Gipfel der Gastlichkeit
Landkreis Garmisch-Partenkirchen / Schloss Elmau erfindet sich auch nach zwei erfolgreichen G7-Summits ständig neu. Besonders das Zwei-Sterne-Signature-Restaurant IKIGAI mit Küchenchef Christoph Rainer und Marie-Helen Krebs, als erste Frau in Deutschland mit dem renommierten Michelin Sommelier Award ausgezeichnet, steht für höchste Qualität an einem der schönsten Orte Bayerns.
Autor: Günter Kast; Fotos: Das Marktrestaurant
Es ist kurz vor Mitternacht, als wir an diesem Mittwoch vom Restaurant IKIGAI, das sich im Haupthaus, dem Hideaway, befindet, ins Retreat zurückkehren, wo wir wohnen. Die meisten Gäste haben sich bereits in ihre Suiten zurückgezogen. In der großzügigen und äußerst stilvoll eingerichteten Library Lounge ist jedoch noch jemand am Werkeln. Der Chef, der Schlossherr höchstpersönlich, sortiert Bücher und stellt sie an der richtigen Stelle ins Regal. Dietmar Mueller-Elmau, kurz: DME, ist jetzt 71. Er könnte sich längst zurücklehnen und den lieben Gott einen guten Mann sein lassen. Er hat als Unternehmer, als Hotelier, alles erreicht, was man erreichen kann. Gleich zweimal, 2015 und 2022, war er Gastgeber eines G7-Gipfels. Hier wurde Geschichte geschrieben, Weltpolitik gemacht. DME erhielt den Zuschlag für den zweiten Gipfel auch deshalb, weil es beim ersten Mal so gut lief. Weil er und sein Team sich um jedes noch so kleine Detail kümmern. Und dazu gehört eben auch das Sortieren von Büchern.
Detailversessen mögen auch andere sein. DME ist gleichzeitig ein Visionär. Einer, der nie die großen Linien, die großen Trends in der Hospitality-Branche aus den Augen verliert. Einer, der spürt, wann er etwas Gelungenes fortsetzen kann und etwas nicht so Perfektes verändern muss. Einen dritten politischen G7-Gipfel wird es vermutlich nicht geben. Dafür fand hier Ende Juni der erste kulinarische G7-Summit statt. Und der war so erfolgreich, dass es 2026 eine Fortsetzung geben soll. Die Idee: Sieben Spitzenköche aus Bayern zeigen, dass im Schloss nicht nur Kunst- und Kulturliebhaber ein Zuhause haben, sondern auch Gourmets. Die durften sich über gleich 15 Michelin-Sterne freuen, die hier versammelt waren. Zwei steuerte Christoph Rainer bei, der im Signature-Restaurant des Schlosses, dem IKIGAI, kocht, und der gemeinsam mit DME und Executive Chef Philipp Schlosshauer das Format entwickelt hatte. Die anderen kamen von Rosina Ostler (Alois-Dallmayr-Fine-Dining, München **), Ulrich Heimann (Pur-Kempinski, Berchtesgaden **), Tohru Nakamura (Tohru in der Schreiberei, München ***), Thomas Kellermann (Parkhotel Egerner Höfe, Tegernsee **), Tobias Bätz (Aura by Alexander Herrmann & Tobias Bätz, Wirsberg **) und Christoph Kunz (Komu, München **).
