Damals & Heute: Der alpine Radsport
Alpenraum/ Die großen Radrennen waren noch nicht lange erfunden, da wurden auch schon die Routen in alpine Regionen verlegt. Nicht nur die Sicherheitsstandards waren damals andere. Das Rad, mit welchem die erste Tour de France 1903 gewonnen wurde, besaß keinen Freilauf, keine Gangschaltung, wurde von Holzfelgen getragen – und hatte keine Bremsen. Um die Geschwindigkeit zu verringern, musste über die Pedale ein Gegendruck aufgebaut werden. Heute sehen Räder in den Alpen anders aus: Vollgefedert. Leicht, dank Bauteilen aus dem Faserverbundstoff Carbon. Und mit einer Extraportion Power in Form von leistungsstarken Akkus und Elektromotoren. In den mehr als einhundert Jahren des alpinen Radsports hat sich also einiges verändert. Manches aber ist geblieben: Beispielsweise das Streben nach Freiheit. Nach Selbstbestimmung und Eigenverantwortung.
Autor: Benni Häfner
Tour de France 1928: Auf der legendären 387 Kilometer langen Pyrenäen-Etappe von Hendaye nach Luchon kämpft sich der belgische Radprofi Maurice Geldhof am steilen Anstieg des Col d’Aubisque zu Fuß bergauf – ein eindrucksvolles Zeugnis der Härte des frühen Radsports.
903 – das erste Etappen-Radrennen der Welt
Als die Tour de France im Sommer 1903 zum ersten Mal ausgetragen wurde, war sie vor allem eines: Werbung. Hinter der Idee stand Henri Desgrange, selbst Stunden-Weltrekordler, vor allem aber auch Herausgeber der Sportzeitung L’Auto. Schon damals standen die Zeitungen in einem harten Konkurrenzkampf. Um die Auflage anzukurbeln, suchte man nach einem Ereignis, das Aufmerksamkeit erzeugen und über Wochen hinweg Gesprächsstoff liefern würde. Der entscheidende Impuls kam schließlich am 20. November 1902. Der Journalist Géo Lefèvre machte den Vorschlag, ein Radrennen quer durch Frankreich zu veranstalten, aufgeteilt in mehrere Etappen, unterbrochen von Ruhetagen. Ein Wettbewerb, der nicht nur sportliche Leistung verlangte, sondern auch Durchhaltevermögen über einen ganzen Monat hinweg.
Nur wenige Wochen später wurde aus der Idee Realität. Am 19. Januar 1903 kündigte L’Auto offiziell die Austragung dieser Rundfahrt an: als „größte Rad-Prüfung der Welt“, als ein Rennen von bislang unbekanntem Ausmaß. Das erste echte Etappen-Radrennen der Welt. Was aber zunächst nur als Mittel zur Lesergewinnung gedacht war, entwickelte sich in kürzester Zeit zu einem der prägendsten Sportereignisse überhaupt – und legte den Grundstein, auch für die spätere Eroberung der Alpen.
1910 – Vorstoß in die Alpen
Ein Jahr bevor die Tour de France echtes Hochgebirge durchlief, wurde die Machbarkeit des Vorhabens für damalige Verhältnisse außerordentlich sorgfältig geprüft. Der Journalist Alphonse Steinès reiste im Auftrag der Organisatoren in die Pyrenäen, um dort mögliche Strecken zu erkunden. Sein Auftrag: herauszufinden, ob die teils abgelegenen Berg- und Passwege überhaupt mit dem Fahrrad befahrbar waren. Trotz widriger Bedingungen fiel sein Bericht positiv aus. Steinès ebnete damit den Weg für eine neue Ära des Radsports.
In der Folge wurden mehrere bis heute legendäre Anstiege in die Streckenführung aufgenommen, darunter der Col du Tourmalet, der Col d’Aubisque sowie weitere Pyrenäenpässe wie Peyresourde und Aspin. Die Realität vor Ort hatte allerdings wenig mit heutigen Straßenverhältnissen gemein: lose Schotterbeläge, ausgewaschene Wege und extreme Steigungen zwangen viele Fahrer dazu, lange Passagen zu schieben.
