Ein starkes Stück Südtirol
Sarntal / Im noch nicht von Touristen überrannten Sarntal werden die Traditionen hoch gehalten. Das spiegelt sich auch in der Küche wider – bei den Spezialitätenwochen „Sarnar Kuchl“ genauso wie im Zwei-Sterne-Restaurant Terra der Geschwister Schneider.
Autor: Günter Kast
Eine Hochzeit, ein Geburtstag ohne Striezl? Für einen echten Sarner ist das undenkbar. Das Hefegebäck, das in seiner Form einem Pantoffel ähnelt, darf nicht fehlen, wenn es etwas zu feiern gibt. Der Teig besteht aus Roggenmehl, Hefe, Milch, Wasser, Schnittlauch und Salz. Beim Vermischen müssen alle Zutaten warm sein. Der sogenannte Germ-Teig, ein anderes Wort für Hefeteig, ruht dann eine Dreiviertelstunde lang an einem warmen Ort, bevor er in Stücke geschnitten und zu Fladenbroten geformt wird. Vor dem Backen werden die Laibe in der Mitte eingeritzt und mit dem Schlitz nach oben ins heiße Fett gegeben. Schließlich wird der Sarner Striezl noch eine Minute im Ofen gebacken, wobei der Schnitt obenauf ist, sodass das Gebäck aufbricht: Dort kommt die Füllung aus bestem Sarner Speck hinein.
Interessant ist, dass andere Südtiroler diese Spezialität nicht oder nur vom Hörensagen kennen. Das liegt vermutlich daran, dass das Sarntal – obschon flächenmäßig die größte Gemeinde der Provinz – von der nahen Hauptstadt Bozen durch eine durch enge Schluchten führende Tunnelstrecke getrennt ist, und im Norden das Penser Joch das halbe Jahr über Wintersperre hat und die Straße hinüber nach Sterzing gesperrt ist. Kein Wunder also, dass über die vermeintlich hinterwäldlerischen Sarner manchmal gewitzelt wird nach der Art: „Geat a Sarnar in dr Stodt …“. Die Sarner selbst nehmen es sportlich. Denn sie wissen ja, dass sie im feinsten Tal der Provinz leben – und zwar im Wortsinn. Tatsächlich ist das Sarntal ein guter Ort für Feinschmecker. Am besten, man besucht am Samstag den Bauernmarkt am Kirchplatz in Sarnthein. Neben Striezl kann man dort ofenfrische Krapfen (mit Mohnfüllung ein besonderer Genuss!) probieren. Speck kauft man vom Unterkranzerhof in Außerpens, wo Familie Kral in ihrer Manufaktur auf artgerechte Tierhaltung setzt und in der Reifekammer mit die besten Schinken der Welt hängen: kernig beim ersten Bissen, dann auf der Zunge schmelzend, buttrig und cremig.
Wer Spezialitäten-Gerichte verkosten möchte, reist am besten zum „Sarnar Morgreti Essn“ ins Tal, das 2025 vom 4. bis zum 13. Juli stattfindet. „Morgreti“ ist Sarner Dialekt und bezieht sich auf den Margarethentag aus dem Bauernkalender. Bei den teilnehmenden Betrieben gibt es dann Gerstsuppe, Saure Suppe (aus Kutteln), Schöpsenes (Schaffleisch), Speckknödel, Gröstl und Pfannkuchen aus Schwarzplent (Buchweizen). Wer Glück hat, bekommt auf die Gerstsuppe sogar einen Klecks Latschen-Pesto. Die Sarner Latsche ist nämlich ein Markenzeichen des Tals, das in den vergangenen Jahren immer stärker in die lokale Kulinarik eingebunden wurde.