Allein diese Namen und auch die Sonne, die am späten Nachmittag noch fast zu heiß vom Himmel brannte, ließen die mehr als 300 Feinschmecker dahinschmelzen. Die Genies am Herd hatten vorab ihre Gerichte selbstverständlich aufeinander abgestimmt. Jeder durfte zwei Vorschläge machen, von denen einer ausgewählt wurde, so dass keine Doubletten-Gefahr bestand. An insgesamt 13 Ständen konnten sich die Gäste nach Fingerfood und Deutz-Champagner als Starter bei einem „Walking-Dinner“ mit kleinen Portionen zum Mitnehmen bedienen. Motto: „We make it, you take it.“ Sehr schön dabei: Alle Chefs de Cuisine stellten ihr Ego hintenan. „Das artete nicht in einen Wettbewerb aus“, freute sich Rainer hinterher. „Da ist keiner abgehoben und keiner abgefallen.“ Das Publikum pendelte zwischen Jakobsmuschel, Gelbschwanzmakrele und Steinbutt und führte einen intensiven Dialog mit den Köchen. Offen und sehr nahbar war das. Die Bandbreite reichte dabei von französischer Haute Cuisine über fränkische Regionalküche bis zu japanischen Spezialitäten.
So speisten die G7-Staatschefs beim Gipfel 2022:
Am ersten Tag stand mittags unter anderem ein leichtes Fischgericht auf der Karte des Yoga-Pavillons im Retreat: Birnbaums Goldforelle vom Landsberg, pochiert in Leindotter-Öl. Abends gab es Garnelen-Pflanzerl mit Pfifferlingen und marinierten Bergwiesenkräutern auf einem cremigen Risotto aus bayerischem Bio-Urgetreide, alternativ in Heu gegartes Murnauer Kalbsfilet mit Holunderblüten-Jus, Spitzkraut und Kaspressknödel mit flüssigem Kern.
Am zweiten Tag wurden im Fidelio mittags Alpenlachs-Kaviar und Filet aufgetragen. Dazu gab es Bachkresse, Gurke und Sommerrübchen. Am Abend durften sich die Staatenlenker am Buffet bedienen. Im Angebot waren bayerische Garnelen, Steckerlfisch und Flusskrebs-Maultaschen, zum Dessert unter anderem Blaubeer-Lavendelschnitten. Wetten, dass die Merkel da nicht widerstehen konnte?
Dazu wurden Weine von Winzern ausgeschenkt, die persönlich anwesend waren (Schlossgut Diehl, Weingut Salwey und henselwein). Marie-Helen Krebs, Chef-Sommelière des Schlosses, achtete natürlich persönlich darauf, dass der Rebensaft nicht nur Begleitung, sondern gleichwertiger Akteur beim G7-Gipfel ist. Am Ende waren alle nicht nur ziemlich beschwipst, sondern auch sehr zufrieden. „Einen Riesenspaß hat es gemacht“, befand Rainer. Und Krebs war ohnehin bester Laune. Schließlich hatte sie nur wenige Tage vor dem Kulinarik-Gipfel (der so ähnlich schon einmal im Grand Hotel Heiligendamm an der Ostsee stattgefunden hatte) erfahren, dass sie als erste Frau in Deutschland überhaupt den Michelin Sommelier Award erhält. Sie nahm den Preis sichtlich gerührt entgegen: „Das war wirklich ein Herzenswunsch, seit der Michelin diese Auszeichnung vergibt.