Das gläserne Geheimnis der Adelegg
Im 13. Jahrhundert war die Glasbläserei auf Murano ein streng gehütetes Staatsgeheimnis, Verrat endete unweigerlich durch die Hand des Henkers. Doch das Wissen ließ sich nicht einsperren und fand seinen Weg über den Schwarzwald direkt in die wilden Wälder der Adelegg. Dort, im abgelegenen Eschachtal, entfachten mutige Glasmacher 1300 Grad heiße Öfen – eine Ära zwischen hartem Überlebenskampf, Wohlstand und bitterer Armut, die 1898 in einem jahrzehntelangen Dornröschenschlaf endete. Die Kunst schien für immer erloschen – bis fast 100 Jahre später ein beispielloses Comeback begann.
Autorin: Jasmin Lutz
Die Spuren der Glasmacherei in der Adelegg reichen weit zurück. Bis ins 17. Jahrhundert streiften nur Jäger und Hirten durch die endlosen Wälder. Nach dem Dreißigjährigen Krieg kamen die Holzfäller, rodeten die Forste und machten den Weg frei für die Glasmacher. 1678 kamen die ersten Familien aus dem Schwarzwald. Die Familie Schmid gründete mehrere Hütten, zuletzt 1824/25 jene in Schmidsfelden.
Höllenfeuer und harte Handarbeit
Die Herstellung des Glases war ein extrem ressourcen- und arbeitsintensiver Prozess, der den Menschen alles abverlangte. Für die Materialschmelze in den über 1300 Grad heißen Öfen benötigte man Holzasche aus den umliegenden Forsten sowie Quarz aus Sand oder Geröll. Das kunstvolle Formen der glühenden Masse mit einer Art Blasrohr, der Pfeife, wirkte auf Besucher oft wie Zauberei, war in der Realität jedoch pure Hochleistung. Es hieß, dass es gut zehn Jahre dauerte, bis jemand wirklich mit Glas umgehen konnte. Dieser Lohn hatte jedoch seine Schattenseiten, denn die schwere körperliche Arbeit und die eingeatmeten Dämpfe waren der Gesundheit äußerst abträglich, weshalb viele Glasmacher eher früh starben.
Mit der fortschreitenden Industrialisierung und dem Ausbau der Verkehrswege im 19. Jahrhundert konnten Fabriken das Glas plötzlich billig und normiert herstellen. Die alten Hütten waren nicht mehr konkurrenzfähig, woraufhin 1898 die Öfen in Schmidsfelden stillgelegt wurden. Die Besitzerfamilie ernährte sich fortan von der Landwirtschaft und dem Sägewerk. Die Arbeiterhäuschen leerten sich, bittere Armut zog ein, die Jugend wanderte ab und das kleine Tal fiel in einen jahrzehntelangen Dornröschenschlaf.
Geadelt von der UNESCO
Fast 100 Jahre später, im Jahr 1997, begann die ehrgeizige Renovierung durch die Heimatpflege Leutkirch, und das alte Glasmacherdorf entstand wie Phönix aus der Asche neu. Mitten im 40-Seelen-Ort erweckte der Glasmacher Stefan Michaelis die historische Mundblashütte wieder zum Leben. Heute ist das kleine Tal ein lebendiges Museum und ein florierender Anziehungspunkt für Touristen, Wanderer und Naturfreunde, ergänzt durch den neuen „Glasiusweg“ mit seinen 16 Informations- und Erlebnisstationen.
Dass dieses traditionelle Können auch in der modernen Zeit von großer Bedeutung ist, bestätigte ein Meilenstein: Die handwerkliche Glasherstellung wurde von der UNESCO zum immateriellen Kulturerbe der Menschheit erklärt. Damit steht die jahrhundertealte Kunst der Glasbläser nun auf einer Stufe mit weltweiten Kulturformen wie Yoga oder der Reggae-Musik.
Auf der Spur der verschwundenen Höfe: Kunst trifft Tradition
Die Geschichte der Adelegg beschränkt sich jedoch nicht nur auf das Museumsdorf. Das neue Projekt „Spur der Häuser“ verbindet das fast vergessene Erbe der abgeschiedenen Region mit digitaler Gegenwart und künstlerischem Ausdruck. Im 18. Jahrhundert lebten Holzarbeiter, Glasmacher und Bauern in den Tälern. Viele ihrer einfachen Gehöfte sind heute verschwunden – nur überwucherte Mauerreste und Flurnamen zeugen von ihnen.
