Neuer Winter?
Auf Spurensuche in und um Innsbruck

Innsbruck / Der Wandel ist spür- und sichtbar: Immer häufiger bleibt der Schneefall im Alpenraum über Wochen aus. Grüne Wiesen und höhere Temperaturen bestimmen dann das Bild im Tal. Weiter oben schießen neue Speicherseen und modernste Beschneiungssysteme aus dem Boden. Glaubt man Klimaprognosen und Simulationen, ist allerdings mit einer weiteren Zuspitzung zu rechnen. Wie können Tourismusregionen so weiter bestehen?

Autor: Benni Häfner

Mancherorts ächzt der Wintersport in den Alpen bereits unter den Bedingungen. Besonders in tieferen Lagen. Mit immer neuen Investitionen aber, soll der Betrieb wirtschaftlich ökologisch am Laufen gehalten werden. Keine einfache Aufgabe, bei immer steigenden Ressourcenkosten. Doch ist das Ende wirklich schon in Sicht? Wie bereitet man sich im Alpenraum auf die Erwärmung vor? Und wie genau wirkt sich der Klimawandel auf den Tourismus aus? In der Wintersportmetropole Innsbuck suche ich Antworten und finde vor allem eines: Entwarnung! Ganz so einfach ist es aber dann doch nicht. …

Wir reisen. So oder so!

Meine Reise durch Tirol und seine Landeshauptstadt beginne ich – in Deutschland. Denn um zu verstehen, was auf die Alpen zukommt, muss zunächst der Tourismus verstanden werden. In München treffe ich auf Prof. Dr. Jürgen Schmude. Er ist Tourismusforscher und wissenschaftlicher Leiter des Bayrischen Zentrums für Tourismus (BZT). Seit 2019 forscht er hier zum Verhalten von Touristen, beispielsweise in Gefahrensituationen wie der Corona-Pandemie. Entgegen seiner Erwartungen und Hoffnungen, habe sich das Reiseverhalten der Menschen aber nach der Pandemie schnell wieder normalisiert. „Die Tourismusbranche irrte sich hierbei auf internationaler Ebene. Von Corona ist nichts übriggeblieben. Wir reisen ganz genau so wie vor der Pandemie.“

Schuld daran habe nicht zuletzt die Tourismuswirtschaft, die alle Hebel in Bewegung setzte, um den Normalbetrieb wieder aufzunehmen. Gut fürs Geschäft. Schlecht fürs Klima. Denn hört man nicht überall, dass weniger Reisen besser fürs Klima und damit auch besser für unseren schwindenden Winter sei? Das Gute: Wir Menschen passen uns schnell an. Eine Eigenschaft, die sich in Zeiten des Wandels noch bezahlt machen könnte.

Prof. Dr. Schmude beschreibt das Reisen weiter als Konsumgut – ganz bewusst. „Auf der Rangliste unserer Konsumgewohnheiten steht über dem Reisen nur noch die Ernährung. Selbst das Auto schafft es hier nur auf Platz acht.“ Reisen ist uns also wichtig, Pandemie (oder Klimawandel) hin oder her. Da tut es auch fast nichts zur Sache, dass Reisen immer teurer wird, denn dann wird ganz einfach bei anderen Dingen gespart.

Auf der Seite der Gastgeber allerdings sieht der Tourismusforscher Handlungsbedarf. „Sicherlich haben die Skigebiete lange nicht wahrhaben wollen, was ihnen die Wissenschaft da prognostiziert. Mittlerweile ist unsere Message aber angekommen.“ So hat das BZT für verschiedene Regionen mögliche Szenarien entworfen – was dort großes Interesse weckte. Mittlerweile möchte man nämlich sehr genau wissen, was da auf einen zukomme, so Schmude – um sich entsprechend vorzubereiten. Aber was genau kommt denn da auf uns zu?

Zwei Radler für einen Skifahrer?

