Live aus dem… Kleinwalsertal
Zwischen steilen Grasbergen und klaren Bächen erzählt das Kleinwalsertal seit jeher von gewachsener Identität. Doch wie viel Aufbruch verträgt ein Tal, das so stark in seiner Geschichte verwurzelt ist? Die neue Tourismusleitung setzt genau hier an: Sie versteht Tradition nicht als starres Erbe, sondern als Ausgangspunkt für zeitgemäße Ideen. Im Spannungsfeld von wachsender Outdoor-Nachfrage, sensiblen Lebensräumen und dem Wunsch nach echten Erlebnissen entstehen neue Formate, die Gemeinschaft, Entschleunigung und Qualität in den Mittelpunkt stellen. Initiativen wie „Natur bewusst erleben“ oder Veranstaltungen wie „Hike the Valley“ zeigen, wie sich Nutzung und Schutz miteinander verbinden lassen. Die neue Tourismuschefin Justina Rokita im Gespräch über mutige Entscheidungen, nachhaltige Strategien und die Frage, wie sich das Bergerlebnis von morgen schon heute gestalten lässt.
Interview: Benni Häfner
Selbstversorgung, Biodiversität, Kreislaufdenken, ökologische Landwirtschaft und Bildungsangebote sind Säulen der Initiative Natur bewusst erleben im Kleinwalsertal: Andi Haller in seinem Permakulturgarten beliefert Gastronomie und Betriebe im Tal.
Das Kleinwalsertal hat eine starke Geschichte und Tradition. Steht das nicht im Widerspruch mit einem frischen Wind in der Tourismus Leitung?
Ganz im Gegenteil. Die Entscheidung, eine neue und moderne Tourismusleitung zu engagieren, war ein bewusst gesetzter Schritt in die Zukunft. Es geht dabei nicht darum, die Geschichte oder die Tradition des Kleinwalsertals zu verändern, im Gegenteil, sie sind unser Fundament. Unsere Aufgabe ist es, dieses Bewährte neu zu denken und in einen zeitgemäßen Kontext zu übersetzen. Die Verbindung von Tradition und Innovation ermöglicht es uns, das Tal nachhaltig weiterzuentwickeln und insbesondere für die nächste Generation attraktiv und relevant zu gestalten.
Überall spricht man von nachhaltigem Tourismus, was bedeutet das im Kleinwalsertal ganz konkret?
Nachhaltigkeit bedeutet für uns, mit und für die Natur zu agieren, und zwar gleichermaßen aus der Perspektive unserer Gäste wie auch der Einheimischen. Es geht darum, Ressourcen verantwortungsvoll zu nutzen, regionale Kreisläufe zu stärken und ein Gleichgewicht zwischen touristischer Nutzung und Lebensraum zu schaffen. Nachhaltiger Tourismus ist bei uns kein Trend, sondern eine Haltung, die in allen Bereichen unserer Arbeit verankert ist.
Ein konkretes Beispiel ist die Initiative „Natur bewusst erleben“, die seit 2018 – angestoßen vom Tourimusverband – im Kleinwalsertal umgesetzt wird und dauerhaft bei uns im Tal verankert ist. Sie zeichnet sich durch eine hohe Umsetzungstiefe aus, denn über 200 Akteurinnen und Akteure aus unterschiedlichen Interessengruppen tragen zu nachhaltigen Lösungen in Bezug auf Raumplanung, Besucherlenkung und Wissensvermittlung bei. Die Initiative wird durch die Universität Innsbruck wissenschaftlich begleitet.
Dennoch stößt man auch im Kleinwalsertal an Grenzen zwischen wachsender Beliebtheit des Outdoorsegments und dem Anspruch, Natur und Lebensräume zu schützen, oder? Gibt es Nutzungskonflikte und wie geht ihr damit um?
Natürlich bringt die steigende Nachfrage im Outdoorbereich Herausforderungen mit sich. Im Kleinwalsertal begegnen wir diesen proaktiv. Mit unserer etablierten Initiative „Natur bewusst erleben“ gelingt es uns, potenzielle Nutzungskonflikte frühzeitig zu minimieren. Wir setzen gezielt auf Besucherlenkung, Wissensvermittlung und Sensibilisierung, etwa durch Kampagnen wie unsere kommende Müllinitiative. Ergänzend leisten unsere Ranger vor Ort einen wichtigen Beitrag. Sie informieren, begleiten und sorgen dafür, dass der Naturraum verantwortungsvoll genutzt wird. So schaffen wir eine Balance zwischen Erlebnis und Schutz.
Welche neuen Trends beobachtest du bei Gästen im Kleinwalsertal und wie reagiert ihr darauf?
Ein spannender Trend ist, dass innovative touristische Produktformate zunehmend aus der Destination selbst heraus entstehen, nicht ausschließlich als Reaktion auf Gästewünsche, sondern auch als gezielte Impulse von uns als Tourismusorganisation. Ein sehr gutes Beispiel dafür ist unser Musikfestival Valley of Sound, das im März Premiere feierte und im März 2027 wieder stattfinden wird. Es hat alle Erwartungen übertroffen. Besonders ist hier der kuratierte Mix unterschiedlicher Musikrichtungen, die breite Zielgruppenansprache sowie die einzigartige Verbindung von Musik und alpiner Kulisse. Genau solche Formate schaffen emotionale Erlebnisse für Gäste wie Einheimische und differenzieren uns klar im Wettbewerb.
