Gravel on!
Mit dem Gravelbike durch den Naturpark Ammergauer Alpen
Es gibt Sportarten, um welche auszuüben, sich der Mensch die Natur untertan macht. Golfen beispielsweise. Und es gibt Sportarten, um welche auszuüben eine ganz bestimmte Umgebung weit mehr als nur Kulisse ist. Auch eine menschengemachte Umgebung. Eine Region, die im sensiblen Gleichgewicht zwischen Natur und Kultur, Stadt und Land, Berg und Tal Balance hält. Eine Region wie der Naturpark Ammergauer Alpen.
Autor: Benni Häfner
Die 227 Quadratkilometer große Fläche wurde erst am 27. Juli 2017 vom Bayerischen Staatsministerium für Umwelt und Verbraucherschutz zum Naturpark ernannt. Die Geschichte der eindrücklichen Landschaft dagegen, zwischen Niedermooren und Hochalpen, reicht weit länger zurück. Bis ans Ende der vergangenen Eiszeit, als vor 15.000 Jahren riesige, zurückweichende Gletscher in Senken und Moränenwällen Schmelzwasserseen hinterließen, die in den folgenden Jahrtausenden allmählich verlandeten und so zu Mooren wurden. Diese Wiesen und Moore werden in den Ammergauer Alpen von Menschen seit dem Mittelalter, etwa ab dem 12. bis 14. Jahrhundert, durch extensive Weidewirtschaft und als Streuwiesen gepflegt. Durch diese historische Bewirtschaftung entwickelte sich ein einzigartiger Kulturraum, der sich sogar für das UNESCO-Welterbe bewirbt.
Der Weg ist mein Ziel
Mit der Entwicklung dieses Kulturraums ging damals auch der Wegenetzausbau einher. Noch heute wird der Naturpark Ammergauer Alpen daher von endlosen Schottertrassen durchzogen. Zum Glück! Sie führen durch malerisch geschwungene Hügellandschaften, durch klimatisch gemäßigte Täler, über saftig grüne Wiesen und Wälder mit dichtem Baumbestand. Wilde Wurzelpfade, knifflige Aufstiege, rasante Abfahrten, die absolute Konzentration und Aufmerksamkeit verlangen. Gravelbiken scheint in dieser Voralpenlandschaft geradezu erfunden worden zu sein.
Zu 15 Rundtouren mit einer Gesamtlänge von mehr als 800 Kilometern rät der Naturpark Ammergauer Alpen Grabelbikern. Von der kurzen Spritztour durchs Halbammertal, mit 27 Kilometern und 400 Höhenmetern. Bis hin zum tagesfüllenden und regionen-übergreifenden Gravelabenteuer oberhalb der 100km-Marke. Sie alle vereint ein Zusammenspiel aus Kultur und Natur, aus damals und heute. Ein Traum auf zwei Rädern – der sich anfühlt wie Fliegen. Getragen werde ich durch diesen Traum von zwei Reynolds BL ATR Expert CL Carbonlaufrädern, montiert an einem SILEX CF2 II Carbonrahmen, angetrieben mittels eines 1×12-fach GRX Di2 Shimano-Schaltwerks und uns freundlicherweise von Merida zur Verfügung gestellt. Unterm Strich bringt das Leichtgewicht SILEX 9000 nur 8,7 Kilogramm auf die Waage.
Menschengemachtes Paradies
Wo auch immer das Gravelbike nun erfunden wurde, Fakt ist, es gehört in die Ammergauer Alpen. Ob ein Gravelbike, das preislich in den Mittelklassen qualitativ hochwertiger E-MTBs mitspielt, auch ins Repertoire eines jeden Bike-Freundes gehört, das ist und bleibt eine Glaubensfrage. Denn schon auf den ersten Kilometern spüre ich, dass auf diesen Wegen Trekking-, MTB-, und Reiseradler ebenso auf ihre Kosten kommen. Und das ist vor allem dem Naturerlebnis geschuldet.
Vom weltberühmten Oberammergau geht es nach Süden ins weite Ettaler Weidmoos. Am östlichen Rand des geschützten, 155 Hektar großen Moorgebiet entspringt die Ammer. Frisches Wasser speist hier glasklare Quelltöpfe, von denen ausgehend Bächlein wie Lebensadern durch das Naturparadieses für seltene Orchideen mäandern.
