Unwissenheit und müssen durch Aufklärung und Sensibilisierung abgebaut werden. Besonders erschreckend ist die Fehleinschätzung, dass Barrierefreiheit nur behinderte Menschen betrifft.
Im alpinen Bereich werde ich gelegentlich gefragt: „Muss man wirklich behinderte Menschen in die Berge bringen?“ Ich wiederhole: Es geht nicht nur um Menschen mit Behinderungen. Auch ältere Menschen möchten im fortgeschrittenen Alter die Berge genießen. Hier weise ich schnell auf rechtliche Grundlagen hin: Die meisten europäischen Staaten haben die UN-Behindertenrechtskonvention (UN-BRK) als Staatsvertrag unterzeichnet. Deren Kernaussage sowie die nationalen Antidiskriminierungsgesetze ist die umfassende, gleichgestellte Teilhabe am täglichen Leben. Alpine Barrierefreiheit ist nur begrenzt und mit Kompromissen umsetzbar. Dennoch ermöglichen solche Erlebnisse eingeschränkten Menschen Momente von Freiheit und Selbstbestimmung in unseren Naturjuwelen, stärken ihren Lebenswillen und laden ihre „Akkus“ auf – genau wie bei uneingeschränkten Menschen.
Eingeschränkte Menschen dienen im alltäglichen Umgang mit ihrer herausfordernden Situation oft als Vorbilder für gesunde Menschen. Dadurch erscheinen eigene, vermeintlich große Probleme wieder im richtigen Licht, und die eigene Zufriedenheit wird gesteigert.
Vielen Dank, Herr Gruber, für Ihre Einblicke und Ihr Engagement und dafür, dass Sie sich unermüdlich dafür einsetzen, die Alpen zu einem Ort zu machen, der für alle erreichbar, erlebbar und zugänglich ist.

















