Im Heißluftballon über die Alpen

Mit dem Heißluftballon von Nord nach Süd über den Alpenbogen nach Italien schweben. Nur in einem kleinen Korb in bis zu 6000 Meter Höhe. Alpenüberquerungen liefern epochale Naturerlebnisse.

Autor: Rolf Majcen

Alpenüberquerungen sind selbst für erfahrene Piloten die Königsdisziplin der Ballonfahrten und die aufregende Krönung der Wintersaison. Sie können wegen zu viel Thermik in der warmen Jahreszeit nur zwischen Ende Oktober und Mitte März durchgeführt werden. Und selbst in dieser Zeit sind Fahrten nur an sehr wenigen Tagen möglich, da nicht nur ganz spezielle Wind- und Wetterverhältnisse vorliegen müssen, sondern auch diverse Flugverbotszonen der verschiedenen Luftstreitkräfte zu beachten sind. Idealerweise hat man starken Nordwind. Bei thermischen Aufwinden, die sich an der Alpensüdseite durch die Bodenerwärmung bei Sonneneinstrahlung bilden können, oder Bodennebel in Italien wird keine Ballonfahrt durchgeführt. Sicherheit steht immer an erster Stelle. Auch die wind- und wetterbedingte Kurzfristigkeit ist für Alpenüberquerungen typisch und verlangt von allen Beteiligten hohe Terminflexibilität. Die Piloten können die Interessenten auf der Warteliste nur mit minimaler Vorlaufzeit über die Durchführung einer Alpenüberquerungen informieren.

Piloten, die Alpenüberquerungen nach Italien anbieten, sind rar. Umso stärker ist aber ihre Leidenschaft für diese Art von Abenteuer. Und genau deswegen verzaubern sie ihre Gäste mit fabelhaften Erlebnissen in der Luft. Der Steirer Peter Flaggl, der seit 1997 bereits mehr als 250-mal (!) die Alpen als Pilot überquert hat, startet bei seinen Unternehmungen gerne in Zell am See und schwebt über den Großglockner (3798 m) und die südlichen Karnischen Alpen bis in den Raum Udine. Der Tiroler Ballon-Profi Andy Nairz, der mit über 1700 Fahrten als Pilot in Command zu den erfahrensten Piloten im gesamten Alpenraum zählt und mit dem Ballon auch schon in Afrika und Nepal unterwegs war, wählt seine Starts im Großraum Innsbruck und lässt sich hoch über dem Etschtal zwischen den Dolomiten und der Adamello-Presanella-Gruppe bis in die Nähe von Padua treiben. Der Südtiroler Robert Lercher, der zu den kompetentesten italienischen Piloten für hochalpine Ballonfahrten zählt, ist der einzige Pilot, der komplette Dolomiten-Überquerungen anbietet. Und Stefan Zeberli, der sympathische Heißluftballon-Weltmeister und mehrfache Europameister aus St. Gallen, ist der aktivste Schweizer Pilot. Er hat bereits mehr als 6000 Stunden als Pilot in Command verbracht, baut auf dem Erfahrungsschatz aus dem Wettkampfsport auf und bietet neben Fahrten über die Schweizer Berge als einziger Pilot sogar Überquerungen der Westalpen an. Auch Alpenüberquerungen von Graubünden über die Bergamasker Alpen bis in den Großraum Verona sind mit ihm planbar. Im November 2024 gelang es ihm, seine Gäste vom Wallis direkt über das Matterhorn (4478 m) nach Aosta zu pilotieren – eine phänomenale Leistung und ein titanisches Naturerlebnis! Auf seiner website schwärmt der Routinier – trotz seiner jahrelangen Erfahrung – über die Matterhorn-Fahrt zu Recht mit den Worten: „Manche Erlebnisse sind so besonders, dass sie für immer in Erinnerung bleiben – und genau so war es am 29. November 2024.“

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Die zur Creme de la Creme gehörenden Heißluftballonpiloten sind geniale Meister ihres Faches. Schon die Startvorbereitungen sind ein Ereignis für sich. Kräftige Ventilatoren blasen in die schlaff am Boden liegenden Ballonhüllen tausende Kubikmeter Luft. Wenn sich die Hightech-Gewebe zu prächtigen Ballons in Seitenlage formen, zünden die Piloten die Propangasbrenner und meterlange Flammen dringen durch die Ballonöffnungen in die Hüllen ein. Was für Hingucker! Schnell ist die Luft auf etwa 100 Grad erhitzt und die Ballone richten sich mit ihren seitlich liegenden Körben ballettartig zur Startposition auf. Noch sind die Luftfahrzeuge aber mit Seilen am Boden verankert und vor dem Abheben gesichert. Erst wenn die Passagiere über die mit Naturleder überzogenen Korbbrüstungen in die Körbe geklettert sind, werden die Verbindungen zur Erde gelöst. Mit dem traditionellen Ballonfahrergruß „Glück ab, gut Land!“ heben die Ballone wie bunte Seifenblasen mit ca. 3 m/Sekunde sanft vom Boden ab. Ständig neue Blickwinkel zu den umliegenden Bergen und ein immer umfassenderes Panorama steigern die Begeisterung. Manege frei für eine phänomenale Fernsicht hoch über dem Tal!

