Im Gespräch mit Ulrich Brendel
Steinadler und Bartgeier gehören zweifellos zu den beeindruckendsten Tieren des Nationalparks Berchtesgaden. Dabei haben beide Greifvogelarten eine dramatische Geschichte hinter sich. Mittlerweile aber haben sich die Zahlen glücklicherweise wieder stabilisiert. Wie das möglich wurde, und was dafür getan wird, dass die majestätischen Tiere ihre Kreise auch weiterhin über dem einzigen Alpennationalpark Deutschlands ziehen, darüber spricht Ulrich Brendel im Interview. Der Diplom-Biologe ist Greifvogelexperte, arbeitet schon seit 36 Jahren in der Nationalparkverwaltung und leitet unter anderem das Wiederansiedlungsprojekt der Bartgeier – das aktuell größte Naturschutzprojekt Bayerns. Sich auch einmal beruflich mit diesen Tieren beschäftigen zu dürfen, war bereits sein Kindheitstraum.
Autor: Benni Häfner
Ulrich Brendel bei einer seiner Hauptaufgaben, dem genauen Beobachten. Auch Gäste will der Biologe zur Beobachtung motivieren: „Ein Fernglas, entsprechende Kleidung und Geduld – mehr braucht man dafür nicht.“
© Ulrich Brendel
Herr Brendel, welche sind ihre Aufgaben im Nationalpark Berchtesgaden?
Seit 1994 kümmere ich mich um das Steinadlermonitoring und seit 2021 nun auch um das kombinierte Steinadler- und Bartgeierprojekt. Die Kombination dieser beiden Projekte war sinnvoll, da die Tätigkeitsbereiche sehr ähnliche sind. So haben wir uns zu einem Team zusammengeschlossen, was beispielsweise die Fachausbildung deutlich vereinfacht.
Wie groß ist dieses Team?
Für beide Vogelarten sind jährlich bis zu 35 Praktikanten zuständig, inklusive Bundesfreiwilligendienst und Ehrenamtler, wie beispielsweise Rangerteams.
Freiwilligendienst? Man kann euch also unter die Arme greifen?
Ja, der Bundesfreiwilligendienst erfüllt dabei eine wichtige Aufgabe. Auf der Homepage des Nationalparks finden Interessenten weiterführende Infos. Bewerben kann man sich dann bei uns als Praktikant, wofür man auch überhaupt kein Ornithologe sein muss. Wichtig ist viel mehr, dass man motiviert ist und Lust dazu hat, mehr über die Tiere zu erfahren.
Warum das Ganze? Der Steinadler gilt im Alpenraum nicht als gefährdet.
Das stimmt zwar, man spricht dabei von einem gesättigten Bestand, der allerdings ist vulnerabel, da die potenzielle Gefährdung des Steinadlers immer noch gegeben ist. Das liegt an seiner sehr hohen Störungsempfindlichkeit – besonders in der Brutsaison. Daher ist eine unserer wichtigsten Aufgaben die Verhinderung von anthropogenen Störungen. Wir arbeiten also daran, dass das sensible Fundament des gesättigten Bestandes nicht ins Schwanken gerät.
Im gesamten Alpenraum leben etwa 1.400 Steinadler-Brutpaare, im Nationalpark Berchtesgaden etwa sechs. Wenn der Bestand gesättigt ist, müssen die jeweiligen Reviere riesig sein.
Das könnte man meinen. Im Alpenraum sprechen wir da von 50 bis 100 Quadratkilometern. Im Vergleich zu den Reviergrößen der Bartgeier, ist ein Steinadlerrevier allerdings verhältnismäßig klein. Bartgeierreviere messen bis zu 400 Quadratkilometern!
Der Bartgeier Bavaria im September 2024.
© Nationalpark Berchtesgaden; Markus Leitner
Ulrich Brendel: Biologe und Greifvogelexperte im Nationalpark Berchtesgaden
Wie lässt sich dieser massive Unterschied begründen?
Das hängt von vielen Faktoren ab, unter anderem vom signifikant unterschiedlichen Nahrungserwerb. Bartgeier sind Aasfresser und haben sich auf den Verzehr von Knochen spezialisiert. Besonders große Knochen, die sie nicht in einem Stück verchlucken können, lassen sie aus der Luft herabfallen, um sie zu zerkleinern. Vor allem aufgrund der geringen Verfügbarkeit von Knochen benötigen Bartgeier extrem große Reviere. Wichtig für die erfolgreiche Reproduktion sind aber auch viele weitere Aspekte. Ein Paar allein sorgt noch lange nicht für Nachwuchs.
Darum ist der Nationalpark Berchtesgaden also so wichtig für die Tiere?
Durchaus, auch wenn es glücklicherweise auch außerhalb von Schutzgebieten erfolgreiche Brutpaare gibt. Die Nördlichen Kalkalpen, in welchen wir uns hier befinden, stellt für Steinadler allerdings eher ein suboptimales Verbreitungsgebiet dar. Das ist deutlich am mittleren Bruterfolg erkennbar, der hier bei etwa 0,3 flüggen Tieren pro Brutpaar und Jahr liegt. Das ist signifikant geringer als beispielsweise in den Zentralalpen, wo der Bruterfolg bei 0,5 liegt.
