Ein Fenster der Unendlichkeit
Wenn man vor dem unscheinbaren Hügel „Tannegg“ in Oberlech steht, ahnt man zunächst nicht, dass man kurz davor ist, die eigene Wahrnehmung zu verlieren. Auf 1780 Metern Höhe, dort, wo die Bergluft dünner und die Stille greifbarer wird, hat der US-Lichtkünstler James Turrell einen Ort geschaffen, der die Grenze zwischen Architektur und Unendlichkeit verwischt. Es ist kein gewöhnliches Bauwerk, sondern ein Leuchtturm der Sinne inmitten der alpinen Wildnis.
Autorin: Jasmin Lutz
Die Reise beginnt an der Bergstation der Bergbahn Oberlech. Von hier aus schlängelt sich der Wanderweg sanft bergauf, vorbei am Hotel Mohnenfluh, hinein in eine Landschaft, die im Sommer wie im Winter eine fast meditative Ruhe ausstrahlt. Wer diesen Pfad wählt, lässt den Trubel des Tals hinter sich. Es ist ein Aufstieg, der Herzschlag und Atem in Einklang mit der Natur bringt, bis nach etwa 30 Minuten der Hügel am Tannegg erreicht ist. Ein unscheinbarer Pfad zweigt vom Hauptweg ab und führt zur östlichen Seite des Hügels. Dort wartet der Eingang: ein 15 Meter langer Tunnel, der wie eine Schleuse zwischen den Welten wirkt. Er ist präzise nach Nordosten gerichtet und gibt eine Sichtachse frei, die über die historische Siedlung Bürstegg bis zum markanten Gipfel des Biberkopfs reicht.
Gut zu wissen: Den Himmel erleben
Der Skyspace-Lech ist ein lebendiges Kunstwerk, das sich mit den Jahreszeiten und dem Wetter verwandelt. Damit der Besuch zum perfekten Augenblick wird, hier die wichtigsten Details:
Öffnungszeiten:
- Winter-Zauber (1. Dez. – 19. April): Täglich von 12:00 bis 20:00 Uhr.
- Zwischenzeit (20. April – 31. Mai): Täglich von 09:00 bis 18:00 Uhr. (Besichtigung untertags ohne Lichtkunst; temporäre Schließungen wegen Wartung möglich).
- Sommer- & Herbstglühen (1. Juni – 30. Nov.): Täglich von 1 Stunde vor Sonnenaufgang bis 1 Stunde nach Sonnenuntergang.
Der Lichtfänger aus den Staaten
Um den Skyspace zu verstehen, muss man den Mann hinter dem Licht verstehen. James Turrell, 1943 in Los Angeles geboren, ist kein klassischer Bildhauer. Er formt nicht Stein oder Bronze, er formt die Wahrnehmung. Aufgewachsen in einer strenggläubigen Quäkerfamilie, lernte er früh die Kraft der Stille und des „inneren Lichts“ kennen. Als Pilot mit tausenden Flugstunden verbrachte er zudem halbe Lebenszeiten über den Wolken, fasziniert von der grenzenlosen Tiefe des Firmaments.
Diese Symbiose aus Spiritualität, Psychologie und Astronomie fließt in seine Werke ein. Turrell baut keine Räume, um den Himmel zu betrachten – er baut Räume, die den Himmel zu uns herabholen. Sein wohl ambitioniertestes Projekt ist der Roden Crater in Arizona, ein erloschener Vulkan, den er seit den 1970er Jahren in ein monumentales Himmelsobservatorium verwandelt. In Lech hat er ein kleineres, aber nicht weniger intensives Echo dieser Vision geschaffen. Sein Ziel umschreibt er oft mit dem Satz „seeing yourself seeing“ – es geht darum, sich selbst beim Sehen zuzusehen und zu erkennen, wie unser Gehirn Realität erst erschafft.
Der Tunnel in eine andere Welt
Im Inneren des Skyspace herrscht eine fast sakrale Stille. Der ovale Hauptraum ist von einer schlichten, fast strengen Eleganz. Schwarzer Granit kleidet den Boden und die umlaufenden Sitzbänke aus – ein bewusster, dunkler Anker für das Auge. Die geöffnete Kuppel wirkt wie ein scharf geschnittenes Fenster in die Unendlichkeit. Für Turrell ist das Licht hier kein bloßes Hilfsmittel:
„Licht ist nicht etwas, das andere Dinge erleuchtet, sondern eine Substanz, die sich selbst offenbart.“
In der Dämmerung beginnt das eigentliche Schauspiel. Wenn die Wände in wechselndes, künstliches Licht getaucht werden, scheint der reale Himmel durch die Deckenöffnung seine Farbe zu verändern. Durch einen optischen Effekt wirkt das Blau des Himmels plötzlich so massiv und nah, als könnte man es berühren. Es ist eine Grenzerfahrung, die uns unsere eigene Schöpferkraft vor Augen führt:
„Wir sind uns nicht bewusst, dass wir selbst dem Himmel seine Farbe geben. Wir denken, dass alles vorgegeben ist, aber wir haben doch aktiv Teil daran, die Realität, in der wir leben, zu erschaffen.“
Bei schlechtem Wetter wird die Kuppel geschlossen und der Raum verwandelt sich in ein „Ganzfeld“. In diesem Zustand verliert das Auge jegliche Orientierungspunkte; die Raumstruktur scheint sich in einem nebelartigen Farbraum aufzulösen – ein Moment völliger Entgrenzung.
Nach diesem tiefen Eintauchen in die Welt der Farben führt der Weg zurück in die alpine Freiheit. Die Beschilderung weist nach rechts, Richtung Karhorn und Auenfeld. Es ist ein wunderbarer Übergang von der Stille der Kunst zurück in die Weite der Natur. Das Auenfeld ist eine der beeindruckendsten Hochebenen Vorarlbergs – eine sanft abfallende Landschaft, die Lech Zürs mit Warth-Schröcken verbindet und zum Durchatmen einlädt.
Während man hinunter zur Bodenalpe wandert, schweift der Blick immer wieder zurück zum Tannegg. In der Bodenalpe angekommen, ist es Zeit, die Eindrücke bei einer guten Jause sacken zu lassen. Ob man danach zu Fuß nach Lech zurückkehrt oder den Wanderbus nimmt – man trägt ein Stück von Turrells Licht mit sich.
Der Skyspace-Lech ist ein Geschenk an alle, die bereit sind, für einen Moment innezuhalten. In einer Welt, in der alles immer schneller gehen muss, ist dieser Ort ein Plädoyer für das genaue Hinschauen. Man verlässt den Berg nicht nur mit frischer Luft in den Lungen, sondern mit einem ganz neuen Gefühl für den Himmel über uns.










