Hinter der Linse: Maxi Dickerhoff
Alpenraum / Zwischen goldenen Blättern und flirrendem Gegenlicht arbeitet sich eine Gravelbikerin den Berg hinauf. Kein großes Spektakel, kein inszenierter Moment – und doch liegt in dieser Szene alles, was die Arbeit von Maxi Dickerhoff ausmacht. Dynamik, Emotionen – und Nähe. Wer genau hinsieht, erkennt mehr als eine Radfahrerin im Bergwald: das Spiel aus Anstrengung und Leichtigkeit, die Freude über den Moment ins Gesicht geschrieben. Dickerhoff interessiert sich weniger für das Offensichtliche. Seine Bilder erzählen von Sekundenbruchteilen, von Stimmungen, die oft im Verborgenen liegen. Es sind Fragmente eines Moments, die im Kopf weiterwirken – lange nachdem die Gravelbikerin längst hinter der nächsten Kurve verschwunden ist.
Autor: Benni Häfner
MTB-Profi Steffi Marth lebt in Brandenburg und liebt das Allgäu. Hier gravelt sie am Freibergsee nahe Oberstdorf.
Nikon Z8 | Nikkor Z 35 mm, 1.8 | 35 mm | f2.0 | 1/1.000 sek | ISO 80
Mehr von Maxi im Internet unter:
www.inside-out-studio.de | www.instagram.com/maxidickerhoff
Hallo Maxi, stell dich doch bitte kurz vor: wer bist du und wie bist du zu dem gekommen, was du heute machst?
Ich bin in Göttingen geboren, da mein Vater dort studierte. Wirklich aufgewachsen bin ich aber in Oberbayern, im Raum Schongau. Mein Vater war im Forst tätig, deshalb ging es früh in die Natur, und das hat mich natürlich geprägt. So richtig gepackt hat mich der Mountainbike-Sport mit etwa 14 Jahren. Wir waren damals als Familie oft im Engadin, eigentlich um Kajak zu fahren. Damals, also Anfang der 2000er, gab es ja noch keine Bikeparks, zumindest nicht so, wie man sie heute kennt. Es gab Cross Country und Downhill, aber vieles war noch in der Entstehung. Irgendwann haben wir dann von einer neuen Mountainbikestrecke gehört, sind hingefahren und standen plötzlich vor einer richtig großen Downhill-Line. Plötzlich schoss da ein Biker runter, Red-Bull-Helm auf, gewaltige Sprünge. Später erfuhr ich, dass das Claudio Caluori war – heute eine Legende im Downhill-Sport. Dieser Moment hat sich bei mir eingebrannt. Ich glaube, das war der Punkt, an dem klar war: Das will ich auch. Ein Jahr später bin ich selbst Rennen gefahren, mein Vater hat mir ein Bike gekauft – und dann war ich komplett drin.
Deine Eltern haben das also direkt mitgetragen? Wollten die nicht, dass du erstmal etwas anständiges lernst, bevor du einem neuen Trendsport nachgehst?
Doch, schon. Ich habe ja auch erst mal etwas Anständiges gelernt, ganz klassisch Werkzeugmacher. Das war auch eine gute Zeit, weil ich vieles gelernt habe. Aber ich habe relativ schnell gemerkt, dass mir das alles zu eng ist. Ich habe mich in diesem Beruf eingesperrt gefühlt, mir hat die Kreativität gefehlt. Parallel dazu hatte ich aber schon die Fotografie entdeckt. Ich war mit meiner Familie ständig auf Rennen unterwegs, irgendwo in den Alpen, und ich hatte immer meine Kamera dabei, damals noch analog. Ich habe einfach fotografiert, was um mich herum passiert ist. Irgendwann kam dann tatsächlich eine Anfrage vom Mountainbike Rider Magazine, ob ich nicht eine Geschichte über ein Rennen machen möchte. Da war ich 19 Jahre alt. Das war so der Moment, in dem ich gemerkt habe, dass das mehr sein könnte als nur ein Hobby.
Du konzentrierst dich bis heute stark auf die Bike-Fotografie. Was macht für dich die Faszination daran aus?