“ Der international führende Restaurant-Guide würdigte damit nicht nur ihren perfekten Service am Gast und ihr herausragendes Gespür für Pairings zu den Kreationen von Rainer im IKIGAI, sondern auch ihre ausgezeichnete Weinkarte, die unverkennbar ihre Handschrift trägt: „Ich bin stolz, dass ich auf Schloss Elmau über viele Jahre die Möglichkeit hatte, mich meinem Herzensprojekt zuzuwenden: eine Karte aufzubauen, die die Vielfalt und Entwicklung des deutschen Weines im Gesamten und der deutschen Rotweine im Besonderen aufzeigt.“ Auf einem rheinhessischen Weingut mit langer Rotwein-Tradition aufgewachsen, ist sie dafür prädestiniert. Doch auch deutsche, gereifte Rieslinge gehören zu ihren Favoriten. Und das wiederum passt hervorragend zur Küche des gebürtigen Hanauers Rainer im IKIGAI: „Seine Kreationen spornen mich an, die passende Begleitung im Glas zu finden.“
Ja, man kann im Schloss selbstverständlich auch dann exzellent speisen, wenn gerade kein Kulinarik-Gipfel stattfindet. Mehr als ein Dutzend Restaurants in Hideaway und Retreat lassen unter der Regie von Executive Chef Schlosshauer keine Wünsche offen. Im Hauptrestaurant La Salle wird internationale und alpenländische Küche für die ganze Familie serviert. In der Kaminstube duftet es in der kalten Jahreszeit nach einer besonderen Mischung aus Rohmilchkäse, die von Maître Fromager Rolf Beeler, auch bekannt als der Schweizer „Käsepapst”, exklusiv für Schloss Elmau kreiert wurde. Er verwendet für sein Fondue nur die besten Sorten, perfekt gereift und besonders cremig. „High Thai“ heißt es im Fidelio, wenn die Zwillingsschwestern Virat und Vilai Kanjan authentische Küche aus ihrer Heimat zelebrieren, bei der es schon mal schärfer zugeht. Auf der zum Schloss auf 1.200 Metern gelegenen Elmauer Alm kommen tagsüber bayerische Schmankerl auf den Tisch, während man den 360-Grad-Blick auf Karwendel und Wetterstein genießt. Im Ananda im Badehaus gibt es mittags Snacks, Kaffee, Tee und hausgemachte Kuchen. Das Summit und das Tutto Mondo, beide im Retreat, offerieren mediterrane Küche, während im benachbarten Summit Pavillon Sushi- und Sashimi-Kreationen sowie Omakase-Gerichte kredenzt werden.
Eine kulinarische Reise auf Schloss Elmau wäre jedoch nicht komplett ohne einen Abend im Signature-Restaurant des Fünf-Sterne-Superior-Hauses, dem IKIGAI, das Stammgäste noch als Luce d’Oro kennen. Für Christoph Rainer war der Namenswechsel eine logische Konsequenz. Denn der Chefkoch beschäftigt sich seit langem mit der Küche und der Philosophie Japans. Ikigai ist das, was wir Glück nennen: das Gefühl der Geborgenheit, wenn sich das eigene Dasein mit Sinn erfüllt, aber auch alles, wofür es sich lohnt, morgens aufzustehen. Die Neurowissenschaft hat die heilende Kraft von Ikigai längst nachgewiesen. Sie ist einer der Gründe, warum die Menschen auf Okinawa, ganz im Süden Japans, so alt werden. Doch wie erlangt man Ikigai? Man kann es sich natürlich nicht mit Geld kaufen. Es geht vielmehr darum, sich und sein Leben zu akzeptieren, ohne sich ständig selbst optimieren zu wollen; Freude an kleinen Dingen zu entwickeln: wie der Bonsai-Züchter oder der Fugu-Koch, der es sich zur Lebensaufgabe gemacht hat, einen Kugelfisch so zu sezieren und zuzubereiten, dass niemand am Gift des Tieres stirbt.