ALLGEMEINE AUSKÜNFTE
Südtirol: www.suedtirol.info
Sarntal: www.sarntal.com
HOTELS, RESTAURANTS
UND BERGGASTHÖFE
www.terra.place
www.bad-schoergau.com
www.gasthof-sonne.com
www.putzerkreuz.it
PRODUZENTEN
Gartenbachhof:
Tel.: +39 349 507 4157
gartenbachhof@gmail.com
Hofmanufaktur Kral
beim Unterkranzerhof:
www.kral.bz.it
www.regarum.com
Eine weitere Gelegenheit, nach Herzenslust echte Sarner Bauernkost zu genießen, bietet sich vom 25. Oktober bis 10. November 2025, wenn die Spezialitätenwochen „Sarnar Kuchl“ steigen, zu denen Sylvia und Günther Kröss einladen, die Hoteliers der „Sonne“ aus Astfeld. Dann verlegt deren Koch Walter Mayrhofer, der dem Haus seit 33 (!) Jahren die Treue hält, seine Wirkungsstätte in das Rohrerhaus, eine Art Bauernhofmuseum in Sarnthein, das man auch für Events mieten kann. Im mit Holz befeuerten Herd dieses Hauses zaubert Walter dann Menüs auf die Teller, für die alteingesessene Sarner töten würden: Kalbskopf-Carpaccio mit marinierten Sarner Nocken und roten Zwiebeln, Milzschnitten-Suppe, Schüttelbrotfleckerl mit Kräutern und Hirschragout, Buchweizenknödel auf frischen Krautrüben, Schupfnudeln mit heimischen Kräuterseitlingen vom Pernholzhof und Käse, geschmorte Ochsenwange, zum Nachtisch dann Kastanienkrapfen oder Buchteln mit Aprikosenmarmelade. Da läuft einem schon beim Lesen der Karte das Wasser im Munde zusammen.
„Einige Gerichte wie Saure Suppe sind gesetzt und bleiben, andere werden getauscht“, erklärt Günther Kröss das Konzept. Früher führte der Gasthof Bad Rungg in Sarnthein Regie bei der „Sarnar Kuchl“. Als dieser zusperrte, drohte das Aus. Weil andere Lokale nicht so richtig mitzogen, managt Günther den Event in Eigenregie, jetzt bereits im vierten Jahr.
Gut essen kann man in seiner „Sonne“ natürlich das ganze Jahr. Jedes Frühjahr gibt es Themen-Wochen, die auch mal ein ungewöhnliches Motto wie „Hamburger & Dosenbier“ haben. „Giamor in die Sunn?“ ist deshalb bei den Einheimischen eine – natürlich rhetorisch gemeinte – Frage, die häufig gestellt wird. Aufgetischt werden dann zum Beispiel hausgemachte Schlutzkrapfen mit brauner Butter oder Graukäse mit roten Zwiebeln, Fichtenhonig und Bauernbrot. Als Hauptgang kommen Rindsgulasch vom Solminhof mit Speckknödel oder ein zart-rosa auf den Punkt gebratener Rostbraten auf den Tisch, gefolgt von Grießnudeln mit Mohn und Honig, die ein Germ-Küchl mit eingemachten Preiselbeeren umrahmen.
Günthers aktueller Traum ist es, „Mitnondur“ zum Laufen zu bringen, bei dem rund ein Dutzend Gastbetriebe das Sarntal zum größten Restaurant der Alpen machen und ihre Kunden mit Leckereien aus typischen Sarner Produkten verwöhnen. Die Pläne dafür sind in der Schublade. Jetzt müssen die kulinarischen PS nur noch auf die Straße gebracht werden.
Einer, der mit seinen Erzeugnissen sicher mit von der Partie wäre, ist Daniel Thurner. Der 23-Jährige wuchs auf dem Gartenbachhof auf, der auf 1.360 Metern über dem Tal thront und nur auf einem schmalen Sträßchen zu erreichen ist. Daniels Eltern halten hier Milchvieh, doch die Kühe müssen im Sommer im Stall bleiben, weil die Wiesen und Weiden einfach zu steil sind. Nur die Kälber dürfen auf die Alm. Daniel überlegte deshalb, ob Schafe nicht eine Alternative sein könnten. Er wollte aber der Milchwirtschaft treu bleiben, nicht Schafe primär zum Schlachten aufziehen. Allein: Es gab in ganz Südtirol kaum jemanden, den er nach seinen Erfahrungen fragen konnte.