Die Faszination liegt für mich ganz klar im Sport selbst. Ich liebe den Mountainbikesport, vor allem wegen dieses intensiven Freiheitsgefühls. Es hat immer noch etwas rebellisches. Und es ist nicht limitiert. Mit dem Bike komme ich aus eigener Kraft fast überall hin – und wenn es sein muss, trage ich es auch über schwieriges Gelände. Diese Unabhängigkeit und die Nähe zur Natur sind für mich etwas ganz Besonderes. Gleichzeitig erlebt man auf dem Mountainbike unglaublich viel: Höhen und Tiefen, Schmerz und Freude, Anstrengung und Glücksmomente. Genau diese Emotionen versuche ich in meinen Bildern einzufangen und sichtbar zu machen.
Wie sieht ein typisches Maxi-Dickerhoff-Foto aus?
Ich glaube, mein Stil ist geprägt von Nähe. Ich gehe sehr nah ran, an Menschen, an Situationen, an Details. Mich interessiert nicht das komplette Bild im Sinne von „hier wird alles sofort klar“. Ich finde es viel spannender, wenn ein Bild Fragen aufwirft. Wenn der Betrachter sich selbst zusammensetzen muss, was da gerade passiert. Gerade im Mountainbiken funktioniert das gut, weil du so viele kleine Geschichten hast.
Zeit, um die Fotos aufwändig zu planen bleibt bei diesem schnellen Sport nur wenig, oder?
Es kommt drauf an. Die klassische Totale lebt ja immer auch von der Umgebung, in welcher sie stattfindet. Es kann also schon zeitaufwändig werden, wenn man in steilem Gelände nach der perfekten Perspektive sucht, um einen gewünschten Bildaufbau zu kreieren. Aber das sind für mich nicht unbedingt die spannendsten Bilder. Viel interessanter ist das, was davor oder danach passiert. Staub, der im Schweiß klebt. Ein nur sekundenschneller Blick nach vorn, in einer anspruchsvollen Passage. Hände, die am Lenker arbeiten. Diese Dinge erzählen oft mehr als die klassische Totale. Da entsteht eine Geschichte im Kopf des Betrachters. Er sieht das Ergebnis und denkt sich den Rest dazu. Genau das reizt mich. Und dafür muss man sehr schnell sein.
Wie sieht diese Arbeit praktisch aus? Du folgst Profis in bereits angesprochenes, alpines Gelände, mit der gesamten Fotoausrüstung auf dem Rücken?
Ja. Und das war früher wirklich ein großes Thema. Ich erinnere mich an eine Reise nach Kalifornien, da musste ich meinen Rucksack am Flughafen wiegen, und der hatte fast 20 Kilo. Das ist beim Biken eine Katastrophe. Ich schleppte mich dort den Berg hoch und war irgendwann nur noch mit meinem Material beschäftigt.
Heute ist das zum Glück anders. Die spiegellosen Kameras haben unglaublich viel verändert. Alles ist leichter geworden, kompakter, flexibler. Ich habe inzwischen ein großes Arsenal an Kameras, von kleinen Kompaktkameras bis hin zu Vollformat, und ich entscheide immer je nach Story, was ich einsetze. Manchmal will ich bewusst keinen „perfekten“ Look, sondern etwas, das sich eher wie eine persönliche Erinnerung anfühlt. Dann nehme ich auch mal eine einfachere Kompaktkamera.
Mit welcher Brennweite fotografierst du am häufigsten?
Aktuell ist mein Lieblingsobjektiv ein 135 Millimeter mit einer Blende von 1.8. Damit komme ich sehr nah an Motive ran, ohne physisch direkt danebenzustehen. Das passt gut zu meinem Stil.
Arbeitest du auch aus der Luft? Sind Drohnen für dich ein Thema?
Für Video auf jeden Fall, gerade für meinen YouTube-Kanal SUPERTRAILS. Da ist die Drohne wirklich ein tolles Werkzeug, um Landschaften oder Bewegungen aus einer anderen Perspektive zu zeigen. In der Fotografie ist es aber eher eine Hassliebe. Die Drohne ist meistens weit weg vom Motiv, sie zeigt das große Ganze, und das ist eigentlich das Gegenteil von dem, was ich suche. Ich will rein ins Geschehen, nicht darüber schweben.
Was macht für dich am Ende ein gutes Bild aus?
Es geht um Gefühl, um Wahrnehmung, um das, was man erzählen will. Alles andere – Technik, Regeln, Komposition – ist zweitrangig. Oder sogar dafür da, gebrochen zu werden.
Du bist nicht nur Fotograf, sondern auch selbst auf hohem Niveau Mountainbike gefahren. Wie beeinflusst das deine Arbeit?