Rainer, der in der Villa Rothschild in Königstein am Herd stand und danach im Frankfurter Tigerpalast zwei Michelin-Sterne erkochte, versteht Ikigai in der Haute Cuisine als umfassendes Konzept: Da ist erstens der faire Umgang mit Mitarbeitern und Gästen; zweitens eine ungezwungene Wohlfühl-Atmosphäre im Restaurant, die ganz ohne steife Etikette auskommt und so auch jüngere Gourmets ins Schloss lockt; drittens – und das ist für das kulinarische Erlebnis natürlich am wichtigsten – bedeutet Ikigai für ihn: „Respekt vor dem Produkt, der in Japan dazu beiträgt, dass sich Lebensmittel zu einer so beeindruckenden Symbiose des Geschmacks verarbeiten lassen.“
Diese Symbiose schmeckt man beim ersten Bissen des Menüs „IKIGAI“, das nicht nur von japanischen, sondern auch von französischen Einflüssen getragen wird. Jedes der Omakase-Amuse-Bouches ist nicht nur ein filigranes Kunstwerk, sondern ein ganz großes Geschmackserlebnis: die Erbse mit Bonsai-Chili und Ponzu; der aus einer Zucht stammende Balfego-Tun mit Limette, den die traditionelle japanische Mariniertechnik Kobujime, bei der Fische oder Meeresfrüchte zwischen Schichten von Kombu (Seetang) gelegt werden, so butterzart werden lässt, dass er auf der Zunge zergeht; die Bergforelle mit Wakame-Braunalgen und N25-Osscietra-Kaviar mit perfekter Textur. Das alles kommt als Überraschung an den Tisch, denn Omakase heißt, dass der Gast die Auswahl der Speisen vollständig dem Koch überlässt, der aus den frischesten und besten Zutaten des Tages ein Menü zusammenstellt.
Dem ersten Gang, nicht-gestopfter Bio-Gänseleber, geben eingelegte und geeiste Schwarzkirschen einen süß-sauren Twist. Den Wolfsbarsch begleiten N25-Kaluga-Kaviar und eine Vinaigrette aus fermentierter rosa Grapefruit sowie Codium-Algen als Alternative zu herkömmlichem Salz. Der Wolfsbarsch ist „Ikejime“. Das heißt, er wurde so paralysiert und getötet, dass die Qualität des Fleisches nicht leidet. Der Hit des Abends ist jedoch die Felsenlanguste von der Inselgruppe Tristan da Cunha in den Weiten des Südatlantiks. Schockgefrostet ist sie wochenlang unterwegs, ehe sie von Rainers Brigade behutsam gegart wird. Die Sauce dazu wird aus der japanischen Würzpaste Kanzuri, Limettenkaviar (Finger Limes) und dem japanischen Ingwer Myoga gekocht, garniert mit einem Crunch aus der seltenen, hauchdünnen Kombu-Alge Shiroita. Was für ein Genuss! Allein dafür sollte der Guide Michelin einen dritten Stern spendieren! Zumal Chef-Sommelière und Restaurantleiterin Krebs, Herrin über 17.000 Flaschen mit teilweise großer Jahrgangstiefe, dazu einen 2019er Riesling Ancetrale Altes Handwerk vom Weingut Dr. von Bassermann-Jordan (Pfalz) einschenkt, der mit seiner relativ hohen Restsüße wunderbar dazu passt.
Überhaupt sind alle Pairings ein Treffer: der Amphoren-Wein aus dem Trentino zum Ferchensee-Zander (der eine kürzere Anreise hatte als die Tristan-Garnele, was ihm aber herzlich egal sein dürfte); der 2011er Spätburgunder „Cuvée Max“ des Weinguts Kesseler aus dem Rheingau zum Kagoshima-Wagyu der höchsten Qualitätsstufe A5, der „Bioma Vinha Velha Crusted Port“ von Niepoort zum Haupt-Dessert mit Virunga-Schokolade, Brombeere und Kombucha.
Tatsächlich würde es jede Zutat, jeder Gang und jeder Tropfen verdienen, erwähnt zu werden. Selten war ein Menü samt Pairing so stimmig und so prall gefüllt mit Höhepunkten. Das gilt auch für das komplett fleisch- und fischlose Menü Midori, das in einer Qualität daherkommt, wie sie sonst nur wenige rein vegetarische Spitzenlokale weltweit bieten. Ikigai mag das Glück im Kleinen beschwören – im Schloss ist es ein großes Glück, hier speisen zu dürfen. Rainer, Krebs und ihr geniales Team in der Küche und im Service gehören formal mit zwei Sternen zwar „nur“ zu den fünf Dutzend besten Restaurants in Deutschland. Der Sprung in die Topliga der (aktuell zwölf) Drei-Sterne-Lokale wäre jedoch durchaus verdient, wenn die Pâtissier-Crew es schafft, noch etwas mehr Gas zu geben.
