Hinter der Linse: Rainer Eder
Alpenraum / Der Glacier d’Argentière im französischen Chamonix-Tal zählt zu den größten Gletschern der Alpen. Er erstreckt sich über rund zehn Quadratkilometer und zieht sich vom Col du Chardonnet und der Aiguille d’Argentière talwärts. Was einst als Schnee vom Himmel fiel, hat sich auf seiner jahrhunderte andauernden Reise bis zur Gletscherzunge in blau schimmerndes Eis verwandelt. Mit seinen mächtigen Eismassen prägt der Gletscher die Landschaft rund um Argentière und gehört zu den eindrucksvollsten Gletschern des Mont-Blanc-Massivs.
Wo auch immer das Eis über Geländekuppen und -kanten fließt reißt es. Gigantische Gletscherspalten entstehen. Solche Gletscherbrüche sind fragile Naturschauspiele – und wie gemacht für die deutsche Eiskletterweltmeisterin Ines Papert. Im unberührten, kompakten Eis arbeitet sie sich mit messerscharfen Eisgeräten und Steigeisen aufwärts. Dann ist Rainer Eders Moment gekommen. Als stiller Beobachter. Als Alpinist. Und als Fotograf, der Augenblicke festhält, wie sie in den Bergen nun mal sind: Vergänglich.
Autor: Benni Häfner
EiskletterN, Ines Papert, Argentiére Chamonix
Nikon D3s | AF-S 14-24 mm | 1:2.8G ED
Mehr von Rainer Eder im Internet unter:
www.rainereder.com | www.instagram.com/rainer_eder
Im Interview erzählt Eder über seine Anfänge in der Fotografie. Über Probleme und Lösungen in alpinem Gelände. Von neuen Trendsportarten und urban-industriellen Motiven für den Schweizer Bergsportausrüster Mammut.
Hallo Rainer. Du bist unweit der Lienzer Dolomiten in Österreich geboren und aufgewachsen. Wurde dir die Bergaffinität also in die Wiege gelegt?
Nicht wirklich. Als Junge wurde ich von meinen Eltern oft zum Wandern mitgenommen – und ich habe es gehasst. Erst als mich ein Freund zum Österreichischen Alpenverein mitnahm, packte mich die Faszination. Wir kletterten daraufhin in jeder freien Minute. Anfangs im dritten, später im zehnten Schwierigkeitsgrad.
Wie bist du zur Fotografie gekommen?
Ich kann mich noch gut erinnern: Beim Alpenverein lag früher immer das deutsche Magazin Alpinismus aus. Dort habe ich Schwarz-Weiß-Fotos von Gerd Heidorn gesehen – Aufnahmen von Kletterern im Ith in Norddeutschland. Diese Bilder haben mich unglaublich fasziniert. Man sah die Konzentration, die Kraft und die Intensität der Bewegung. Ich erinnere mich noch genau: In diesem Moment entstand der Wunsch, selbst einmal solche Bilder zu machen.
Und dennoch hast du zunächst eine Ausbildung als Maler und Anstreicher absolviert.
Ja. Aber schon von meinem ersten Lehrlingslohn kaufte ich mir eine kleine Olympus-Kamera. Die habe ich überallhin mitgenommen. Wir waren damals häufig in den Dolomiten unterwegs. Geld hatten wir kaum: Freitagabend hinfahren, neben dem Auto schlafen, klettern. So ging das Wochenende für Wochenende. Dabei entstanden meine ersten Fotos.
Was reizte dich daran besonders?
Die Leidenschaft meiner Freunde festzuhalten. Ich wollte zeigen, was beim Klettern wirklich passiert – die Anstrengung, die Konzentration und die Emotionen. Die Eindrücke wollte ich festhalten.
Heute hast du dein Ziel erreicht – du bist Profi. Wie sieht dein Arbeitsalltag aus?