Anfangs bin ich Downhill-Rennen gefahren, hauptsächlich Europa Cups. Später ein paar World Cups. 2013 bin ich zum Enduro-Sport gewechselt für Canyon in deren Profi-Team gefahren. Im Enduro liegt mir das Format einfach mehr, weil es viel stärker auf Intuition basiert. Du kannst die Strecken nicht zuvor komplett auswendig lernen, sondern musst sie lesen und spontan reagieren. Dieses intuitive Leser der Situation kann ich gut in die Fotografie übertragen.
Konntest du diese Fähigkeiten auch vom Mountainbike auf die Fotografie übertragen?
Es hilft mir zumindest sehr weiter. Ich verstehe, was ein Fahrer gerade erlebt, wo er etwa an seine Grenzen geht, wo er sich unsicher fühlt. Dabei habe ich schnell gelernt, wie wichtig Kommunikation ist. Wenn ich jemanden vor der Kamera habe, versuche ich immer, ihm zu erklären, warum ich etwas mache. Das nimmt Druck raus. Ich kenne das selbst: Du gibst alles auf dem Trail, bist überzeugt, dass es perfekt war, und der Fotograf sagt gelangweilt: „Nochmal.“ Wenn du dann nicht weißt, warum, kann das verunsichern.
Du arbeitest inzwischen mit deiner Agentur auch als Producer und betreust größere Produktionen. Welche war dabei bisher die größte Herausforderung?
Es gab einige anspruchsvolle Jobs, aber besonders hängen geblieben ist mir eine Produktion, bei der während des Shootings plötzlich infrage gestellt wurde, ob das Ganze überhaupt weitergeführt wird, weil es intern Diskussionen über die Kosten gab. Ich stand die ganze Zeit im Austausch mit dem Kunden und habe gemerkt, wie mich das nervös macht. Und diese Nervosität hat sich aufs Team übertragen. Irgendwann habe ich das offen angesprochen, habe dem Team erklärt, was gerade im Hintergrund passiert. Das hat die Situation entspannt. Seitdem weiß ich noch mehr, wie wichtig Transparenz ist. Das war ein wichtiges Learning.
Du fotografierst neben Bikes auch andere Dinge, beispielsweise Autos. Wo siehst du da die Verbindung?
Für mich geht es immer um das Gefühl: draußen sein, sich bewegen, etwas erleben. Ein Auto ist für mich nicht spannend, wenn es einfach nur in einer schönen Landschaft steht. Mich interessiert die Dynamik. Wie fühlt es sich an, damit ins Gelände oder über hohe Pässe zu fahren, die Geschwindigkeit zu spüren? Das versuche ich in Bilder zu übersetzen. Und das kann beim Mountainbike genauso passieren wie im Motorsport.
Die Entwicklung des Mountainbike-Sports hast du über viele Jahre aus nächster Nähe miterlebt.
Ja, und ich finde es großartig, dass so viele Menschen den Sport für sich entdecken. Es ist eine unglaublich schöne Art, sich draußen zu bewegen. Gleichzeitig bringt die Masse aber natürlich Probleme mit sich. Früher war Mountainbiken für mich auch ein Stück Freiheit. Man ist einfach los, hat sich nicht viele Gedanken über Regeln gemacht. Heute geht das so nicht mehr, weil einfach viel mehr Menschen unterwegs sind. Da entstehen Konflikte, vor allem mit anderen Naturnutzern. Ich verstehe beide Seiten. Einerseits will man diese Freiheit behalten, andererseits braucht es Regeln, damit es funktioniert.
Was möchtest du jungen Bikern mitgeben?
Respekt ist das Wichtigste. Wenn man sich gegenseitig wahrnimmt, grüßt, bremst, dann lassen sich viele Konflikte vermeiden. Und wenn man sich austoben will, sollte man sich bewusst Orte suchen, wo man niemanden stört. Ein Stück dieser ursprünglichen Freiheit kann man sich so bewahren, ohne anderen auf die Füße zu treten.
Gab es in deiner fotografischen Entwicklung einen Moment, der alles verändert hat?
Ja, mehrere. Ein Mentor hat mir beispielsweise einmal gesagt, ich solle mich nicht so sehr auf die Technik konzentrieren. Ein gutes Foto entstehe nicht durch die Kamera, sondern durch das, was man sieht und fühlt. Das hat bei mir einen Schalter umgelegt. Seitdem versuche ich, mit offenen Augen durchs Leben zu gehen und auf die Dinge zu achten, die mich wirklich berühren.
Dabei wünschen wir auch weiterhin viel Erfolg. Vielen Dank für das Gespräch.







