Tierisch Reich
Im Nationalpark Berchtesgaden
Ganz im Südosten der Bundesrepublik, zwischen schroffen Felsen und tiefen Wäldern, liegt ein wahres Paradies versteckt: Das alpine Reich der Tiere. Über Jahrtausende konnte sich hier eine Fauna entwickeln, die vielfältiger kaum sein könnte. Grund dafür ist die Topografie des heutigen Nationalparks Berchtesgaden: Vom knapp 600 tief gelegenen Königsee, bis zu den Gipfeln des 2713 Meter hohen Watzmanns, erstreckt sich ein Mosaik aus den verschiedensten Lebensräumen. Hier lässt sich die ein oder andere Überraschung finden. Beispielsweise Böcke, welche nicht ein Gehörn, sondern blau-schwarz gestreifte Fühler tragen. Oder Bären, die mit auffällig orangener Warntracht und gut ausgebildetem Saugrüssel nach Nektar suchen. Wir zeigen, welche Besonderheiten im Nationalpark Berchtesgaden ein schützenswertes Zuhause gefunden haben.
Autor: Benni Häfner
Der Eurasische Luchs (Lynx lynx)
Es ist der 2. Dezember 2015, im Nationalpark Berchtesgaden: Lautlos streift ein Luchs durch die Bergwälder, bis der Meister der Unsichtbarkeit von einer automatisierten Wildtier-Kamera fotografiert wird. Sein Name: Alus. 2008 wurde er in der Schweiz geboren und 2014 zur Bestandssicherung ins italienische Friaul umgesiedelt. Dass das Tier von dort eine mehr als 100 Kilometer lange Reise bis in den Nationalpark auf sich nahm, ist eine Besonderheit. Denn Luchse legen nur selten derartige Strecken zurück. Außerdem musste das Tier dafür hohe Pässe überwinden, obwohl sich Luchse eigentlich in tiefergelegenen und dicht bewaldeten Regionen wohler fühlen.
Lange Zeit galt der Luchs in den Alpen als ausgerottet, doch seit einigen Jahren kehrt er langsam zurück. Auch im Nationalpark Berchtesgaden, wo der Wildnis freien Lauf gelassen wird, findet der Luchs geeignete Bedingungen. Dennoch bleibt er selten: Große Reviere, geringe Populationsdichten und die Zerschneidung der Landschaft erschweren eine stabile Ausbreitung.
Rote Waldameisen (Formica rufa)
Ohne diese Alleskönner wäre der Wald ein anderer: Waldameisen zählen zu den ökologisch bedeutendsten Insektenarten – auch im Nationalpark. Besonders die Rote Waldameise bildet komplexe Staaten mit bis zu mehreren Millionen Individuen. Ihre haufenförmigen Nester bestehen aus Nadeln, Zweigen und organischem Material und können Durchmesser von bis zu drei Metern erreichen. Im Inneren sorgt ein ausgeklügeltes System aus Kammern und Gängen für eine weitgehend konstante Temperatur, die für die Entwicklung der Brut entscheidend ist. Ökologisch übernehmen Waldameisen eine zentrale Funktion im Nationalpark. Ein einzelnes Volk kann jährlich große Mengen an Insekten erbeuten und trägt so zur Regulation potenzieller Forstschädlinge bei. Gleichzeitig nutzen sie Honigtau von Blattläusen als Energiequelle und stehen damit in komplexen Wechselbeziehungen zu anderen Arten. Durch ihre Bautätigkeit lockern sie den Boden, fördern Zersetzungsprozesse und verbessern die Nährstoffverfügbarkeit. Zudem bieten ihre Nester zahlreichen weiteren Organismen Lebensraum. Im Nationalpark sind Waldameisen von den Tallagen bis in höhere Bergwälder verbreitet und gelten als wichtige Indikatoren für ein intaktes, naturnahes Ökosystem.
Steinbock (Capra ibex)
Oft als König der Alpen bezeichnet: Der Steinbock. Er besiedelt bevorzugt felsdurchsetzte Regionen oberhalb der Baumgrenze, wo er dank seiner spezialisierten Hufe selbst in steilem, brüchigem Gelände sicheren Halt findet. Ausgewachsene Tiere erreichen eine Körperlänge von etwa 130 bis 150 Zentimetern. Auffällig ist vor allem das stark gebogene Gehörn der Böcke, das Längen von bis zu einem Meter erreichen kann.