Hochspezialisierte Schmetterlinge, Libellen, Amphibien und Vögel sind auf die eindrucksvolle Biodiversität dieses Naturjuwels angewiesen. Ein Musterbeispiel dafür, dass behutsame und achtsame Landwirtschaft der Natur dienen kann. Denn erst die jahrhundertelange extensive Bewirtschaftung bewahrte das empfindliche Gleichgewicht dieser Landschaft. Diese Streuwiesen werden nur selten gemäht, kaum gedüngt und vielerorts noch traditionell genutzt. Was aus landwirtschaftlicher Sicht lange als wenig ertragreich galt, erwies sich für die Natur als unschätzbarer Vorteil: nährstoffarme Böden, offene Flächen und ein hoher Wasserstand schaffen Lebensräume, die in Mitteleuropa selten geworden sind. Gleichzeitig prägt diese Form der Nutzung bis heute das charakteristische Landschaftsbild der Ammergauer Alpen – eine Kulturlandschaft, die nicht einfach nur durch den Menschen entstand, sondern vielmehr durch eine zurückhaltende und respektvolle Bewirtschaftung. So wird das Moor gleichermaßen zu einem Refugium für bedrohte Arten wie auch zu einem lebendigen Zeugnis nachhaltigen Wirtschaftens im Alpenraum.
Zwischen Glaube und Genuss
Als unweit von hier, vor 696 Jahren, der Gaul des frischgebackenen Kaiser Ludwig IV. auf der Rückreise von dessen Krönung in Italien drei Mal auf die Knie ging, gab es für den Adelsmann keine Zweifel: Ein göttliches Zeichen! Da Ludwig zu dieser Zeit eine kleine Marienstatue aus Pisa mit sich führte, war der Plan schnell gefasst. Mit der Errichtung des Klosters Ettal an eben diesem Ort wäre sein Dankesgelübde weithin sichtbar. Ob sich das Pferd allerdings nur aufgrund der Strapazen der Alpenüberquerung nicht mehr auf den Beinen halten konnte? Oder ob dem Kaiser die Errichtung eines monumentalen Gotteshauses nicht ausgesprochen gelegen kam, nachdem er sich selbst auf dem Kapitol vom römischen Volk zum Kaiser ausrufen ließ, noch von dort die Absetzung des Avignoner Papst Johannes XXII. verkündete? Glaubensfrage.
Sicher ist: Der Krönung ging ein mehrjähriger Streit zwischen Wittelsbachern und Habsburgern voraus, dem erst mit der Schlacht bei Mühldorf in Oberbaybern ein blutiges Ende gesetzt werden konnte. Außerdem lag das Kloster für Ludwig strategisch bedeutend, sicherte ihm Zoll und Handelswege über die Alpen. Bruder Josef kennt unzählige dieser Geschichten über das Kloster und dessen Geschichte. Gemeinsam mit rund 25 weiteren Benediktinermönchen erweckt er die uralten Mauern des Klosters zum Leben. Ein eindrückliches Erlebnis. Heilsam, entschleunigend – und erfrischend. Wie gut, dass die Mönche seit fast 400 Jahren die Ettaler Klosterbrauerei betreiben. Deftig wird’s im Biergarten des Klosterhotels Ettal – bayrisch, zünftig, unter Kastanien und weißblauem Himmel.
Sattelfest
Wie schon Kaiser Ludwig wusste, lohnt es sich also sattelfest zu sein, möchte man die Ammergauer Alpen erleben. Heute reihen sich die Highlights am Rande der Schotterpisten wie Perlenketten aneinander. Das Schloss Linderhof, als prächtiges „Königshäuschen“ von Märchenkönig Ludwig II. Die Wieskirche, ein UNESCO-Weltkulturerbe, das oft im Rahmen der sogenannten Radpilger-Touren angesteuert wird. Und auch abseits der Radwege, wie beispielsweise auf dem Kolbensattel, fast 500 Meter über Oberammergau. Wer seine Kraft und Kondition schon in die Pedale getreten hat, erreicht die Kolbensattelhütte auch mit der Sesselbahn. Nachmittags führt mich meine Nase über den anregenden Königssteig, ohne nennenswerte Höhenunterschiede, durch schattige und kühle Wälder, bis hin zum Kofel, einem kecken, weithin sichtbaren Felszahn. Zuletzt zieht die Route anspruchsvoll, steil und mit Stahlseilen versichert zu seinem ausgesetzten Gipfel hinauf. Durchatmen. Den Tiefblick genießen. Die Sonne am Horizont. Den Naturpark Ammergauer Alpen zu Füßen. Und im Blick schon das Ziel für morgen.