Einen typischen Alltag gibt es eigentlich nicht. Was aber all meine Arbeitstage gemein haben: Ich bin ein sehr offener Mensch und komme meist schnell mit anderen ins Gespräch. Das hilft enorm. Egal ob Kletterer, Trailrunner, Models oder Kinder – wichtig ist, das Eis zu brechen. Dann entsteht Vertrauen. Und genau das ist wichtig, denn ich möchte keine künstlichen Bilder produzieren.
Wie würdest du deinen fotografischen Stil beschreiben?
Für mich steht die Person fast immer im Mittelpunkt. Ich fotografiere gerne nah dran, kraftvoll und sehr menschenbezogen. Natürlich gibt es auch Landschaftsbilder, bei denen der Athlet nur klein im Bild erscheint. Aber wenn jemand eine Route im Schwierigkeitsgrad 9a klettert, möchte ich zeigen, wie schwer das ist. Dann interessiert mich vor allem die Bewegung, die Körperspannung und die Schwierigkeit der Passage. Dafür muss man nah dran sein.
Du fotografierst also nicht nur auf Spitzenniveau, sondern steigst auch mit den weltbesten Alpinisten in extreme Routen. Wie löst du das Problem eingeschränkter Perspektiven in steilen Wänden?
Manche denken vielleicht sofort an die bereits etablierten Stelzenkonstruktionen, die schon Heinz Zak verwendete. Die nutze auch ich gelegentlich, um Abstand von der Wand zu bekommen. Oft arbeite ich aber auch anders: Ich steige oberhalb der Route aus, seile mich ab und positioniere mich exakt auf der Höhe der entscheidenden Passage. Mittels meines hängengelassenen Aufstiegsseils kann ich mich dann kontrolliert bewegen und bleibe trotzdem stabil. Das funktioniert erstaunlich gut.
Wie viel Regie führst du bei deinen Aufnahmen?
So wenig wie möglich. Beim Klettern lasse ich die Leute einfach klettern. Natürlich kommt es vor, dass ein Zug noch einmal gemacht wird. Aber ich würde niemals sagen: „Dreh die Hand etwas anders“ oder „Schau mal dort hin“. Für mich müssen Bilder authentisch bleiben.
Kann man als Betrachter überhaupt erkennen, ob eine Bild gestellt ist?
Meistens sehen das wohl nur die Fotografen und Athleten. Es gibt aber auch Aufnahmen, bei denen man merkt, dass etwas bewusst inszeniert wurde. Das ist natürlich völlig legitim, aber nicht mein Stil. Ich mag Bilder lieber so, wie sie tatsächlich im Moment entstehen.
Du hast zahlreiche Preise gewonnen. Welcher bedeutet dir am meisten?
Ich kam schon mehrfach ins Finale des Red Bull Illume. Das war jedes Mal sehr besonders für mich. Mir persönlich bedeutet aber auch der Gewinn des Filmplakat-Wettbewerbs beim Bergfilmfestival in Bilbao sehr viel. Dort hing plötzlich mein Bild riesengroß an Fassaden, auf Plakaten und Eintrittskarten. Das fühlt sich schon ein wenig wie ein Ritterschlag an.
Hast du ein persönliches Lieblingsbild?
Einige wenige, ja. Insbesondere eines von Ines Papert beim Eisklettern in einem Gletscherbruch am Aletschgletscher. Dieses Bild entstand eher zufällig. Wir waren dort zum Filmen – im Inneren des Gletschers knackte und arbeitete das Eis ständig. Es war faszinierend und gleichzeitig unheimlich. Das Besondere ist: Dieses Motiv existiert heute so gar nicht mehr. Genau deshalb bedeutet mir das Bild so viel.
Du fotografierst die unterschiedlichsten Bergsportarten. Welche Sportart ist am schwierigsten zu fotografieren?
