Hinter der Linse: Christoph Johann
Alpenraum / Seine Bilder beschreibt Christoph Johann wie Gemälde, deren letzten Pinselstrich die Athleten selbst setzen – das eigentliche Tüpfelchen auf dem i. Zuvor gilt es für den jungen Fotografen, die Landschaft zu lesen. Spontanität, Geschwindigkeit, Erfahrung und nicht zuletzt ein Quäntchen Glück entscheiden schließlich darüber, ob das Bild wirkt. „Wenn Menschen ihre Handys weglegen und wieder in die Berge gehen, dort Freude und Freiheit finden, dann habe ich meine Arbeit gut gemacht.“
Autor: Benni Häfner
Athlete: Fabian Lentsch
Location: Pitztaler Gletscher, Austria
Sony A7III | Sony 70-200mm F4 | 72 mm | f5 | 1/3.200 sek | ISO 100
Mehr von Christoph im Internet unter:
www.johannphotography.com | www.instagram.com/johann_photography
Hallo Christoph, deine Bilder verraten, dass du ein Wintermensch bist.
Das stimmt eigentlich gar nicht. Der Winter ist für mich oft einfach nur wahnsinnig anstrengend. Außerdem wohne ich in Salzburg – und hier ist der Winter meist eher grau und nass. Perfekt wäre für mich: Sommer in der Stadt und gleichzeitig Winter in den Bergen.
Trotzdem zeigen die meisten deiner Bilder die Schönheit der winterlichen Bergwelt.
Richtig. Das hängt auch damit zusammen, wie ich überhaupt zum Fotografieren gekommen bin. Ich bin in Ingolstadt aufgewachsen, hatte aber schon früh eine Verbindung zu den Bergen. Als Teenager saß ich jedes Wochenende mit meinem Bruder im Skibus. So richtig „klick“ gemacht hat es, als ich zum ersten Mal ins freie Gelände fuhr. Da entstand eine Passion. Anfangs hatten wir nur eine kleine Kamera dabei, eher zum Dokumentieren. Dass daraus irgendwann mein Beruf werden würde, war nie geplant.
Wie hat sich das entwickelt?
Zu Beginn kamen tatsächlich einige Kunden auf uns zu, die zum Beispiel ein Paar Ski in Szene setzen wollten. Das war damals natürlich großartig, denn ab und zu durften wir die Ski natürlich behalten. Mit der Zeit merkten wir aber, dass wir mit unserer Arbeit auch den Lebensunterhalt bestreiten konnten. Das war eine schöne Erfahrung, weil es funktionierte und nie wirklich ein großer Druck dahinter war.
Heute bist du 30 Jahre alt und hast Kunden mit Rang und Namen.
Ja, glücklicherweise. Zuvor habe ich beim Fernsehen als Kameramann und Cutter gearbeitet. Dadurch weiß ich einiges über Bildaufbau, Licht und alles, was für ein gutes Bild ausschlaggebend ist. Für meine Art der Fotografie ist es aber ebenso wichtig, sich in den winterlichen Hochalpen zurechtzufinden. Das ist die eigentliche Herausforderung: mit Athleten in steiles, ungesichertes Gelände zu gehen. Man muss in beiden Bereichen – fotografisch und alpin – absolut sicher sein. Diese Kombination ist tricky, macht den Job aber auch spannend.
Welche Erfahrungen hast du dabei gesammelt?
Vor allem, dass man am Ball bleiben muss. Es gab Phasen, in denen ich ins Zweifeln kam. Da braucht es Selbstmotivation und mentale Stärke. Einen kühlen Kopf zu bewahren, ist entscheidend – auch am Berg.
Wie meinst du das?
Ich erinnere mich an eine Situation an der Nordkette: Ich fuhr allein in eine falsche Rinne und stand plötzlich vor einem Felsabbruch – kein Weiterweg. Also musste ich den gesamten Hang mit Snowboardboots wieder aufsteigen, durch steiles, eisiges Gelände. Mir war klar: Jeder Schritt musste sitzen. Doch je länger ich unterwegs war, desto ruhiger wurde ich. Nach drei Stunden stand ich wieder oben – und war vollkommen tiefenentspannt.
Klingt so, als hättest du in sehr kurzer Zeit viel Erfahrung gesammelt?
Ja. Es gibt Saisonen mit über hundert Tagen am Berg. Mit 24 verbrachte ich eine ganze Saison in British Columbia – die wohl prägendste Zeit überhaupt. Das hat meine Entwicklung enorm beschleunigt.
Genau genommen bist du aber kein Skifahrer, sondern Snowboarder.
Stimmt. Aber das beißt sich nicht. Manchmal meckern Skifahrer, dass sie mich bei langen Traversen rausschieben müssen. Aber am Ende zählt nicht, ob man nun auf einem oder eben auf zwei Brettern steht. Wichtig ist: Wir wollen draußen eine gute Zeit haben. Und dafür ist das Splitboard genau das richtige.