Wie hart diese Etappen tatsächlich waren, zeigt ein Moment am Col d’Aubisque, von dem heute noch erzählt wird: Der spätere Etappensieger Octave Lapize überquerte den Pass völlig erschöpft und beschimpfte daraufhin die Verantwortlichen – darunter auch den Tour-Offiziellen Victor Breyer – mit den Worten „Ihr verdammten Mörder!“. Ein unmissverständliche Ausdruck extremer Belastung, welche diese frühen Bergetappen mit sich brachten.
Giro d’Italia 1965: Mitten durch Schnee und eisige Bedingungen kämpft sich der italienische Radprofi Aldo Moser über das verschneite Stilfser Joch.
1985 erschienen die ersten Fachmagazine zum neuen Trendsport: Mountainbiken.
Freiheit und Eigenverantwortung
Sportlicher Ehrgeiz aber wurde schon damals an den Tag gelegt – und belohnt. Das zeigt ein weiteres Detail: Gustave Garrigou erhielt 1910 eine Sonderprämie von 100 Francs, weil er den Tourmalet vollständig fahrend bewältigte, also ohne vom Rad abzusteigen – eine Leistung, die unter den damaligen Bedingungen alles andere als selbstverständlich war. An diesen historischen Moment erinnert heute die weltberühmte Skulptur „Le Géant du Tourmalet“, die sinnbildlich für den Beginn dieses großen Bergkapitel im Radsport steht.
Prallel dazu entwickelte sich auch der Giro d’Italia. Bereits 1911 führte die Route in die norditalienischen Alpen und Dolomiten. Die Berge wurden zur Bühne, die Rennen zum Drama – und die Fahrer zu Legenden. Was als sportliches Experiment begann, entwickelte sich innerhalb weniger Jahre zu einem festen Bestandteil des alpinen Radsports. Wirklich haarsträubend muten diese Rennen heute aber an, bedenkt man das damalige Regelwerg: Zentrale Vorgabe war die völlige Eigenständigkeit. Fahrer mussten Defekte selbst beheben, Hilfe von außen war strikt verboten. Berühmt wurde das Foto von Giusto Cerutti, der bei der Tour de France 1928 schwer stürzte und anschließend mit Wundverband die Einzelteile seines in Stücke gerissenen Rades in den Händen trug.
Das Bergrad
Während der klassische Straßenradsport also längst schon seine großen Bühnen gefunden hatte, begann in den USA irgendwann eine echte Revolution. Ihren Ursprung nahm sie in den 1970er-Jahren, in Kalifornien, wo Fahrer wie Gary Fisher, Joe Breeze und Tom Ritchey damit experimentierten, alte, robuste Fahrräder für rasante Abfahrten auf Schotterpisten umzubauen. Berühmt wurde das „Repack“-Rennen, das 1976 erstmals am Pine Mountain stattfand – ein staubiger Waldweg, auf dem die damaligen Bremsen hoffnungslos überhitzten. Aus diesen improvisierten Anfängen entwickelte sich in kurzer Zeit aber ein völlig neues Sportgerät. Breitere Reifen, stabilere Rahmen, den Belastungen angepasste Bremssysteme – und das Mountainbike war geboren. Anfang der 1980er-Jahre schwappte die Bewegung nach Europa über. Hier boten die Alpen genau das Terrain, das dieser neue Stil verlangte. Zunächst belächelt, dann neugierig beobachtet, setzte sich das Mountainbike rasch durch. Regionen erkannten das Potenzial, erste Veranstaltungen entstanden, Lifte fanden in den Sommermonaten eine neue Bestimmung. Der Blick auf die Berge veränderte sich grundlegend: Nicht mehr nur die hohen Pässe waren das Ziel, sondern der Weg dort hinauf – und immer mehr auch der Trail zurück ins Tal.
Fully equipped
Mit den ersten Mountainbikes war das Prinzip schnell klar: Sie waren gebaut fürs Grobe. Doch je schneller die Fahrer wurden und je technischer die Trails, desto deutlicher zeigten sich die Grenzen der starren Konstruktionen. Schläge gingen ungefiltert in Arme und Rücken, Kontrolle kostete Kraft. Die Lösung begann an der Front: Federgabeln hielten in den frühen 1990er-Jahren Einzug und veränderten das Fahrgefühl grundlegend.