Was macht den Adlern denn zu schaffen?
Letztendlich sind das vor allem klimatische Faktoren. Der Alpennordrand steht häufig unter dem Einfluss regenreicher Staulagen, besonders in der Brutsaison. Das führt zu geringerer Beutetierdichte und -anzahl, drückt aber auch die Beutetiererreichbarkeit. Doch genau hierbei ist ein Gebiet wie der Nationalpark extrem wichtig für die Steinadler – wenn auch ein Schutzgebiet allein kein Allheilmittel darstellt.
Und dennoch ist ihre Arbeit wichtig. Wieso genau?
Im Nationalpark haben wir meist fünf oder sechs Revierpaare. Diese ergeben natürlich keinen aussagekräftigen Populationstrend, im Vergleich zum gesamten bayerischen Bestand von etwa 45 Brutpaaren. Das ist etwa schon ein Viertel des Deutschen Gesamtbestandes und daran lassen sich durch aus Trends erkennen. Da die Tiere so störungsanfällig sind, sie bei uns aber so gut überwacht werden, können wir frühzeitig auf Veränderungen reagieren, um den Bestand zu schützen. Übrigens kümmern wir uns – soweit uns möglich – natürlich auch um Brutpaare außerhalb der Parkgrenze. Momentan sind das 17 Paare.
Jedes Jahr werden zwei Bartgeier im Nationalpark ausgewildert. Die Tiere sind zu diesem Zeitpunkt 90 Tage alt, voll befiedert, aber noch flugunfähig.
© Hansruedi Weyrich
Jochen Grab vom Nationalpark Berchtesgaden und LBV-Projektleiter Toni Wegscheider bei der Auswilderung der ersten Tiere im Jahr 2021. Seit 140 flog hier kein Bartgeier mehr. Sie wurden „Bavaria“ und „Wally“ getauft.
Blick von der Archenkanzel auf den Königssee mit St. Bartholomä.
© Nationalpark Berchtesgaden
Was lässt sich denn aus den erhobenen Daten und Zahlen des Steinadlermonitorings ableiten?
Wir kennen beispielsweise die erwähnte mittlere Reproduktionsrate unserer Paare dank der Langzeitstudie sehr gut. Daher können wir diese Zahl nun genau im Auge behalten. So haben wir herausgefunden, dass vor allem im Mai der letzten Jahre, viele Bruten abgebrochen wurden – wahrscheinlich in Folge des Klimawandels. Wenn sich nun die gesunkene Rate manifestiert, sollte man dringend darüber nachdenken auch Brutpaare außerhalb des Nationalparks entsprechend zu schützen. Wichtig dabei ist zu wissen, dass unsere Ergebnisse aussagekräftiger werden, je länger wir daran arbeiten. Seit 32 Jahren läuft nun das Monitoring. Man braucht also schon einen langen Atem, wenn man belastbare Ergebnisse möchte.
Wie lässt sich ein Steinadler im Nationalpark am besten beobachten?
Dafür genügt eigentlich schon ein gutes Fernglas, mehr braucht man nicht. Wir können stolz behaupten, dass wir alpenweit eines der besten Steinadlerreviere für die Beobachtung haben: Das Klausbachtal. Dieses Tal ist ganzjährig einfach und sogar barrierefrei zu erreichen. Hier finden Gäste einen Adler-Infopunkt. Man kann geführte Touren hierher buchen und sogar selbstständig sehr leicht Steinadler beobachten. Adler fliegen zwar auch bei Bewölkung – sie kennen ihr Revier gut genug – aber für die Beobachtung ist natürlich freie Sicht nötig. Gutes Wetter bedeutet dabei immer auch bessere Thermik, welche den Tieren das Fliegen erleichtert und das Auffinden deutlich vereinfacht. Im Klausbachtal entsteht die Thermik ausschließlich im Winter, im Sommer bereits in den frühen Morgenstunden eher auf der Talseite der Reiteralm, nachmittags auch an der Hochkalterflanke. Dies erschwert das Auffinden der Adler natürlich. Kleiner Tipp: Besser am Vormittag unterwegs sein.
Welche Jahreszeit ist die Beste zur Beobachtung von Steinadlern?
Tatsächlich der Winter, da die Tiere zu dieser Zeit mit ihrer Hauptbeute, den Gämsen, bergab wandern. Besonders in schneereichen Wintern lassen sich die Adler dann gut beobachten. Noch ist Brutsaison.
Wie können die Tiere in dieser sensiblen Phase ohne Störung beobachtet werden?