So oder so ist das Schloss vor der imposanten Wetterstein-Wand mehr als nur ein luxuriöses Hotel. Es ist ein Rückzugsort von Weltformat, ein einzigartiger Sehnsuchtsort für Ästheten, Wellness-Aficionados, Yoga-Fans, Outdoor- und Bergsportler, Liebhaber von Lesungen, Konzerten und Festivals mit den großen Künstlern unserer Zeit – und eben auch für Foodies.
Wohnen wie Obama und Merkel
Die beiden G7-Gipfel 2015 und 2022 rückten Schloss Elmau in den Fokus der Weltöffentlichkeit. Als die Aufregung abebbte, war hier wieder die imposante Naturkulisse der Star – und natürlich die bewegte Geschichte des Hauses und seines visionären Gastgebers Dietmar Mueller-Elmau.
Dietmar Mueller-Elmau ist ja von Haus aus ein sehr souverän auftretender Mensch. Daran änderte auch die G7-Gipfel-Entscheidung nichts, die irgendwann 2014 gefallen war. Dass er im Frühjahr 2015 dann doch etwas angespannt wirkte, hatte nur indirekt damit zu tun: Gastgeber von Staatschefs aus sieben Ländern zu sein, ist eine Sache. Eine andere ist es, diesen eine Herberge zu versprechen, die zum Zeitpunkt der Gipfel-Zusage noch gar nicht fertig war.
Umso befreiter wirkte der Hotelier, als er im März 2015 das neue, Retreat genannte Schwesterhotel vorstellen durfte: 47 Suiten, davon rund ein Dutzend mit der Wohnfläche eines großzügigen Einfamilienhauses, und somit groß genug auch für verwöhnte Staatenlenker. Selbst die kleinen Suiten bringen es auf annähernd 60 Quadratmeter. Für Entspannung zwischen den anstrengenden Gipfelgesprächen sorgten drei Restaurants, Lounges, eine Bibliothek, der Yoga-Pavillon und das Spa mit den vom Schloss bekannten Außenpools. Von den Terrassen blickt man auf die monumentale Wettersteinwand und den rauschenden Ferchenbach.
Wer nun denkt, dass das „Retreat“ damals eigens für den Gipfel geplant wurde und die Wahl deshalb auf das Luxushotel zwischen Garmisch und Mittenwald fiel, der irrt. Fünf-Sterne-Häuser, die sich mit Superlativen gegenseitig zu überbieten versuchen, gibt es viele. Doch nur wenige können mit einer so bewegten Geschichte aufwarten.
Erbaut wurde Schloss Elmau zwischen 1914 und 1916 von dem zivilisationskritischen Philosophen und Theologen Dr. Johannes Müller (1864-1949), der das Haus zu einer Begegnungsstätte des Bildungsbürgertums mit Konzerten und Tanzabenden mit klassischer Musik machte. Trotz Müllers ambivalenter Rolle während der NS-Zeit kehrten die Intellektuellen, auch die jüdischen, nach der Wiedereröffnung 1952 schnell nach Elmau zurück. 1957 tagte hier die Gruppe 47 mit Ingeborg Bachmann und Marcel-Reich Ranicki, zudem wurde das Haus unter den Erben des inzwischen verstorbenen Gründers zu einem international renommierten Mekka der Kammermusik. Loriot kam regelmäßig und mehrmals pro Jahr, Altbundespräsident Johannes Rau bezeichnete Elmau gar als seine geistige Heimat. Nach der Jahrtausendwende machten Veranstaltungen des German Marshall Fund das Hotel-Schloss zu einem Treffpunkt von amerikanischen mit deutschen und europäischen Politikern. Angela Merkel zum Beispiel hielt bei einem dieser Foren zwei Monate vor ihrer Wahl zur Bundeskanzlerin einen heftig diskutierten Vortrag über das Verhältnis der Türkei zur EU. Neben diesen Spitzen-Veranstaltungen gibt es fast jeden Abend für die Hausgäste Lesungen bekannter Autoren oder Konzerte von Jazz bis Klassik.