Die vielen besonderen Momente lassen den Job aber auch leichter erscheinen, als er ist, oder?
Oh ja. Meistens trage ich einen 15–20 Kilogramm schweren Rucksack. Dazu kommen öfters Wartezeiten, in denen man schnell auskühlt. Aber das gehört dazu.
Was waren deine bisher größten Momente als Fotograf?
Ein Highlight war, als eines meiner Bilder letztes Jahr das Cover des Powder Magazine schmückte – das wohl ikonischste Skimagazin. Auch mein erstes Titelbild, damals für Prime Skiing, war ein großer Erfolg. Besonders waren auch die Jahre, in denen mein Zwillingsbruder Fabian noch dabei war. In einer Saison fotografierte er mich für das Cover von Prime Snowboarding, und ich ihn für das Freeskier Magazine. Beide Bilder schafften es auf den Titel. Eine coole Sache für uns beide!
Projekte für große Marken sind ebenfalls Meilensteine – zuletzt etwa mit Red Bull und Nadine Wallner. Das absolute Highlight aber war der Alaska-Trip im vergangenen Jahr.
Erzähl uns mehr!
Darauf habe ich zehn Jahre hingearbeitet. Es ist extrem schwierig, für solche Reisen ein ausreichendes Budget zu bekommen. Doch eine Heli-Skiing-Lodge lud uns für zweieinhalb Wochen ein. Wir konnten zwar wetterbedingt nur fünf Tage nutzen, aber die waren perfekt. Besonders schön war: Den Athlet, den ich dort fotografierte, kannte ich bereits aus British Columbia. Dort entstand damals der Traum, eines Tages zusammen in Alaska zu shooten. Letztes Jahr wurde er wahr.
In deinem Portfolio finden sich aber auch Automarken – Mercedes, BMW, Audi. Wie passt das?
Eigentlich ganz einfach: Ich fotografiere die Autos draußen, in alpiner Umgebung, genauso wie die Skifahrer. Oft bewegen sich die Motive sogar ähnlich schnell. Und auch hier arbeite ich mit natürlichem Licht. Es gibt erstaunlich viele Parallelen.
Wie würdest du deinen Bildstil beschreiben?
Reduziert. Mir geht es darum, die Schönheit des Skifahrens zu zeigen. Die Athleten sind wie Künstler, denen ich eine Bühne gebe. Ich mag helle Töne, sattes Weiß mit zartem Blau. Es gibt auch dunklere Bilder, mit tiefem Blau – aber immer im natürlichen Look. Wichtig ist mir, die Sportler effektiv freizustellen. Ein Freund sagte mir übrigens einmal, dass meine Bilder fast nie einen Horizont zeigen. Das stimmt tatsächlich. Dadurch entsteht eine mysteriöse Stimmung: keine Perspektive, keine Orientierung – man bleibt in den Bildern regelrecht hängen. Und wenn ich damit erreiche, dass junge Menschen ihr Handy weglegen und Lust bekommen nach draußen zu gehen, dann habe ich meinen Job gut gemacht.
Und praktisch – worauf achtest du im Gebirge?
Sicherheit geht vor, vor allem bezüglich der Lawinenlage. Wir müssen den Schnee kennen, uns vorbereiten und dennoch spontan sein. Aber auch fotografisch haben wir oft nur eine Chance: Ist der Hang zerfahren, ist das Bild dahin. Ebenso wichtig ist das richtige Licht – manchmal zählt jede Sekunde.
Ein weiteres Problem: Meist sind die Athleten hunderte Meter entfernt. Per Funk muss ich dann genau erklären, durch welche Rinne er beispielsweise fahren soll, damit der Bildaufbau stimmt. Mit vertrauten Athleten funktioniert das am besten.
Was steckt in deinem Fotorucksack?
Eine Drohne, meine Sony a7R III, ein Weitwinkel, ein Teleobjektiv und ein paar Filter. Ein eher einfaches, inzwischen in die Jahre gekommenes Setup. Ein Freund fragte mich mal, ob ich nicht updaten wolle. Meine Antwort: „Bist du unzufrieden mit meinen Bildern?“ – er sagte nein. Also sah ich keinen Grund für eine Neuanschaffung. Mein Equipment funktioniert!
Was rätst du fotobegeisterten Skifahrern?
Augen auf, auf das eigene Gefühl hören und so viel wie möglich draußen sein. Wenn dir ein Motiv richtig gefällt, fotografierst du es auch – ganz automatisch. Und natürlich: dranbleiben!
Was bringt dein kommender Winter?
Gerade ist viel in der Pipeline. Alaska steht wieder auf der Liste, ebenso Japan, Albanien und Island. Gleichzeitig möchte ich viele Projekte in den heimischen Alpen umsetzen – denn seit vier Monaten wartet mein kleiner Sohn zuhause auf mich.
Dafür wünschen wir alles Gute!



