Wenn man weiß, wo man schauen muss, gelingt das sehr gut. Wenn wir von besetzten Horsten wissen, die sicher liegen, verraten wir das sogar unseren Gästen. Dann können die Tiere durch ein Fernglas oder Spektiv oft bestens beobachtet werden. Wichtig aber zu jeder Jahreszeit ist es Geduld mitzubringen. Wir sprechen hier von lediglich zwei Tieren in einem weitläufigen Gebirgstal. Man muss übrigens auch gar nicht besonders leise sein. Es ist nicht nötig bei der Steinadlerbeobachtung zu flüstern. Das stört die Tiere keineswegs. Viel wichtiger ist es, wie bei jeder Tierbeobachtung, auf den markierten Wegen zu bleiben. Die Tiere wissen sehr genau, wo sich Menschen bewegen und trauen sich sogar häufig nah an die Wege. Wer allerdings Wege verlässt, stört die Tiere massiv, was schnell dazu führt, dass die Tiere die Wege weiträumiger meiden.
Adler und Bartgeier wurden beinahe vollständig ausgerottet, kamen aber wieder zurück und wurden mit großer Freude wilkommen geheißen – wer freut sich heute nicht über den Anblick eines Steinadlers. Allerdings habe ich den Eindruck, dass die Rückkehr einiger anderer Wildtiere weit weniger Begeisterung weckt. Können wir daraus etwas lernen?
Richtig, nicht alle Rückkehrer genießen einen so „guten Ruf“ wie die Greifvögel – leider. Und damit meine ich nicht nur den Wolf, sondern auch Fischotter oder Biber, die keine so große Lobby haben. Dabei hatte man sich auch über Adler und Geier einst unwahre Geschichten erzählt. Adler galten als Jagdkonkurrenz zu den Menschen. Und vor den Geiern fürchtete man sich, weil man glaubte, sie würden sogar Kinder erbeuten. Man muss aber auch sagen, dass eine Wiedereingliederung in ein Ökosystem nicht immer so reibungslos verläuft, wie bei diesen beiden Vogelarten – und selbst die Rückkehr des Steinadlers war geprägt von Schwierigkeiten. Es gibt aber noch immer Menschen, die glauben, man müsse den gesättigten Bestand der Steinadler per Abschüsse auf Niveau halten. Das ist auf Bayrisch schlichtweg Schmarrn. Der Adler reguliert seinen Bestand sehr genau selbst und sägt nicht auf dem Ast, auf welchem er sitzt. Dafür ist er zu „schlau“.
Steinadler und Bartgeier – treten die sich nicht gegenseitig auf die Flügel?
Die mögen sich tatsächlich nicht. Anders ist das bei Gänsegeiern, die als soziale Tiere kein Territorium beanspruchen. Steinadler und Bartgeier aber sind beide territoriale Tiere und beanspruchen unter Umständen eben auch das gleiche Revier. Das führt zu Streitigkeiten, die übrigens häufiger für den Bartgeier schlecht ausgehen als umgekehrt. Freude werden diese Tiere also nicht mehr und trotzdem müssen sie sich hier aneinander gewöhnen. Das ist ein normaler Prozess, den wir aber mit Freuden erleben, weil er ein natürliches Verhältnis zurückbringt.
Was weiß man über die Bartgeier im Nationalpark?
Wir befinden uns ja gerade in einem auf zehn Jahre angelegten Wiederansiedlungsprojekt in Kooperation mit dem LBV (Landesbund für Vogel- und Naturschutz in Bayern e.V), in dessen Rahmen wir jedes Jahr zwei Bartgeier auswildern. Insgesamt werden somit 20 bis 30 Tiere ausgewildert. Inwieweit diese sich aber bei uns ansiedeln, das ist die große Frage. Wir verzeichnen allerdings, nach nur fünf Jahren, erste Erfolge: Die Tiere beginnen damit den Winter bei uns zu verbringen. Denn durch die besondere Auswilderungsmethode entwickelten die Tiere eine Art Heimatgefühl. Das sorgt sogar dafür, dass andere Bartgeier angelockt werden. Tatsächlich beobachten wir immer mehr nicht besenderte, also nicht von uns ausgewilderte Tiere. Feste Reviere gibt es aber noch keine, dafür sind die Tiere schlichtweg noch zu jung.
Woher kommt ihre Faszination für die Greifvögel der Alpen?
Diese Faszination begleitet mich schon seit meiner Kindheit am Chiemsee. Als kleiner Junge habe ich dort im Winter Ansitze aus langen Stöcken gebaut, damit die Mäusebussarde geeignete Aussichtswarten haben. Das waren quasi meine ersten kleinen, ganz aktiven Artenschutzmaßnahmen. Am Chiemsee, genauer an der Kampenwand, habe ich auch meine ersten Steinadler gesehen, wie sie bei guter Thermik aus dem Sachranger Tal ins Voralpenland geflogen sind. Schon da entwickelte ich eine gewisse Sehnsucht, die sich mit dem Berufswunsch im Nationalpark und der Arbeit mit den Tieren weiter steigerte. In gewisser Weise geht also mit meinem Beruf auch ein Kindheitstraum in Erfüllung.
Vielen Dank für das Gespräch und weiterhin viel Erfolg im Nationalpark.