Der nächste Schritt war zwar konsequent, technisch aber anspruchsvoll. Erste vollgefederte Prototypen entstanden 1982, anfangs schwer, anfällig und von vielen skeptisch betrachtet. Hinterbaufederungen, meist als Dämpfer bezeichnet, mussten so konstruiert werden, dass sie sensibel ansprechen, ohne beim Pedalieren Energie zu schlucken. 1988 wurde auf der Bike-Messe in Long Beach das erste Fully präsentiert. Mit der Weiterentwicklung setzte sich das System durch. Spätestens mit dem Aufkommen des Downhillsports wurde es zum Maßstab: mehr Kontrolle, höhere Geschwindigkeiten, neue Linien.
Parallel dazu differenzierte sich die Bike-Welt immer weiter aus. Enduro, Trail, Downhill – für jeden Einsatzzweck entstanden spezialisierte Räder. Das touristische Angebot in den Alpen wuchs mit den Aufgaben und bietet heute einige der modernsten Trailanlagen der Welt.
Heute ist diese Entwicklung an einem neuen Punkt angekommen. Elektrische Antriebe erweitern den Aktionsradius, machen Höhenmeter planbarer und erschließen Zielgruppen, die früher außen vor blieben. E-Mountainbikes verbinden die technische Reife des Fullys mit zusätzlicher Energie aus dem Akku. Gleichzeitig entstehen immer aufwendigere Downhill- und Flowtrails, die Fahrer gezielt durch die Landschaft führen. Gondeln, Shuttles und Trailnetze greifen ineinander – und machen aus dem alpinen Raum ein fein abgestimmtes System für das Radfahren in all seinen Facetten.
Ob aus reiner Muskelkraft oder mit Akku: Bergerlebnisse auf dem Rad bleiben in Erinnerung – wie hier über dem Pillerseetal am Wildseeloder.
In Sölden finden Biker heute aussichtsreiche Trails in allen Schwierigkeitsklassen.
Modellregion zwischen Natur und Flow
Wie sich der alpine Radsport heute anfühlt, lässt sich exemplarisch in der Tiroler Zugspitz Arena beobachten. Die Region steht sinnbildlich für das, was aus über hundert Jahren Entwicklung geworden ist: ein fein austariertes Zusammenspiel aus Naturraum, Infrastruktur und sportlicher Vielfalt. Wo einst nur vereinzelte Pässe für Radfahrer offen standen, spannt sich heute ein Netz aus Trails unterschiedlichster Schwierigkeitsgrade über mehrere Orte hinweg – von Ehrwald über Lermoos bis nach Berwang.
Viele dieser Entwicklungen tragen eine klare Handschrift. „Wir versuchen, die Trails so zu bauen, dass sie sich ins Gelände einfügen und der Bezug zur Natur nicht verloren geht“, sagt Christian Heitmann, Headshaper der Region. Tatsächlich liege genau darin ein zentraler Unterschied zu frühen Bikeparks: Statt möglichst spektakulärer Einzelstrecken entsteht hier ein zusammenhängendes System. Neue Projekte wie der „Bikepark Zugspitze“ erweitern das Angebot nachhaltig – mit Linien für Einsteiger ebenso wie für erfahrene Fahrer. „Die Vielfalt macht es aus. Es gibt nicht den einen Trail, sondern viele Möglichkeiten, den Berg zu erleben.“
Parallel dazu verändere sich auch der touristische Rahmen. „Der Sommer rückt stärker in den Fokus, nicht zuletzt als Reaktion auf unsichere Winter. Mountainbiken ist dabei längst mehr als ein Nischensport und künftig kaum noch wegzudenken“, sagt Heitmann. E-Mountainbikes spielen in dieser Entwicklung eine Schlüsselrolle: Sie machen nicht nur mehr Höhenmeter möglich, sondern verlängern auch Touren und öffnen die Berge für ein breiteres Publikum. Gleichzeitig bleibe der alpine Raum ein sensibles Gefüge, merkt Heitmann an. Zwischen Trailbau, Naturschutz und unterschiedlichen Nutzergruppen brauche es Kompromisse. „Genehmigungen sind oft die größte Hürde – aber auch wichtig, damit es nicht aus dem Ruder läuft.“ Lösungen entstehen Schritt für Schritt: durch Besucherlenkung, durch neue Angebote, auch für Wanderer, durch gegenseitige Rücksichtnahme auf sogenannten Sharetrails. So zeigt die Tiroler Zugspitz Arena beispielhaft, wohin sich der alpine Radsport entwickelt kann. Denn vom heroischen Kampf über staubige Passstraßen, bis zum naturnah gebauten Trail, war es ein weiter Weg.