Historisch wurde der Steinbock im Alpenraum bis ins späte Mittelalter intensiv bejagt und regional vollständig ausgerottet. Erst im 20. Jahrhundert erfolgten Wiederansiedlungen, im Gebiet von Berchtesgaden ab den 1930er Jahren. Nach anfänglich schwierigen Bedingungen entwickelte sich eine stabile Population, die heute im Nationalpark und angrenzenden Gebieten etwa 150 Tiere umfasst.
Als ehemals ausgerottete und erfolgreich wiederangesiedelte Art stehen sie exemplarisch für den langfristigen Schutz alpiner Wildtiere.
Alpenbock (Rosalia alpina)
Eben kein behornter Säuger: Im Nationalpark Berchtesgaden gehört der Alpenbock zu den auffälligsten, zugleich aber seltensten Insektenarten der Bergwälder. Der Käfer erreicht eine Körperlänge von etwa 15 bis 38 Millimetern und ist durch seine graublau bis himmelblau gefärbten Flügeldecken mit schwarzen Flecken sowie durch die sehr langen, gegliederten Fühler eindeutig zu erkennen. Männchen besitzen dabei deutlich längere Fühler als Weibchen.
Der Alpenbock besiedelt im Nationalpark vor allem lichte Misch- und Buchenwälder in wärmebegünstigten Lagen bis etwa 1.000 Meter Höhe. Entscheidend für sein Vorkommen ist das Vorhandensein von geeignetem Totholz. Die Weibchen legen ihre Eier in Risse abgestorbener oder geschädigter Bäume, insbesondere der Rotbuche. Die Larven entwickeln sich über einen Zeitraum von zwei bis vier Jahren im Holz, bevor sie sich verpuppen. Die erwachsenen Käfer erscheinen im Sommer, leben jedoch nur wenige Wochen.
In Deutschland und Bayern wird der Alpenbock als stark gefährdet eingestuft und ist europaweit streng geschützt.
Bartgeier (Gypaetus barbatus)
Im Nationalpark Berchtesgaden gehört der Bartgeier zu den größten flugfähigen Vögeln. Er erreicht eine Körperlänge von rund 115 Zentimetern bei einer Flügelspannweite von bis zu 2,9 Metern und einem Gewicht von etwa fünf bis sieben Kilogramm. Damit übertrifft er selbst große Greifvögel wie den Steinadler deutlich.
Charakteristisch ist seine spezialisierte Ernährungsweise: Er ist nahezu ausschließlich Aasfresser und ernährt sich zu etwa 85 Prozent von Knochen. Diese lässt er aus großer Höhe auf Felsen fallen, um sie zu zerkleinern und anschließend aufzunehmen. Damit besetzt er eine ökologische Nische, die von kaum einer anderen Art genutzt wird.
Historisch wurde der Bartgeier im Alpenraum aufgrund von Mythen und Fehlannahmen intensiv verfolgt und Anfang des 20. Jahrhunderts vollständig ausgerottet. Erst durch internationale Wiederansiedlungsprogramme kehrt die Art seit den 1980er Jahren langsam zurück. Im Nationalpark Berchtesgaden wurden seit 2021 im Rahmen eines gemeinsamen Projekts von Naturschutzorganisationen und Parkverwaltung mehrere Jungvögel ausgewildert, um die Population in den Ostalpen gezielt zu stärken.
Seeforelle (Salmo trutta lacustris)
Die Seeforelle zählt zu den charakteristischen Fischarten alpinen, sauerstoffreicher Seen. Sie besiedelt vor allem große, kalte Gewässer wie den Königssee und kann Längen von über einem Meter erreichen. Aufgrund ihrer Größe und Erscheinung wird sie häufig als „Königin der Alpenseen“ bezeichnet.