Heute ist Daniel der einzige Milchschaf-Bauer im Sarntal und einer von wenigen in der gesamten Provinz. Er zieht sein Ding durch. So richtig Gas geben konnte er, nachdem er einen Business-Plan-Wettbewerb des Bauernverbands gewonnen hatte und dafür eine Crowd-Funding-Kampagne aufsetzen durfte. Mit dem eingenommenen Geld baute er den Stall um und wurde so zum Nischen-Jungbauer. Aktuell weiden 35 Lacaune-Schafe und Ostfriesische Milchschafe rund um den Hof. „Rentabel wird es ab 50 Tieren, mein Ziel sind 100“, erklärt er. Vor drei Jahren fing er mit nur einer Handvoll Tieren an, seit Januar 2025 ist er der Chef hier oben. Aus den 300 bis 400 Litern Milch, die jedes Tier (abzüglich der Milch für das Säugen der Lämmer) gibt, macht er Joghurt, von Natur über Vanille bis Himbeere, Frischkäse, Streichkäse Natur oder mit Schnittlauch sowie Schnittkäse, den er acht Wochen reifen lässt.
Wer Daniels Produkte kostet, ist überrascht, wie wenig sie nach Schaf schmecken. „Ich füttere primär Heu und frisches Gras, achte auf eine strikte Euterhygiene und eine rasche Verarbeitung der Frischmilch. So gelingt es mir, sehr milde Produkte herzustellen“, erklärt der Jungunternehmer. „Kraftfutter gibt es nur zur Belohnung während des Melkens. Die Schafe sind optimal an die schwierigen Bedingungen angepasst. Die steilen Hänge machen ihnen nichts aus und so können sie fast das ganze Jahr auf der Weide grasen.“
So geht artgerechte Haltung, die auch der Natur guttut: „Die Grasnarbe wird dichter. Unkraut wie Wiesenkerbel, früher unser Hauptfeind, wird zurückgedrängt.“ Und was ist mit den männlichen Lämmern, die natürlich keine Milch geben? Für die hat der junge Mann keine ganz so tollen Nachrichten: Wenn die Tiere 25 Kilo wiegen, geht es in den Schlachthof. Im vergangenen Jahr konnte Daniel so 60 Kilo Lammfleisch direkt vermarkten. Der Gartenbachhof ist eben doch ein bisschen „määähr als Milch“.
Daniels Produkte kann man sich sehr gut auf der Speisekarte des Putzer Kreuz vorstellen. Das Almgasthaus auf 1.634 Metern neben der namensgebenden Wallfahrtskapelle ist seit drei Sommern das Reich von Benjamin Kral und seiner Verlobten Juliane. Ben war früher Zulieferer der Spitzengastronomie und weiß deshalb, dass es eine gute Idee ist, sich als Koch und Gastgeber danach zu richten, was die idealerweise lokalen Produzenten anbieten. Das junge Paar geht dabei ganz schön radikal vor. Softdrinks haben sie verbannt, ein Radler ist das einzige Zugeständnis. Dafür stehen neun Sorten Hopfensaft auf der Karte, darunter auch teure Craft-Biere. So mancher Sarner musste da erst einmal schlucken, doch bei der Qualität sind die Wirtsleute zu keinem Kompromiss bereit.
Klar, dass zum hausgemachten Brot Speck vom Unterkranzerhof und Bergkäse vom Seppnerhof serviert werden. Weil wir nach der Jause noch Höhenmeter mit dem MTB vor uns haben, entkorkt Ben einen leichten Bio-Blauburgunder mit nur zehn Umdrehungen von Patrick Uccelli. Die Weinkarte zieht sich über den gesamten Alpenbogen bis nach Südfrankreich, sogar ein Champagner lagert im Keller. Der Pinot passt auf jeden Fall bestens zu den Kartoffelteigtaschen, deren extra-dünner Teig die Füllung zum Star werden lässt: in unserem Fall geschmorte Haxe und grüner Spargel mit geräuchertem Schinken, beides ein Gedicht. Danach sind wir bereits kurz vor dem Platzen, doch der Braten mit Speckknödel muss sein, weil Ben dabei seine Philosophie zum Thema Fleisch erklären kann. „Nose to Tail“ nimmt er sehr ernst. Kauft er ein Stück Tiroler Grauvieh (Kälber sind für ihn tabu) mit 300 Kilo Totgewicht, dann bleiben da lediglich 30 Kilo Abfall. Alles andere wird verwertet: die Innereien sowieso, aber auch die Knochen, die die Soße für unseren Braten veredeln.