Trotzdem wäre Elmau angesichts der zerstrittenen und finanziell klammen Erbengemeinschaft vermutlich ein Fall für den Insolvenzverwalter geworden, wenn nicht irgendwann der Enkel des Gründers, Dietmar Mueller-Elmau, auf die Bühne getreten wäre. „DME“, vor 71 Jahren in Zimmer 54 des Schlosses geboren, wollte eigentlich nie Hotelier werden. Er studierte Betriebswirtschaft, Philosophie und Theologie, lebte zeitweilig in Indien. Dann packte ihn der Ehrgeiz und er absolvierte in den USA noch ein Masterstudium mit dem Schwerpunkt Hotelmanagement und IT. Zurück in Deutschland, gründete er Fidelio und machte die Firma binnen acht Jahren zum Weltmarktführer für Hotel-Software. Als diese 1997 an ein US-Unternehmen verkaufte, war er finanziell unabhängig. Doch anstatt sich zur Ruhe zu setzen, übernahm er zunächst als Pächter das Schloss, um es seinem Vater zuliebe mit Erlösen aus dem Fidelio-Verkauf zu sanieren und neu auszurichten. Jazz, Literatur und die besagten politischen Debatten bereicherten das Programm. Die Tanzveranstaltungen wurden hingegen reduziert und schließlich ganz eingestellt. Es kam zu einem Aufstand und Exodus der Stammgäste. Dafür reisten nun viele junge Familien mit Kindern an, die den ungezwungenen Komfort – und die unkonventionelle Denkweise des Gastgebers – zu schätzen wussten.
Am 7. August 2005 zerstörte jedoch ein verheerender Brand zwei Drittel des denkmalgeschützten Gebäudes. Die 450 Gäste, darunter 150 Kinder, kamen mit dem Schrecken davon, doch der Sachschaden war immens, und das Hotel musste weitgehend abgerissen werden. Zum Glück war das Anwesen gut versichert. DME nutzte den Schicksalsschlag für einen radikalen Schnitt. Er erwarb die Mehrheit der Anteile an der Eigentümergesellschaft und baute Elmau wieder auf. Heute gilt das Schloss, Mitglied der „Leading Hotels of the World“, als Trendsetter der Wellness- und Spa-Hotellerie. In unabhängigen Rankings wie dem des Schweizer Wirtschaftsblattes „Bilanz“ landete das Schloss schon einmal auf Rang zwei – weltweit, wohlgemerkt. DME selbst wurde 2012 von seinem Branchenverband zum Hotelier des Jahres gekürt.
Bereits 2007, als das nach dem Brand wiederaufgebaute Hotel seine Pforten öffnete, geisterte die Idee für ein zweites Quartier durch den Kopf von DME. Denn das neue Haus hatte nicht mehr 180, sondern nur noch 123 Zimmer und Suiten, die dafür großzügiger ausfielen. Trotzdem: Bei Konzerten im Saal des Hotels sollte dieser schließlich nicht halbleer bleiben. DME begann deshalb mit der Planung für das Retreat, eine zweite Herberge in versteckter Hanglage nur 150 Meter westlich des Schlosses, um in insgesamt 47 Suiten weitere Gäste beherbergen zu können und gleichzeitig im alten Haus die neue Großzügigkeit zu bewahren. Ein „Hotel im Hotel“, wie es DME ausdrückt – und das perfekte Quartier für gleich zwei G7-Gipfel.
