Generationen am Berg
Die Mittagbahn in Immenstadt im Allgäu
Der Blick schweift weit: vom 1.452 Meter hohen Mittag über das Flachland im Norden bis zu den Allgäuer Hochalpen im Süden. Der Mittag liegt dazwischen. Das war schon immer so. Und das wird auch weiterhin so bleiben. Denn hier wird noch immer eine jener bayerischen, niedrig gelegenen Bergbahnen betrieben, denen aufgrund des Klimawandels längst das Aus prophezeit wurde. Georg Waller junior hat den Seilbahnbetrieb erst 2024 von seinem Vater übernommen – und denkt neu. Ja: Ski fahren hier nur noch Tourengeher. Auf hundert Prozent Naturschnee, so wie er im Naturpark Nagelfluhkette vom Himmel fällt.
Autor: Benni Häfner
Am Mittag, dem 1.451 Meter hohen Aussichtsberg bei Immenstadt im Allgäu. Er gilt als einer der markantesten Gipfel am nördlichen Alpenrand, mit weitem Blick über den Großen Alpsee und die Allgäuer Bergwelt. Die Mittagbahn erschließt den Berg seit 1935 und bringt Wanderer wie Wintersportler bequem von Immenstadt hinauf in das beliebte Ausflugsgebiet.
Das ist nicht überall im Allgäu so. Anderswo kann und will auf eine technische Beschneiung nicht einfach verzichtet werden. Für Waller allerdings stellt dies keine Option dar. Im Gipfelrestaurant erzählt er uns die Geschichte des Mittags. Sie motiviert. Und sie macht Mut.
1952
Uns gegenüber sitzen drei Generationen: Georg Waller senior. Sein Sohn Georg Waller junior. Und der Jüngste, ebenfalls Georg, der den Betrieb mit nur 25 Jahren übernahm. Georg Waller senior erinnert sich. Er kam aus dem oberbayerischen Sudelfeld – eigentlich, um eine bestehende Liftanlage abzubauen und in der Heimat wieder aufzubauen. Hintergrund: Bereits 1948 wurde am Mittag eine erste Seilbahn errichtet. Mit wenig Erfolg. „Damals lag die Talstation einige hundert Höhenmeter weiter oben. Wer Skifahren wollte, musste einen steilen Hang hinaufsteigen. Das wurde vielen bald zu beschwerlich.“
Für Waller eröffnete sich am Mittag jedoch eine neue Chance: Nicht der Abbau, sondern der Ausbau der vorhandenen Bahn würde den Betrieb wieder ins Rollen bringen, davon war bereits sein Vater überzeugt. Fasziniert von den steinfreien, weiten Hängen des Mittags wies er seinen Sohn an, in Immenstadt zu bleiben. Mit nur 17 Jahren wurde Georg Waller senior schließlich zum Verantwortlichen der neuen Bahnanlage. Sie führt seitdem in zwei Sektionen vom Talboden über die Mittelstation bis hinauf auf das Gipfelplateau. Das war im Jahr 1952.
Den Stahl bezog Waller wagonweise direkt am Münchner Bahnhof. Auch sonst wurde nahezu alles in Eigenregie errichtet. „Der Mittag war damals noch kaum berührt. Es gab fast nichts. Wir haben die Fundamente für die Seilbahnstützen allein mit Muskelkraft ausgehoben – vier, fünf, manchmal sechs Meter tief.“ Der Kies für die anschließenden Betonarbeiten wurde, so weit möglich, mit der Bahn transportiert, musste von dort jedoch in Eimern zu den jeweiligen Gruben bergauf getragen werden. Ein Knochenjob.
Mit dem Pistenbully im Gelände: Georg Waller präpariert die Naturrodelbahn jeden Tag aufs Neue.
Im Berg: Unter der Mittelstation werden mittels mächtiger Generatoren und über sechs Meter hohe Wellen die Seilscheiben angetrieben.
2026
Drei Generationen später steuert der Jüngste den Pistenbully 100 ParkPro mithilfe des Doppelgelenk-Joysticks sicher über die Rodelbahn. „Ohne Musik geht bei mir normalerweise gar nichts“, murmelt er mehr zu sich selbst, clipst das Mobiltelefon in die Halterung und dreht die Lautstärke auf. Mit Metallica auf den Ohren geht es an die Arbeit.
