Ein Brauer über den Wolken
Mittenwald / Die Zugspitze mag zwar der höchste Gipfel Deutschlands sein, doch hat sie weder eine Brauerei noch Alex Schmid. Dieser Punkt geht an den Nachbarn – die Karwendelbahn am östlichen Ostrand von Mittenwald. Das Kuriose: Im Halbstundentakt bringt sie nicht nur Wanderer, sondern auch Maischesäcke auf 2244 Meter Höhe.
Autorin: Jasmin Lutz
Montagmorgen, kurz vor halb neun. Frauen und Männer, gekleidet in atmungsaktiven und wasserfesten Outdoorjacken, die Kamera in der linken, die Wanderstöcke in der rechten Hand, sitzen aufgeregt auf den Bänken im Vorraum der Karwendelbahn. Eine fast unheimliche Stille erfüllt den Raum. Niemand spricht. Vielleicht liegt es an der Sicht – kaum ein paar Meter weit reicht der Blick, alles grau in grau. Es regnet und zum Wandern lädt dieses Wetter nicht gerade ein.
Nur einer wirkt völlig unbeirrt: Braumeister Alex Schmid. Während andere zur Arbeit radeln, pendeln oder spazieren, wartet der gebürtige Landsberger schweigend auf seinen Aufstieg – per Seilbahn. Denn sein Arbeitsplatz liegt hoch oben, dort wo die Luft dünner, der Ausblick weiter und das Bier stärker wird. Der Regen peitscht gegen die Fenster, dichter Nebel verschluckt das Tal. Für Schmid zählt heute nur eins: Die Bahn fährt und er kommt rechtzeitig zu seinem Bier. Doch das ist nicht immer so. Sobald Sturmböen aufziehen oder der Wind zu stark pfeift, steht die Bahn still. Andernfalls wäre es schlicht zu gefährlich. Dann bleibt ihm nichts anderes übrig, als unten zu bleiben. Erst letzte Woche zwang ihn das Wetter zu einer Arbeitspause. Manchmal ist die Wetterlage gnädig. Manchmal entscheidet der Berg.
Alex Schmid, Brauer aus Leidenschaft
Zwischen Hochgebirge und Sudkessel
In nur sieben Minuten bringt die 1967 erbaute Karwendelbahn ihre ins Hochgebirge. Die Fahrt mit den „Karwendelkristall“ genannten Gondeln ist normalerweise ein Erlebnis für sich: Durch die gläsernen Wände eröffnet sich der Blick auf schroffe Felswände, tiefe Schluchten und das beeindruckende Karwendelkar. Doch heute bleibt das Schauspiel aus. Die Gondel gleitet durch dichten Nebel, der sich wie ein Vorhang vor die Bergwelt legt. Statt Weitblick: graues Nichts. Statt Panorama: verschwommene Umrisse, hin und wieder ein Wassertropfen auf dem Glas. Nur das leise Ruckeln der Seile und das sanfte Schwanken der Kabine erinnern daran, dass es nach oben geht.
Die Gondeltür öffnet sich. Regen prasst den Gästen entgegen. Die Wanderer ziehen die Kapuzen tief ins Gesicht und huschen über die Plattform ins Innere des Bergrestaurants. Auch Alex Schmid nimmt Kurs auf den Eingang – allerdings nicht, um sich vor dem Wetter zu schützen. Sein Ziel liegt hinter den Kulissen: die höchstgelegene Brauerei Deutschlands.
Dort, fernab vom Trubel, beginnt sein Arbeitstag. Er hängt die Jacke an den Haken, streift sich weiße Gummistiefel über, schlüpft in seine sandfarbenen Arbeitshosen und ein schwarzes T-Shirt mit dem Schriftzug „Karwendelbräu Mittenwald“. Auf dem Weg durch glänzende Kupferkessel und Edelstahlleitungen wirkt er ganz in seinem Element. Er ist ein Brauer, der seine Höhenlage gewohnt ist. Dann hastet er die schmale Treppe hinunter, verschwindet durch eine Stahltür – hinein in einen Raum, kaum größer als eine Almhütte.
Zwischen Gipfel und Gärung
Ob Helles, Hefeweizen oder saisonale Spezialitäten – das „Karwendelbräu“ wird in luftiger Höhe und mit viel Handarbeit gebraut. Frisch gezapft schmeckt es am besten: direkt im Bergrestaurant neben dem Sudhaus, mit Blick auf die Bergwelt. Für alle, die ihr Gipfelbier lieber mitnehmen, gibt es kleine Fässchen zum Abfüllen – ein Stück Karwendel für daheim.