Vom Niederrhein an die Isar
Andreas Hillejan und seine Frau Nancy sorgen mit ihrem Marktrestaurant dafür, dass man auch in Mittenwald und damit ganz in der Nähe von Schloss Elmau auf Sterne-Niveau genießen kann.
Es ist ein schwüler Hochsommerabend, als wir uns auf den Weg in Das Marktrestaurant machen. In Krün, wo wir in einem Traditions-Gasthof einchecken, ist gerade Feuerwehrfest. Einheimische kommen uns in Dirndl und Lederhosen entgegen, der eine oder andere schwankt schon bedenklich. Schloss Elmau mag zwar nur elf Kilometer Luftlinie entfernt sein. Doch das hier ist eine andere Welt, eine andere Bubble. Beim ersten G7-Gipfel 2015 durften die Summit-Teilnehmer in diese andere Welt hineinschnuppern, denn Schloss Elmau liegt nun einmal auf der Gemarkung von Krün und nicht etwa auf der von Garmisch-Partenkirchen, wie viele irrtümlich annehmen. Unvergesslich ist das legendäre Weißwurstfrühstück, bei dem Krüns Bürgermeister Thomas Schwarzenberger mit US-Präsident Barack Obama und Kanzlerin Angela Merkel mit Weißbier anstieß und alle miteinander viel Spaß hatten. Obama bedankte sich später persönlich beim Gemeinde-Boss: „Dear Mayor Schwarzenberger …“
Tempi passati. Schwarzenberger ist inzwischen zusätzlich Bezirkstagspräsident von Oberbayern, Merkel und Obama sind gar nichts mehr, und auch die Erinnerung an den zweiten G7-Gipfel auf Schloss Elmau verblasst allmählich. Geblieben ist ein kulinarischer Leuchtturm: Das Marktrestaurant in Mittenwald, das der vom Niederrhein stammende Andreas Hillejan und seine Frau Nancy führen – ganz ohne ein großes Hotel oder einen anderen finanzstarken Partner im Hintergrund. Seit vielen Jahren wird hier auf höchstem Niveau gekocht, was der Guide Michelin seit 2016 mit einem Stern goutiert. Wer das Profil des typischen Mittenwald-Gasts kennt, der hier oberbayerische Lebensart sucht und dabei in den Biergärten des für seine Geigenbauer berühmten Markts auch fündig wird, kann sich ausmalen, wie schwierig es ist, so einen Haute-Cuisine-Solo-Ritt zu stemmen, zumal Das Marktrestaurant zwar im Zentrum, aber in einem unscheinbaren Gebäude mit einer noch unscheinbareren Fassade residiert.
Umso wohler fühlt man sich gleich beim Betreten des Lokals. Andreas reicht aromatisierte Erfrischungstücher für Hände und Gesicht, Nancy Prickelndes für den Gaumen. Und dann geht es auch schon los mit dem Menü „Wirtshaus mal anders“. Auf einen Shot aus Sanddorn, Soja und Wassermelone folgen zum Gedeck mit Sauerteig-Roggenbrot diverse Amuses-Bouches: an einer witzigen Miniatur-Wäscheleine aufgehängte Salami-Scheiben, ein Frosch aus Frischkäse (dessen Bedeutung geheim ist und es auch bleibt) und eine mit Tafelspitz gefüllte Praline, die bereits ein Klassiker ist.
Herrlich sommerlich schmeckt Andreas‘ Interpretation eines Gazpacho Andaluz: der Jalapeño-Schaum sorgt für Schärfe, die Gurke und das Röstbrot ergeben eine spannende Textur, die Tomate steuert den überzeugenden Eigengeschmack bei: ein erfrischendes Schälchen, zu dem ein Bronner von Topwinzer Thomas Niedermayr aus Südtirol bestens mundet. Es folgt ein zartes Filet vom Zander, das auf einem Topinambur-Raviolo ruht, flankiert von Salatherzen und San-Marzano-Tomate. Eine Kafir-Limettensauce sorgt auch hier für sommerliche Akzente, genauso wie bei der heimischen Garnele in Tempura-Teig, die mit Wassermelone, Passionsfrucht und Wasabi daherkommt und nach Japan entführt.