Der „Küchen-Rocker“ räumt ein, dass das erste Jahr schwierig war. Die Locals mussten erst einmal verkraften, dass Klassiker von der Karte verbannt wurden und Ben ihnen beschied: „Die könnt ihr zuhause selbst kochen.“ Inzwischen freuen sich jedoch auch viele Einheimische auf die Genuss-Abende mit Dreigängern zu Motti wie „Tutti Funghi“, „Ein Hoch auf das Rind“, „Schwein gehabt“ oder „Echt Schaf“ (mit Tartar vom acht Jahre alten Schaf). Und wir freuen uns über den perfekt karamellisierten und dennoch wunderbar fluffigen Kaiserschmarrn mit Apfelmus und Preiselbeermarmelade, zu dem Ben keinen Südtiroler Süßwein einschenkt, sondern einen Petit Manseng aus dem Jurançon in den französischen Pyrenäen, der an einen eleganten Sauternes erinnert. Danach war es für das geplante Bergauf-Kurbeln auch schon egal, dass wir mit Ben mit einem wunderbar milden Zwetschgenbrand von der Hofbrennerei Rauthhof anstießen.
Von den jungen Wilden am „Putzar Kraitz“ ist auf jeden Fall noch viel Spannendes zu erwarten. Auf die Idee gebracht hatte uns übrigens Gregor Wenter, der einer der Hausherren der Bergwirtschaft ist und geschrieben hatte: „Die kochen cool.“ Ja genau: DER Gregor vom „Health and Food Retreat“ Bad Schörgau unten im Tal, seines Zeichens ein Visionär der gesunden, natürlichen und nachhaltigen Küche. Vor gut zehn Jahren kochte hier einmal Egon Heiss, ein Sohn des Tales, der nach Stationen in aller Welt in seine Heimat zurückkehrte, wo er für Gregor einen Michelin-Stern aufgehen ließ. Heiss zog weiter, seinen Platz übernahm Mattia Baroni aus Limone am Gardasee, den Italiens Food-Fans als Fermentations-Guru aus TV-Kochsendungen kannten. Auch Gregor hatte zu dieser Zeit bereits eine beachtliche Karriere als Fernseh-Koch aufgebaut. Doch dann starb sein Vater während der Umbauarbeiten am Hotel und er musste von heute auf morgen das Erbe durch schwierige Zeiten manövrieren. Da waren gute Ideen gefragt. Gemeinsam mit Baroni, einem gelernten Informatiker, hob er das Thema Fermentation auf eine neue Ebene, so dass selbst internationale Instanzen wie das Kopenhagener „The Alchemist“ davon Notiz nahmen. Im Mittelpunkt dieser neuen Küche steht Garum: eine Sauce, die die alten Römer aus fermentierten Fischabfällen herstellten, um ihre Speisen zu würzen. Klingt ein bisschen eklig? – Nicht in Bad Schörgau. Wenter & Baroni verarbeiten heute so ziemlich alles, was in der Küche als Bioabfall anfällt, zu Garums und verwenden es als Basis für ihre Gerichte. Zu beschreiben, wie das genau funktioniert, würde Seiten füllen. „Wir kochen heute konsequent mit den Garums und verwenden kein zusätzliches Salz“, erklärt Gregor. „Natürlich landen deshalb auch weniger Lebensmittel im Müll.“
Der Geschmack, der die Welt ein bisschen besser machen und sie vielleicht sogar retten soll, wird wissenschaftlich flankiert von La FuGa, was für „Laboratory for Future Gastronomy“ steht. La FuGa hat inzwischen Anhänger rund um die Welt: Spitzenköche, Wissenschaftler und sogar der Nachhaltigkeitsberater von König Charles machen mit. Gleichzeitig ist La FuGa eine Alternative zum Halbpensions-Menü im Hotel. Bei unserem Besuch befand sich das Konzept jedoch gerade im Umbruch. Chefkoch Baroni, zuletzt mit drei Gault-Millau-Hauben dekoriert, kümmert sich jetzt ausschließlich um die Vermarktung der Garums, neuer Chefkoch ist Matthias Kirchler. Der wurde bekannt im Lunaris1964, das als das nördlichste Gourmetrestaurant Italiens im Ahrntal für Furore sorgte, ehe er ins Hotel Majestic in Reischach am Kronplatz weiterzog.