Auch „Hike the Valley“ ist mehr als ein klassisches Touri Event. Welche Idee steckt dahinter und was unterscheidet es von üblichen Wanderveranstaltungen?
Im Zentrum von Hike the Valley steht der Community Gedanke. Es geht nicht um Wettbewerb, sondern um gemeinsames Erleben. Wir wollten ein Format schaffen, das unterschiedliche Zielgruppen anspricht, vom genussorientierten Wanderer bis hin zum sportlich ambitionierten Teilnehmer. Die drei Strecken bieten genau diese Vielfalt. Entscheidend ist, dass die Natur nicht als Kulisse für Leistung inszeniert wird, sondern als Raum für Begegnung und Austausch.
Wie wird Hike the Valley in diesem Jahr aussehen?
Wir entwickeln das Format kontinuierlich weiter. In diesem Jahr werden zwei der drei Strecken angepasst, um neue Impulse und Abwechslung zu bieten, basierend auf den Erfahrungen aus dem letzten Jahr. Eine besondere Neuerung ist unser Community Table auf den beiden Hauptstrecken, speziell für Alleinreisende. Hier schaffen wir bewusst Raum für Begegnung und Austausch. Gleichzeitig bleibt der Charakter der Veranstaltung erhalten: entspannt, verbindend und naturverbunden.
Regionalität und Authentizität ist nicht nur auf den Wanderwegen erlebbar. Wie und wo stoßen Gäste noch darauf?
Regionalität und Authentizität ziehen sich durch die gesamte Wertschöpfungskette im Kleinwalsertal. Gäste erleben sie in der Kulinarik, von regionalen Produkten auf den Hütten bis hin zur gehobenen Gastronomie, ebenso wie in unserem kulturellen Angebot. Traditionen, Veranstaltungen und Begegnungen mit Einheimischen machen das Tal als Lebensraum spürbar. Es ist dieses Zusammenspiel, das echte Authentizität vermittelt.
Qualität und Entschleunigung statt immer neuer Attraktionen, ist das nicht auch ein wirtschaftliches Risiko?
Ich sehe darin kein Risiko, sondern eine klare strategische Entscheidung. Qualität und Entschleunigung schließen neue Angebote nicht aus, im Gegenteil, sie geben die Richtung vor, in die sich neue Formate entwickeln müssen. Entscheidend ist, dass sich Angebote sinnvoll ergänzen, nicht inflationär wachsen und im Einklang mit unserer Gesamtstrategie stehen. Erfolg entsteht nicht durch Masse, sondern durch Relevanz, Akzeptanz und eine gezielte Steuerung unseres Angebots.
Wenn du fünf Jahre vorausblickst, wie wird sich das Erlebnis Berge für Gäste verändern und welche Rolle soll das Kleinwalsertal dabei spielen?
Das Bergerlebnis wird individueller, bewusster und gleichzeitig stärker kuratiert sein. Gäste suchen nicht mehr nur nach Aktivitäten, sondern nach sinnstiftenden Erlebnissen, nach Entschleunigung und echter Verbindung zur Natur. Digitale Unterstützung wird dabei eine größere Rolle spielen, allerdings nicht als Selbstzweck, sondern als Mittel zur besseren Orientierung und Personalisierung. Das Kleinwalsertal soll in diesem Kontext eine Vorreiterrolle einnehmen, als Destination, die authentische Naturerlebnisse mit innovativen Konzepten verbindet und dabei konsequent auf Nachhaltigkeit und Qualität setzt.
Welche Entscheidung war in den letzten Jahren die mutigste in deiner Tourismusstrategie und was hast du daraus gelernt?
Eine der mutigsten Entscheidungen war die Entwicklung unseres neuen Corporate Designs, insbesondere die bewusste Entscheidung, nach über 20 Jahren unser bestehendes Logo abzulösen. Das war ein tiefgreifender, fast schon revolutionärer Schritt für die gesamte Region. Aus meiner beruflichen Erfahrung wusste ich, dass solche Veränderungen Zeit brauchen und intensive Kommunikation erfordern. Entscheidend war, die Menschen im Tal mitzunehmen, Verständnis zu schaffen und Vertrauen aufzubauen. Mein wichtigstes Learning daraus ist, dass Veränderung nur dann gelingt, wenn sie nicht nur strategisch richtig ist, sondern auch emotional getragen wird.
Vielen Dank und alles Gute im Kleinwalsertal.
Justina Rokita
Beim Naturforscher Abenteuer erfahren Kinder und Erwachsene Wissenswertes über unsere Naturräume.
Hike the Valley
Das neue Corporate Design wurde mit dem Red Dot Award ausgezeichnet.