Die geschwungenen Lines im Pillerseetal sorgen für ordentlich Flow bei der Abfahrt.
Die Weiterentwicklung des Radsports: Gravelbiken erfreut sich zunehmender Beliebtheit wie hier in Zell am See-Kaprun im Salzburger Land mit Blick auf das Kitzsteinhorn.
Kurzinterview: „Rücksicht ist Teil des Systems“
Christian Heitmann, Headshaper Trails & Bikeberiech, Tiroler Zugspitz Arena
Du arbeitest dort, wo andere Urlaub machen – wie sieht dein Alltag aus?
Im Sommer bin ich mit meinem Team draußen am Berg unterwegs, wo wir die Trails bauen und pflegen. Im Winter verlagert sich vieles ins Büro. Was als Saisonjob begonnen hat, ist inzwischen eine Ganzjahresaufgabe geworden.
Was macht für dich einen guten Trail aus?
Vor allem Vielfalt. Schnell, technisch oder verspielt. Entscheidend ist immer, dass sich ein Trail ins Gelände einfügt und der Bezug zur Natur erhalten bleibt. Ein guter Trail lebt von dieser Atmosphäre.
Wie haben sich die Trails in der Tiroler Zugspitz Arena entwickelt?
Einige Trails gibt es seit über zwanzig Jahren, oft sind sie aus bestehenden Wegen entstanden. In den letzten vier Jahren kamen fünf neue Trails hinzu. Mit den neuen Trails wurden und werden die Orte Biberwier, Lermoos und Berwang erweitert, Ehrwald/Wetterstein als Bikegebiet sogar neu erschlossen. Uns ist es wichtig die Trails in der gesamten Arena zu verteilen, um den Gästen ein besonderes und abwechslungsreiches Erlebnis zu bieten.
Wo liegen bei der Erschließung neuer Regionen die größten Herausforderungen?
Ganz klar bei Genehmigungen und im Naturschutz. Zwischen Idee und Umsetzung können schon mal mehrere Jahre liegen. Das ist aufwendig, aber notwendig.
Wie funktioniert in der Region die gemeinsame Nutzung von Wegen durch Wanderer und Biker?
In der Tiroler Zugspitz Arena gibt es einige sogenannte Sharetrails, auf denen sich Wanderer und Mountainbiker denselben Trail teilen. Diese Lösung wird jedoch nicht als endgültiges Modell verstanden. Entscheidend aus unserer Sicht ist aber vor allem gegenseitige Rücksichtsnahme, damit das Miteinander auf den Wegen gut funktioniert. Ergänzend wird das Angebot so entwickelt, dass neue Bike-Infrastruktur oft parallel auch zusätzliche Möglichkeiten für Wanderer schafft.
Welche Projekte stehen aktuell in deinem Fokus?
Neben der Eröffnung der neuen Trails, planen wir in Berwang bereits neue Routen, darunter blaue und rote Trails sowie eine Jumpline. Insgesamt wird das Netz Schritt für Schritt erweitert und über die Region verteilt.
Was sollten Besucher über das Bikeangebot der Region wissen?
Die Tiroler Zugspitz Arena versteht sich nicht als klassischer Bikepark, sondern als großflächige Bikeregion mit vielen unterschiedlichen Möglichkeiten. Die Trails sind überwiegend natürlich angelegt und bringen daher auch einen gewissen technischen anspruch mit sich. Gleichzeitig gibt es Angebote für alle Levels, von Einsteigern bis zu erfahrenen Fahrern.
Hast du einen Geheimtipp?
Als weniger bekannter, aber anspruchsvoller Trail gilt der „Lichte Traul“ in Bichlbach. Er ist schwarz markiert, technisch fordernd und bietet insbesondere für fortgeschrittene Fahrer ein charakterstarkes Singletrail-Erlebnis abseits der viel besuchten Trails.