„Der Wind, der Wind, das himmlische Kind!“, jeder kennt diesen Satz aus dem Märchen von Hänsel und Gretel. Da man mit dem Wind fährt spürt man keinen Fahrtwind. Und auch fast keine Kälte. Klare, saubere Luft, die allmählich dünner wird, füllt die Lungen. Sie wird ab etwa 3000 Meter mit
künstlichem Sauerstoff, der über Nasenbrillen eingeatmet wird, angereichert. Der Logenplatz im Korb aus geflochtenen Weidenruten beschert ein grandioses, rundum freies 360-Grad-Panorama und die perfekte Vogelperspektive. Da gibt es keine schmalen Flugzeugfenster, durch die man schaut. Und kein Dach. Das Fenster der Natur ist weit geöffnet. Naturverbundenheit in Reinformat. Neben der Korbwand stehend starrt man gebannt auf ein Mosaik aus Schnee, Fels, vereinzelten Seen und Tälern, über das das Luftfahrzeug elegant hinwegschwebt. Schwerelosigkeit im Luftraum. Hin und wieder hantiert der Pilot am Brenner, um die Fahrthöhe zu regulieren. Die kurzen Feuerstöße, die die unsagbare Ruhe wie das Fauchen einer Wildkatze unterbrechen, strahlen Wärme in den Korb ab.

Beim Ballonfahren sind horizontale Richtungsbestimmungen so gut wie unmöglich, da der Wind die Fahrtrichtung bestimmt. Die Piloten können aber durch das Einholen und Studieren von Wetterinformation bedingt auf die Fahrtrichtung Einfluss nehmen, indem sie in verschiedenen Höhen Winde mit unterschiedlicher Richtung und Stärke ausnützen. Irgendwo zwischen 4000 Meter und 6000 Meter wird die höchste Höhe erreicht.

Der Schnee ist schön und gibt dem Landschaftsbild den besonderen Reiz, denn das strahlende Weiß verleiht den Bergen ein noch erhabeneres Aussehen. Die Alpenüberquerung ist vom Start weg von einer märchenhaften Harmonie aus Stille, Demut und Bewunderung geprägt. Das Langsame, das Natürliche, das Grenzenlose rückt in den Vordergrund. Im kleinen Ballonkorb stehend lebt man auf einer anderen Ebene der Existenz, auf einer ganz einfachen, die aber sehr reich an Empfindungen ist. Nur ein Geflecht von Weidenrouten trennt vom freien Fall in die Tiefe, doch das Gefühl der Sicherheit dominiert. Die Aufregung beim Start weicht der Gelassenheit und stille Freude und Bewunderung beherrschen die Gefühlswelt. Der Schwebezustand definiert Freiheit neu. Schnell ist nur die Zeit, die vergeht.

Das Meer an verschneiten Bergen erstreckte sich grenzenlos über mehrere Staaten hinweg. Aber es sind nicht nur die Gipfel, die ob ihrer Form oder ihrer berühmten Namen begeisterten, auch die Alpentäler faszinieren. Vom Ballon aus kann man tausende Meter senkrecht in die Tiefe schauen; Räumlichkeit erfährt so eine neue Dimension. Längst hat die Natur das Kommando übernommen und der Wind führte die Regie; da ist kein Platz für Illusionen, Doppel- und Mehrfachbelichtungen, Überblendungen oder störenden technischen Klimbim, denn dieses Freiluftkino kommt ohne künstliche Spezialeffekte und digitale Filmtricks aus. Bei der atemberaubenden Show im Weidekorb gehen Träume in Erfüllung: Man schwebt über den Großglockner, die Drei Zinnen oder das Matterhorn. Oder, oder, oder… Und der Mont Blanc steht Spalier. Oder ein anderer Viertausender. Oder die Brenta-Dolomiten. Oder, oder, oder. Und am südlichen Horizont erkennt man sogar die Adria, in der sich die aufgehende Sonne in Orangetönen spiegelt. Oder den Monte Viso (3841 m) in den Cottischen Alpen, der alle umliegenden Gipfel um 500 Meter überragt. Oder die Seealpen! Oder, oder, oder … Ballonfahren ist eben einzigartig. Schauen, soweit das Auge reicht. Auch wenn der Wind manchmal eher schwach ist und gerade noch für die Überfahrt reicht, vergeht die Zeit wie im Nu. Fast zu schnell, um all das Schöne, das die Natur weit unter dem Ballon in Millionen Jahren geschaffen hatte, noch ein wenig intensiver aufnehmen zu können.

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