Fassaden voller Geschichten
Sein Alltag duftet nach Farbe und sein Stil ist unverwechselbar. Mit jedem Pinselstrich haucht Bernhard Rieger den weißen Hausfassaden neues Leben ein – sie verwandeln sich unter seinen Händen in farbenfrohe, lebendige Kunstwerke, die Geschichten erzählen und die Blicke der Passanten fesseln. Als einer der letzten Lüftlmaler macht er aus schlichten Wänden wahre Meisterwerke.
Autorin: Jasmin Lutz
Hoch auf dem Gerüst, die Schiebermütze leicht schief auf dem Kopf, hält Bernhard Rieger den Pinsel in der Hand. Vor ihm liegt eine weiße Hauswand – leer, still, fast wie ein unbeschriebenes Blatt. Unter seinen Strichen erwacht sie zum Leben: Figuren in traditioneller Tracht, ein Bischof mit Mitra und Stab, ein junger Mann und eine Frau nehmen Gestalt an. Hinter ihnen öffnen sich Wiesen und sanfte Hügel, ein geschwungener Weg führt direkt auf eine helle Kirchturmspitze zu. Wie eine Achse zwischen Alltag, Glaube und Heimat.
Zwischen den Ästen eines mächtigen Baums windet sich eine Schlange, Maul geöffnet, Zunge gespalten, und setzt einen spannungsvollen Kontrapunkt zur idyllischen Szene. Die Frau hält eine Flasche, die kleinen leeren Gefäße zu ihren Füßen erzählen leise von Festen und Übermut. Die Malerei besticht durch fein abgestufte Pastelltöne, plastisch wirkende Stoffe, glänzende Silberbroschen und Blattwerk – handwerklich meisterhaft, regional verwurzelt und zugleich modern interpretiert. Symbolik und kleine Geschichten lassen Raum für eigene Interpretationen und zeigen, wie Rieger Tradition und Zeitgenossenschaft verbindet.
Bernhard Rieger
Daheim in den Bergen
Bernhard Rieger ist tief in den Alpen verwurzelt. Geboren 1981 in München, wuchs er in Wallgau im Oberen Isartal zwischen Zugspitze und Karwendel auf, auf einem historischen Familienanwesen, das seit über 400 Jahren besteht. Hier lernte er, die Natur zu achten, mit einfachen Mitteln Schönes zu schaffen und die Heimat in all ihren Facetten zu schätzen. Sein Vater, Schreiner und Holzbildhauer, vermittelte handwerkliches Geschick, seine Mutter Disziplin, Tatkraft und die Fähigkeit, Ideen umzusetzen. Schon als Kind entstanden seine ersten Arbeiten, sichtbar im Dorf, die seine kreative Entwicklung prägten.
Nach dem Abitur wollte Rieger Kunst studieren, wurde aber zweimal abgelehnt. Stattdessen sammelte er praktische Erfahrungen im Messe- und Bühnenbau, lernte Räume zu gestalten, Licht zu inszenieren und seine Kreativität handwerklich umzusetzen. Parallel entdeckte er den Laufsport, erkundete die Berge, sammelte Eindrücke, die später in seinen Arbeiten sichtbar werden sollten.
Von den Gipfeln inspiriert
Die Alpen sind seine unerschöpfliche Muse. Ihre Gipfel, Täler und Lichtstimmungen verwandeln sich in seine Technik der „AlpinPopArt“: eine Verbindung von Präzision alter Meister, Elementen der PopArt und seiner eigenen, unverwechselbaren Pinselführung. Nicht Stars oder Medienikonen stehen im Mittelpunkt, sondern die Menschen und Landschaften der Berge – der Alltag der Bergbauern, die wechselnden Stimmungen der Natur, die Dynamik von Wetter und Licht.
2005 gründete er sein erstes Atelier in Murnau, 2007 folgte sein Label alpenterieur®, 2012 kehrte er nach Wallgau zurück und eröffnete Atelier, Werkstatt und Schauraum. 2018 schließlich übernahm er das historische Anwesen seiner Eltern, vereinte alles unter einem Dach und schöpft heute an diesem Ort aus Kindheitserinnerungen und künstlerischer Vision.