Doch bis der erste Schluck eingeschenkt werden kann, braucht es einiges an Logistik. Die Zutaten müssen auf den Berg. Wasser, Hopfen und Hefe und das Malz, das in großen Säcken angeliefert wird, müssen mühsam mit der Bahn transportiert werden. Ein anderer Weg ist schlicht nicht machbar. Zu Fuß würde der Aufstieg Stunden dauern – mit 25 Kilo auf dem Rücken und steilen Wegen eher unrealistisch.
Trotzdem: Der Aufwand lohnt sich. Und wer sich dafür interessiert, kann das alles auch selbst erleben. Bei Führungen durch die Brauerei zeigt Alex Schmid persönlich, wie oben am Berg gebraut wird. Er erklärt das Handwerk, erzählt von den Anfängen, von Rückschlägen und Glücksmomenten. Und wenn er dabei durch den engen Raum zwischen den glänzenden Kesseln führt, spürt man, dass er ein neues Stück Heimat gefunden hat – weit weg von Spanien.
„Meine liebste Arbeit ist das Probieren“, sagt Schmid mit einem breiten Grinsen. So lädt er natürlich am Ende jeder Führung lädt er seine Gäste noch auf eine Kostprobe ein. Er hält kurz inne, lehnt sich gegen den Sudkessel und fügt an: „Und mein Lieblingsbier? Ganz klar – das Helle. Was auch sonst.“
Am späten Nachmittag ist der Arbeitstag vorbei. Die Tanks sind gefüllt, der Gärprozess läuft, das Bier ruht. Draußen zieht erneut Nebel auf. Schmid tritt vor die Tür, blickt hinunter ins Tal. Dann macht er sich auf den Rückweg – wie jeden Abend mit der letzten Gondel. Während andere langsam den Berg erklimmen, fährt er hinab, schweigend, mit müden Beinen und einem klaren Kopf. Und wieder ist es dieser Moment: Früher trat Alex Schmid aus der Brauerei und stand mitten im Geschehen – in der Altstadt von Madrid. Heute steigt er aus der Gondel und steht mitten in der Natur.
Vom Flamenco zum Felsgestein
Früher trat Alex Schmid aus der Brauerei und stand mitten im Geschehen: in der Altstadt von Madrid. Tapasbars, hupende Mopeds und die Sonne Spaniens. Heute öffnet er die Tür seiner Braukammer und draußen liegt das Karwendel: rau, grau, majestätisch. Der Wandel könnte kaum größer sein.
Sein Weg dorthin beginnt bodenständig: Ausbildung in Landsberg, Studium zum Braumeister in Weihenstephan. Dann die eine Frage, die alles verändert: „Wer will für ein Jahr nach Spanien?“ Schmid meldet sich – warum nicht, denkt er. Sonne, Erfahrung, Auslandsluft. Aus dem einen Jahr werden dreißig. Über zwei Jahrzehnte lebt er in Madrid, braut Bier, geht nach Barcelona und gründet schließlich ein eigenes Gewerbe. Dann kommt Corona und mit der Pandemie das wirtschaftliche Aus. Die Lokale schließen, die Tanks stehen still, die Miete läuft weiter.
Er steht vor einer Entscheidung: Bleiben, kämpfen, vielleicht untergehen? Oder zurück? Schmid geht – heim, wie er sagt. Aber sein Herz, das bleibt dort. In Spanien. Dort lebt auch sein erwachsener Sohn. „Ich vermisse Spanien – natürlich. Habe ich auch einen Sohn dort. Er ist zwar erwachsen, aber trotzdem“, sagt er – mit einem Blick, der plötzlich ganz weit weg ist. Und doch: Der Neuanfang gelingt. Als Bayer und Braumeister hat man seine Kontakte. Eine alte Verbindung führt ihn schließlich auf den Berg. Auf 2244 Meter Höhe, mit Blick über Mittenwald, braut er heute das „Karwendelbräu“. „Anfangs dachten sich die im Tal: Was soll das da oben? Eine Brauerei auf dem Berg?“ Er lacht kurz, dann wird sein Ton ernst. „Aber wir haben’s allen gezeigt. Wir wissen, dass wir gutes Bier machen – und mittlerweile wissen das auch die Mittenwalder.“