Die AutoTracer-Funktion der rund 5 Tonnen schweren, hochmodernen Pistenraupe sorgt für Spurstabilität, auch auf eisigen Querungen. Seit jeher vertrauen die Wallers auf Technik aus dem Hause Kässbohrer – seit 1969, als der erste Pistenbully das Werk in Ulm verließ.
Dass der Skibetrieb bereits vor zehn Jahren eingestellt wurde, bedeute nicht, dass man auf moderne Technik verzichten könne, betont Waller. „Wir präparieren damit täglich die Wanderwege und Rodelbahnen.“ Mit mehr als fünf Kilometern Länge zählt die Naturschnee-Rodelbahn zu den längsten im Allgäu. Auf Winterwanderwegen schlendern Besucher durch die klare Bergluft. Auch Gleitschirmflieger nutzen die schnelle Erreichbarkeit des Mittags.
„Wir standen damals vor einer wichtigen Entscheidung: Investieren wir weiter in Beschneiungsanlagen und eine neue Seilbahn, oder nicht?“ Die Antwort fiel bewusst aus. „Wir haben uns dagegen entschieden.“ Und damit den Betrieb am Mittag wohl vor demselben Schicksal bewahrt wie anderswo. Denn diese Schritte hätten eine Investitionsspirale in Gang gesetzt und Abhängigkeiten geschaffen.
Auf Schneeschuhwanderungen lässt sich die winterliche Natur besonders eindrucksvoll erleben. Ob mit Guide oder ohne: Schneeschuhe können für 15€ vor Ort ausgeliehen werden.
Früher Ski – heute Rodel. Den Besuchern gefällt es.
Morgen
„Heute sind wir nur vom Schnee abhängig. Wenn er fällt, ist der Mittag gut besucht. Die Hüttenterrassen sind voll, die knapp 500 Rodel aus dem Verleih auf der Bahn.“ Und wenn nicht? „Dann eben nicht. Wir sind schon lange kein reiner Winterberg mehr. Hier findet man immer etwas zu tun. Wir bieten Alternativen für jede Altersgruppe und eine Top-Gastronomie an der Mittelstation. Zu jeder Jahreszeit. Mit Naturschnee – oder ohne.“ Als Beispiel zeigt uns Waller neben jener Mittelstation den elf Meter hohen Hochseil-Parcour, den Panorama Kletterpark. Kinder und Erwachsene können hier auf unterschiedlich schwierigen Routen stets aussichtsreiche Routen überwinden. Adrenalin, Mut, Geschick und Überwindung. Dank der modernen Sicherungstechnik ganz ohne Risiko.
Natürlich will die Mittagbahn aber auch gehegt und gepflegt werden. Der heute 27-jährige aber weiß damit umzugehen. Er erlernte das Handwerk des Seilbahntechnikers an Deutschlands höchstem Berg, an der Zugspitze und absolvierte ein Seilbahnmanagement-Studium. Die jährliche Revision am Mittag wird daher größtenteils eigenhändig durchgeführt. Nur beim Wechsel des rund zwölf Tonnen schweren Förderseils lässt sich Waller von einer Fachfirma helfen. Alle dafür benötigten Geräte und Hilfsmittel lagern in den Maschinenhallen unterhalb der Mittelstation. Dort befindet sich auch die Werkstatt seines Großvaters. Tag für Tag bringt dieser hier die Kufen der Schlitten wieder auf Vordermann.
Über die mehr als sechs Meter lange Stahlwellen wird die Drehbewegung der Motoren aus dem Bauch des Berges auf die beiden Seilscheiben übertragen. Jeweils über einen Kilometer sind die beiden Bahnen lang. Mit ihrer Hilfe überwinden Besucher einen Höhenunterschied von 700 Metern. Die Bergfahrt entschleunigt. Anderthalb Meter pro Sekunde legt man zurück. Genug Zeit, um den Ausblick zu genießen. Um Vorfreude auf die Rodelabfahrt zu entwickeln. Um sich auf eine Schneeschuhwanderung einzustimmen. Oder einfach, um in die Geschichte dieses Berges einzutauchen.
Dank Georg Waller junior wird das auch künftig möglich sein. „Ein paar Jahrzehnte werde ich die Seilbahn sicher noch am Laufen halten können“, lacht er. Dann hängt er mit geübter Bewegung unsere Schlitten in die dafür vorgesehenen Haken an den Sesseln. Und schon geht es bergauf. „Viel Spaß!“