Preisgekrönter Pinselzauber
Für seine Arbeit wurde er 2025 als Maler des Jahres ausgezeichnet – ein Preis, der handwerkliche Exzellenz ebenso würdigt wie Innovationskraft. Unter seinen Händen verwandeln sich weiße Wände in lebendige Geschichten über Heimat, Natur und das Leben in den Bergen. Wer ihm über die Schulter schaut, erkennt nicht nur handwerkliches Können, sondern spürt die Leidenschaft eines Künstlers, der Tradition bewahrt, neu interpretiert und mit seinen Werken ein Stück Oberland lebendig hält – sichtbar, greifbar und voller Geschichten für Dorfbewohner, Besucher und kommende Generationen.
Doch Rieger geht es um mehr als einzelne Werke. Lüftlmalerei ist für ihn ein Kulturgut, das weit über die künstlerische Umsetzung hinaus Bedeutung hat. Seit Jahrhunderten prägt diese Fassadenkunst die Dörfer des Oberlands, erzählt von Glaube, Brauchtum und Alltag und verbindet Menschen mit ihrer Heimat. Ohne aktive Künstler droht diese Tradition zu verschwinden – und damit ein Stück regionaler Identität und Kultur. Rieger setzt sich deshalb für die Anerkennung der Lüftlmalerei als immaterielles Kulturerbe der UNESCO ein. Für ihn wäre das nicht nur eine Auszeichnung, sondern ein wichtiges Signal für die Region, dass diese Kunstform geschützt, gefördert und an kommende Generationen weitergegeben wird. Es geht um mehr als Handwerk – es geht um Erinnerung, Heimatgefühl und die Möglichkeit, dass Dörfer durch ihre Fassaden Geschichten sichtbar machen, die andernfalls verloren gingen.
In seinen Aufträgen verbindet Rieger diese Verantwortung mit zeitgemäßer Ästhetik. Jede Szene entsteht aus akribischer Vorbereitung: Skizzen, Farbtests, Abstimmungen mit Auftraggebern – erst dann wird die Fassade bemalt. Mit wenigen mineralischen Farbtönen entstehen Bilder, die an Wimmelbilder erinnern: kleine Szenen, versteckt oder klar im Mittelpunkt, die den Alltag, Begegnungen und das Leben der Bergregion festhalten. Die Fassaden werden so zu lebendigen Orten des Austauschs, die Geschichten erzählen, ohne sie zu erklären.
Wer an einem sonnigen Nachmittag durch Wallgau oder Bichl geht, kann diese Arbeiten beobachten. Unter Riegers Händen wird aus einer schlichten weißen Wand ein lebendiges Kunstwerk. Die Menschen erkennen sich, ihre Heimat, die Traditionen und die Berge in Farbe wieder. Die Arbeiten verbinden Generationen, sie laden ein, innezuhalten, zu staunen und sich zu erinnern.
Rieger selbst bleibt dabei geerdet. Er lebt, arbeitet und schöpft in den Alpen, läuft die Berge ab, beobachtet Licht und Wetter, sammelt Eindrücke für die nächste Fassade, das nächste Werk. Für ihn ist es eine Philosophie: hochwertige Handwerkskunst, tiefe Verwurzelung in der Heimat und die Verantwortung, die Tradition lebendig zu halten. Jede Fassade, jedes Bild, jedes handgefertigte Objekt ist Ausdruck dieser Werte – eine Einladung, die Alpen, die Menschen und die Geschichten der Region neu zu sehen. gefördert und an kommende Generationen weitergegeben wird. Es geht um mehr als Handwerk – es geht um Erinnerung, Heimatgefühl und die Möglichkeit, dass Dörfer durch ihre Fassaden Geschichten sichtbar machen, die andernfalls verloren gingen. In seinen Aufträgen verbindet Rieger diese Verantwortung mit zeitgemäßer Ästhetik. Jede Szene entsteht aus akribischer Vorbereitung: Skizzen, Farbtests, Abstimmungen mit Auftraggebern – erst dann wird die Fassade bemalt. Mit wenigen mineralischen Farbtönen entstehen Bilder, die an Wimmelbilder erinnern: kleine Szenen, versteckt oder klar im Mittelpunkt, die den Alltag, Begegnungen und das Leben der Bergregion festhalten. Die Fassaden werden so zu lebendigen Orten des Austauschs, die Geschichten erzählen, ohne sie zu erklären.
Unter seinen Händen verschmelzen Vergangenheit und Gegenwart. Fassaden werden zu offenen Bilderbüchern, die man lesen, erleben und interpretieren kann. Die Lüftlmalerei bleibt so nicht nur ein handwerkliches Meisterwerk, sondern ein lebendiger Teil der Kultur und Identität des Oberlands – für Bewohner, Besucher und alle, die die Geschichten der Berge weitertragen wollen.