Die Seeforelle ist eine wandernde Form der Forelle und zeigt ein ausgeprägtes Laichverhalten. Ähnlich wie Lachse kehren die Tiere im Alter von etwa vier bis fünf Jahren in die Zuflüsse zurück, in denen sie selbst geschlüpft sind. Im Nationalpark spielt dabei insbesondere der Saletbach zwischen Obersee und Königssee eine wichtige Rolle als Laichgewässer.
In den 1980er- und 1990er-Jahren kam es in vielen bayerischen Seen zu drastischen Bestandseinbrüchen, auch im Königssee. Seit 2018 läuft ein umfassendes Wiederansiedlungsprojekt. Nach Renaturierungsmaßnahmen wurden zehntausende Jungfische ausgesetzt, um die Population langfristig zu stabilisieren. Erste Nachweise von Jungfischen und Rückkehrern in die Laichgewässer zeigen, dass sich die Bestände langsam erholen.
Russischer Bär (Euplagia quadripunctaria)
Im Nationalpark Berchtesgaden ist der Russische Bär, auch „Spanische Flagge“ genannt, eine auffällige und bedeutende Schmetterlingsart. Es handelt sich um einen tagaktiven Nachtfalter aus der Gruppe der Bärenspinner mit einer Flügelspannweite von etwa 4 bis 5 Zentimetern. Charakteristisch sind die dunkel gefärbten Vorderflügel mit hellen Streifen sowie die leuchtend orangeroten Hinterflügel mit schwarzen Flecken, die meist erst im Flug sichtbar werden.
Im Gegensatz zu vielen Nachtfaltern ist die Art häufig auch am Tag zu beobachten. Im Nationalpark tritt sie besonders entlang von Waldwegen, in Schluchten und an Gewässerrändern auf, wo sie bevorzugt Nektar an violetten Blüten, insbesondere des Wasserdosts, aufnimmt.
Der Russische Bär ist europaweit durch die Fauna-Flora-Habitat-Richtlinie geschützt und gilt als wichtige Indikatorart für naturnahe, vielfältig strukturierte Lebensräume. Im Nationalpark Berchtesgaden findet er geeignete Bedingungen und kann in manchen Jahren lokal in größerer Zahl beobachtet werden.
Rothirsch (Cervus elaphus)
Der Rothirsch ist das größte Landsäugetier in Nationalpark und zentraler Pflanzenfresser des alpinen Ökosystems. Männliche Tiere können eine Schulterhöhe von bis zu 1,5 Metern erreichen und tragen ein jährlich neu wachsendes Geweih, das als wichtiges Merkmal in der Brunftzeit dient. Historisch war der Rothirsch aufgrund seines Geweihs stark bejagt, heute zählt er zu den bekanntesten Wildarten des Schutzgebiets.
Eine Besonderheit im Nationalpark ist die gezielte Winterfütterung im Klausbachtal. Sie dient nicht primär der Unterstützung der Tiere, sondern dem Schutz des Bergwaldes. Ohne zusätzliche Nahrung würden die Hirsche verstärkt junge Bäume anfressen, was die natürliche Waldentwicklung beeinträchtigen würde. An der Fütterung können sich im Winter größere Gruppen mit mehreren Dutzend Tieren versammeln.
Allgemeines / Infoblock
Im Nationalpark Berchtesgaden lassen sich Wildtiere mit Geduld und Rücksicht gut beobachten. Besonders aktiv sind viele Arten in den frühen Morgenstunden und in der Dämmerung, wenn Hirsche, Gämsen und andere Tiere aus ihrer Deckung treten. Wer, aufmerksam bleibt und Hilfsmittel wie Fernglas oder Spektiv nutzt, erhöht die Chancen deutlich.
Wichtig ist ein respektvoller Umgang: auf den Wegen bleiben, Abstand halten, Lärm vermeiden und Hunde anleinen. Störungen bedeuten für Wildtiere oft hohen Energieverlust – vor allem im Winter. Auch das „Lesen“ der Landschaft hilft: Spuren, Fraßreste oder Losungen verraten die Anwesenheit von Tieren. Geführte Ranger-Touren bieten zusätzlich wertvolle Einblicke und erhöhen die Erfolgschancen.