Spätestens jetzt merkt man, dass Andreas aktuelle Food-Trends herzlich egal sind. Er kocht, worauf er Lust hat und legt sich keine regionalen Fesseln an: Hauptsache, seine Zutaten sind frisch und von bester Qualität. Er braucht auch kein Renommier-Geflügel aus Frankreich. Seine Brust vom Landgockel kommt aus heimischen Gefilden. Was sie so wunderbar zart macht, ist die Beize aus 1,0 Prozent Salz und 0,5 Prozent Zucker, in die sie eine Stunde lang eingelegt wird, ehe sie samt Tramezzino-Mantel ins Wasserbad kommt. Nancy schenkt zum Hauptgang einen Deidesheimer Riesling aus der Pfalz ein (Weingut Winning). Die Vergärung im Fass sorgt für Struktur, das Terroir (Sandsteinlagen) für Eleganz und Frische.
Beim Pre-Dessert steht eine dehydrierte Aprikose im Mittelpunkt, die aufgrund des Wasserentzugs besonders intensiv schmeckt und in Croissant-Eis, Mandel-Crème brûlée und Kaffee(bohne) überzeugende Mitspieler findet. Äußerst gelungen auch der „Herzkirsche“ getaufte Haupt-Nachtisch mit Purple Shiso-Eis, Kirschblütenschaum, Zartbitterschokolade und Sancho-Pfeffer. Nancy serviert dazu keinen typischen Süßwein, sondern einen Wermut von der Insel Föhr (by Waalem), der erstens perfekt die Kirsch-Aromen matcht und zweitens den frischen und würzigen Duft der Insel auf elegante Art und Weise ins meistens nicht sehr windige Oberbayern trägt.
Wer sich so verwöhnen lässt, versteht, warum Andreas Hillejan bereits mehrmals zu einem der 50 besten Köche Deutschlands gekürt wurde. Vorbildlich ist jedoch auch seine Mitarbeiterführung, wie eine aktuelle Studie des „Schlemmer-Atlas“ und einer Personalberatung bestätigt. Trotz eines Berges an Arbeit kann man also ein guter Chef sein. Und an Arbeit mangelt es ihm gewiss nicht. Er ist ein regelrechter Tausendsassa: Botschafter der Jeunes Restaurateurs (JRE) und des Kaffeerösters Lavazza, Kooperations
partner des Porsche-Zentrums Grainau, Kochkurs-Veranstalter und Schul- und Kindergarten-Caterer. Außerdem schafft er vier bis fünf komplette Menü-Wechsel pro Jahr und serviert all denjenigen, die keine Lust auf Sterne-Küche haben, eine legendäre Fischsuppe, ein zartes Schnitzel oder eine deftige Brotzeit mit bayrischem Bier. – Wetten, dass die auch den Besuchern des Feuerwehrfests in Krün geschmeckt hätte?
Infos
So geht’s ins Marktrestaurant
www.das-marktrestaurant.de
Tourismusverband
www.alpenwelt-karwendel.de
Genuss-Adressen zum Shoppen
- Mary‘s MarmeLaden: Udo Schönthaler verarbeitet Pflanzen aus den Alpen zu Kräutersalzen, Chutneys, Pestos und Likören.
www.marysmarmeladen.de - Platzfisch Mittenwald: Im Fischgeschäft von Dominik und Manuela Bles
gibt es Forellen, Saiblinge und Lachsforellen
aus ihrer eigenen Zucht im Elmauer Tal.
platzfisch.de - B‘sonders und guat: Ausgefallene (Bio-)Brotmischungen
und Nudeln aus alten Getreidesorten.
www.bsonders-guad.de
