„Die neue La FuGa Experience werden wir ab Juli auffahren“, kündigt Gregor an. Natürlich schmeckt es schon jetzt ausgezeichnet. Der Tatar vom Lamm mit Topinambur-Variationen, Buchweizen und einem Sellerie-Shot überzeugte ebenso wie die gebeizte Forelle, der grüne Erdbeeren, Holunder-Knospen, ein Joghurt-Sud und Brennnessel-Öl eine wunderbare Frische verliehen. Klar, dass Gregor zu jedem Teller einen Naturwein einschenkt, es ist nach den Garums seine zweitgrößte Passion. Mehr als ein Drittel der Etiketten in seinem Keller stammt von jungen Südtiroler Naturwein-Winzern. Sogar eine Flasche ganz ohne Etikett kommt auf den Tisch. Beim Blind Tasting hissen wir die weiße Flagge, wittern einen Riesling aus dem Eisacktal, doch es ist ein leichter und alkoholarmer Solaris von Gregors eigenem Weinberg. Fazit: Man darf gespannt darauf sein, was der neue Chefkoch mit der Philosophie des emsigen Querdenkers Gregor so alles anstellen wird.
Das Beste kommt zum Schluss? In diesem Fall lautet die Antwort: das Höchste und Beste. Tatsächlich versteckt sich Italiens höchstgelegenes Sterne-Restaurant hoch über Sarnthein auf gut 1.600 Metern. Schon die Anfahrt auf dem engen Bergsträßchen ist ein kleines Abenteuer. Man atmet auf, wenn man endlich das Schild „Terra – The Magic Place“ entdeckt. Das zu Relais & Châteaux gehörende Boutique-Hotel mit seinen nur elf Zimmern und Suiten, in dem man sich sofort wie zuhause fühlt, ist das Reich von Gisela Schneider und ihrem Bruder Heinrich. Deren Großeltern und Eltern bewirtschafteten hier einst die Sarner Skihütte, aus der später der Auener Hof wurde. Gutes Essen genoss in der Familie schon immer einen hohen Stellenwert: Zu besonderen Anlässen nahmen die Eltern Gisela und Heinrich in Gourmet-Lokale mit. Und: Es durfte geträumt werden. Mutter Resis Traum: eines Tages ihre mittlerweile berühmten Spinatknödel auf der Golden Gate Bridge verkaufen.
Als die Geschwister 1998 von ihren Wanderjahren ins Sarntal zurückkehrten, um den Betrieb der Eltern zu übernehmen, waren sie mit 26 und 23 Jahren noch sehr jung. Aber sie hatten eine Vision: Aus dem Berghotel sollte ein weit über die Grenzen des Tals hinaus bekannter Gourmettempel werden, mit Heinrich am Herd und Gisela als Sommelière. Der Start war hart, doch 2008 kam der erste Michelin-Stern, 2017 sogar der zweite. Der Umbau, die Umbenennung des Auener Hofs in „Terra“ und die Mitgliedschaft bei Relais & Châteaux machten internationale Gäste auf das Gourmet-Hideaway aufmerksam. Sogar die New York Times lobte das Lokal am Rande der Welt. Vor allem aber: Heinrichs Küche wurde über die Jahre noch besser, Giselas Weinauswahl ist noch präziser auf die einzelnen Teller abgestimmt.