Basejumping! Von oben, also vom Absprungort, ist das ja noch einigermaßen machbar. Schwieriger wird es, wenn man sich mit einem Teleobjektiv weit entfernt positioniert und darauf wartet, dass ein Springer irgendwo aus einer Nebeldecke auftaucht. Ich erinnere mich noch gut an solch eine Situation. Da bleiben nur Sekundenbruchteile. Die Basejumper sind wahnsinnig schnell. Auf den Autofokus wollte ich mich in diesen Sekunden nicht verlassen. Zudem musste ich innerhalb weniger Augenblicke den optimalen Bildausschnitt wählen. Zugegeben: Damals war auch das Glück auf meiner Seite. Das Foto aber gewann später sogar einen internationalen Wettbewerb in Spanien.
Noch anspruchsvoller stelle ich mir das Fotografieren von Speedflyern vor. Dabei nutzen Skifahrer einen sehr kleinen, wendigen Gleitschirm und erreichen damit hohe Geschwindigkeiten.
Das ist ebenfalls extrem anspruchsvoll, ja. Für diese Aufnahmen saß ich in einem Helikopter, die Tür weit geöffnet, meine Beine auf den Kufen abgestützt, ich selbst von hinten gesichert. Das ist wirklich sehr aufregend.
Für Film und Foto gelten dabei übrigens völlig unterschiedliche Anforderungen. Während ein Kameramann fließende Bewegungen braucht, möchte man als Fotograf oft genau den einen perfekten Moment aus einer bestimmten Perspektive. Das macht solche Produktionen sehr herausfordernd und erfordert eine sehr gute Kommunikation mit den Piloten.
Welcher Auftrag ist dir besonders in Erinnerung geblieben?
Die vielen Reisen mit dem Mammut-Team. Ich durfte Projekte mit Athleten wie David Lama, Jakob Schubert oder Magnus Midtbø begleiten. Wir waren in Malaysia, Kirgisistan, Südtirol, der Schweiz und an vielen anderen Orten unterwegs.
Ein großes Herzensprojekt war außerdem „The Classics“. Dabei wurden historische Kletterrouten erneut begangen und die damaligen Erstbegeher interviewt. Mammut hat mich dabei unterstützt. Das war schon etwas Besonderes. Leute wie Jerry Moffatt oder Ben Moon waren für meine Generation echte Vorbilder. Mit ihnen am selben Tisch zu sitzen, über Klettern zu sprechen und gemeinsam unterwegs zu sein, das vergisst man nicht.
Mit welcher Ausrüstung arbeitest du heute?
Ich fotografiere mit Nikon. Meine Standardkombination ist ein 24–70 mm und ein 70–200 mm. Besonders gerne arbeite ich momentan aber mit lichtstarken Festbrennweiten wie dem 135 mm f/1.8 Plena – eigentlich ein Portraitobjektiv – aber vielleicht gerade deswegen so passend. Damit kann ich die Athleten genau so freistellen, wie ich es mag.
Gibt es Projekte, die du noch verwirklichen möchtest?
Ich führe eine ganze Liste mit Projekten, die ich irgendwann umsetzen möchte. Besonders spannend finde ich Arbeiten, die über reine Actionfotografie hinausgehen, wie beispielsweise mein Projekt „Pushing Boundaries“. Die Bilder zeigen Bergsport bewusst in ungewöhnlichen Industrieumgebungen. Die Idee dazu hatte ich schon vor über zehn Jahren. Ein Skifahrer, der aus einer Baggerschaufel droppt. Eine Kletterin in einem Kabelschacht. Oder ein Boulderer, der sich ein Schiffswrack hinaufarbeitet. Das Ganze ist überspitzt dargestellt, aber die Botschaft dahinter ist ernst: Viele Gletscher und Eisfälle, die ich früher fotografiert habe, verschwinden gerade vor unseren Augen. Das ist eine Message, die auch in meinen zukünftigen Fotografien eine Rollen spielen wird.
Dabei wünschen wir viel Erfolg. Vielen Dank für diese Einblicke und alles Gute für die Zukunft!