Eine neue Wander-App, die an Ausflugszielen wie der Kreuzleshöhe oder dem Eschacher Weiher per QR-Code (spurderhaeuser.de) heruntergeladen werden kann, macht diese vergessenen Orte wieder erlebbar. Zu mehr als zehn historischen Wüstungen führt der Pfad, auf dem die bekannte Autorin Michaela Vieser in Audio-Chroniken tief in die Welt zwischen 1720 und 1850 eintauchen lässt.
Ein Höhepunkt des Projekts ist das Waldfest in der Adelegg am 18. und 19. Juli 2026 (jeweils 12 bis 18 Uhr). An historischen Wüstungen rund um Haus 21 auf dem Weg zur Kreuzleshöhe verschmelzen Kunst, Klang und Landschaft miteinander. Künstlerische Inszenierungen und musikalische Darbietungen geben den verlassenen Stätten eine Stimme und schaffen eine emotional spürbare Verbindung zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Ausgewählte künstlerische Arbeiten sind zudem vom 4. bis 6. September im Stadtstadel in Kempten zu sehen.
Im Gespräch mit Kuratorin Susa Pop
Frau Pop, wenn Sie eine Zeitreise ins 18. Jahrhundert in die Adelegg machen könnten – was würden Sie die Glasmacher dort als Erstes fragen?
„Ich würde die Glasmacher wahrscheinlich fragen: „Was hat Ihnen an diesem Ort Hoffnung gegeben?“ Wir wissen viel über die wirtschaftlichen und technischen Aspekte der Glasmacherei, aber weniger darüber, wie die Menschen ihren Alltag erlebt haben – welche Träume sie hatten, was ihnen Angst machte und was sie mit diesem abgelegenen Ort verbunden hat.“
Welcher der über zehn Standorte berührt Sie persönlich am meisten und warum?
„Der eindrucksvollste ehemalige Siedlungsstandort ist sicherlich Haus 21. An diesem Ort lässt sich die Zeit der Glasmacher noch besonders gut nachempfinden: Die über 250 Jahre alte Sommerlinde ragt als einstiger Hofbaum weithin sichtbar aus dem Wald hervor und steht als lebendiger Zeitzeuge für die frühere Besiedlung. Auch die leichte Senke im Waldboden lässt den Grundriss des ehemaligen Hauses erahnen. Der Zugang über den langen Waldweg, gesäumt von verschiedenen, mit Immergrün überwachsenen Geländestufen, vermittelt das Gefühl, sich einem verborgenen Ort zu nähern – einem Ort, an dem Geschichte in der Landschaft noch heute spürbar ist.“
Wie inszeniert man das „Nichts“? Wie macht man Kunst an Orten, an denen physisch kaum noch etwas zu sehen ist?
+Vielleicht beginnt die Antwort mit dem genauen Hinsehen. Denn das vermeintliche „Nichts“ ist selten wirklich leer. Eine Senke im Waldboden, die den Grundriss eines Hauses erahnen lässt, eine 250 Jahre alte Sommerlinde als ehemaliger Hofbaum oder ein alter Weg, der scheinbar ins Nichts führt – all dies sind Spuren einer vergangenen Zeit. Mich interessiert dabei besonders der Prozess des Erspürens: der Moment, in dem sich Vergangenheit und Gegenwart begegnen.
Gerti Epple, die am 20. Juni eine Exkursion in die kosmische Pflanzenwelt der Adelegg gestaltet, kann anhand der vorhandenen Pflanzen Rückschlüsse darauf ziehen, wer einst an einem Ort gelebt haben könnte. Auf meine Frage, wie sie zu diesem Wissen gelangt, antwortete sie: „Ich muss alleine dorthin gehen und den Ort erspüren.“ Nach und nach entstehen daraus Bilder, Zusammenhänge und Geschichten.
Als Kuratorin suche ich nach einer Dramaturgie, die diese unterschiedlichen Wahrnehmungsebenen verbindet. Was hören wir hier? Beim Audio-Projekt „Echo der Adelegg“ treten Alphornbläsergruppen aus Buchenberg, Altusried und Urlau auf zwei Anhöhen in einen akustischen Dialog. Was riechen und schmecken wir? Die Sommerlinde wird zum Ausgangspunkt für die „Waldbar“ mit Gerti Epple und Bettina Kahl, die mit Sommerlindenbowle und den Waldschnitten kulinarisch empfindne lassen. Was sehen wir – und was glauben wir zu sehen? Die „Waldgeister“ von Dorothea Klug und Nikolaus Faslanner tauchen zwischen den Bäumen auf und verschwinden wieder; sie spielen mit unserer Fantasie und Wahrnehmung.“