Das aktuelle Sommer-Menü „The Terra Nature Experience“ ist ein faszinierender Streifzug durch die Wiesen und Wälder des Sarntals. Bereits bei den Amuse-Bouches und den ersten Gängen wird deutlich, dass Kräuter und Wildpflanzen die DNA von Heinrichs Küche sind: Wunderbar leicht kommt der „Heidelbeerstein“ vom Felchen mit Dill und Buttermilch daher, wunderbar kräftig schmeckt das Cornetto mit geräuchertem Forellen-Kaviar. Die Fischeier werden dafür mit einer „Asche“ aus Kräuterstaub bedeckt und dann mit der Räucherpistole „beschossen“. Das Trompetenpilzbrot verfeinern gebackene Rentierflechten, zum Sauerteigbrot wird Fichtensprossen-Salz und -Öl gereicht.
„Das alles sind Produkte, die man nicht so einfach kaufen kann“, erklärt Heinrich seine Philosophie. „Es ist mir wichtig, dass der Gast etwas mitnimmt, was er anderswo nicht bekommt. Das funktioniert am besten über die Zutaten.“ Dieser rote oder besser: grüne „Kräuter“-Faden zieht sich gleichermaßen subtil und kraftvoll durch das ganze Menü: bei den Rote Beete Spaghetti mit Schafsgarbe, beim Saibling mit weißer Melisse-Infusion und Weizengrasöl, beim neuen Hauptgericht, einer 26 Stunden gegarten Spannrippe vom heimischen Rind mit Gewürzglace und Waldmeister. Wer wissen möchte, wie ein Igelstachelbart-Pilz schmeckt, sollte den damit gefüllten Raviolo mit Andacht genießen – und nach dem Menü einmal die Suchmaschine bemühen, um nachzusehen, wie so ein Schwammpilz überhaupt aussieht.
Der Chef am Herd hat sich das alles selbst beigebracht. Und es ist gewiss keine Kopie der New Nordic Cuisine, denn bereits die Mutter der kongenialen Geschwister kochte mit Kräutern. Heinrichs Meisterprüfung 2004 gab Wildkräuter als Leitmotiv aus, zu einer Zeit, als noch niemand Noma & Co. auf dem Schirm hatte.
Gisela, Sommelière seit einem Vierteljahrhundert, sucht zu den Gerichten, die auf getöpferten Tellern, Schalen und Steinen liebevoll angerichtet werden, die passenden Tropfen aus. 2024 schloss sie die Ausbildung zum DipWSET ab, eine der gefragtesten Qualifikationen im internationalen Weingeschäft. Dabei kauft sie edle Tropfen nicht nur nach Nase und Gaumen. Ihr müssen auch die Menschen dahinter zusagen. Für das Sommer-Menü wurde sie dabei in Südtirol fündig (Pacherhof, Gumphof, Peter Sölva), allesamt Winzer, die mit viel Passion und Fleiß herrliche Weine zaubern. Auch der Süßwein zu den Desserts – unter anderem ein Himbeer-Tartelette mit Fichtencreme und Meringue von getrockneten Rosen und ein Wildkräuter-Eis mit Blütenwaffel, Gundelrebe, Waldbeeren-Coulis und Vanilleöl – kommt aus der Region: Der Sweet Claire 2019 vom Lieselehof ist eine Trockenbeerenauslese aus Bronner, die im Glas goldgelb leuchtet und mit Aromen von frischen Aprikosen, Marillen und reifen Quitten in einen mediterranen Garten entführt.
Keine Frage: Das Schneider-Duo ist seit dem letzten Besuch noch besser geworden und hat das Terra zu Recht in die Top-Drei-Liga in Südtirol gehoben, mit einem grünen Michelin-Stern als Zugabe (2+1). Aktuell hat nur Norbert Niederkofler mehr Sterne (3+1). Im Sarntal würde es niemanden wundern, wenn schon bald der dritte aufgeht. Vielleicht macht ja das wunderbare „Sarner Frühstück“ den Unterschied, das man am folgenden Morgen genießt: natürlich mit dem Besten, was die Bauernhöfe des Tals zu bieten haben; und natürlich mit Speck vom Unterkranzerhof.