„Langfristig, also bis 2050, werden wir in Bayern nur noch zwei oder drei Skigebiete haben. Das wars!“ Anpassen müsse man sich also, was bleibe einem auch anderes übrig? Größtes Problem dabei: Es gibt nicht die eine Lösung für alle. Skigebiete seien extrem individuelle, vielfältige Gesamtkonzepte. Und so müsse jede Region ihren eigenen Weg finden. Häufig führe dieser Weg zu einer besseren Nutzung der Nebensaisons. Teilweise werde aber auch versucht, mit technischen Lösungen den Skibetrieb aufrecht zu erhalten. In höheren Lagen klingt das für mich sinnig. In Talnähe dagegen, kommt mir das vor, als würde man mit Schneekanonen gegen die Klima-Windmühle kämpfen. Zudem sind Wintersportler äußerst umsatzstarke Gäste. So errechnete das BZT, dass man einen Skifahrer mit zwei Radfahrern ersetzen müsste, um einen wirtschaftlichen Ausgleich zu erzielen. Hier klingeln andere Alarmglocken. Stichwort: Overtourism.

Keine gute Prognose für Bayern?

Für einen funktionieren Tourismus und Wintersport braucht man also vor allem eines: Touristen! Und während das Klima sich ändert und Skigebiete neue Konzepte entwickeln, denken Touristen einfach um. „Der Klimawandel ist ein schleichender Prozess. Nichtsdestotrotz rechnet man mit heftigen Auswirkungen. Die deutsche Bevölkerung ist bei diesem Thema allerdings ein bisschen schizophren: Zuhause sind wir wesentlich nachhaltiger als im Urlaub.“ Dennoch aber sei uns ein umweltfreundlicher Winterurlaub wichtig – zumindest teilweise.

Hier sieht Schmude verschiedene Verhaltenstypen: Für manche Reisende sei Wintersport nach wie vor „business as usal“. Gedanken über Umwelt oder Klima machen sich diese Touristen kaum. Schmude nennt aber auch Time-Switcher. Wintersportler also, die eben nur noch dann auf die Piste gehen, wenn die Schneelage es zulässt. Anders als die Destination-Switcher. Sie nehmen auch einmal längere Strecken in Kauf, um in höheren Regionen Schnee zu finden. Bedenkt man, dass 60-80 % des ökologischen Fußabdrucks eines Skitages bei der An- und Abreise entstehen, sind das keine guten Voraussetzungen für einen nachhaltigen Skitourismus. Leider.

Zudem wird Skifahren immer teurer. Schmude spricht sogar von einer sozialen Auslese, die damit einhergehe: „Zunehmend können sich nur noch bestimmte Personengruppen das Skifahren leisten. Wintersport ist damit sicherlich eines der Produkte, das am stärksten die soziale Auslese fördert.“ Die Gruppe, die sich aus finanziellen Gründen das Skifahren nicht mehr leisten kann wird wachsen, ist sich der Tourismusforscher sicher.

Schmude ist selbst Wintersportler und weiß sehr wohl um die Bedeutung des Wintersports für die jeweiligen Regionen. Nicht zuletzt aus gesundheitlichen Gründen sei es doch erstrebenswert, den Skitourismus zu erhalten, denn wann sei man schon einen ganzen Wintertag draußen an der frischen Luft? Und auch die technische Beschneiung habe sich weiterentwickelt. Stromverbrauch und Wassernutzung stellen demnach nur noch untergeordnete Probleme dar.

Innsbrucks neuer Winter

Innsbruck erwartet mich mit 13 Skigebieten rund um die Landeshauptstadt. Keine 600 Meter hoch ist die Alpenmetropole gelegen. Doch der erste Schnee ist bereits gefallen und so steh ich an der Ampel unter der Triumphpforte auch mal neben Wintersportlern, die ihre Bretter bereits geschultert haben. Mit den Öffentlichen Verkehrsmitteln nachhaltig ins Skigebiet? Kein Problem! Der Bus ist in wenigen Minuten am Patscherkofel. Dank der schönen Stubaitalbahn ist auch das Stubai Skigebiet schnell erreicht. Das junge und hippe Innsbruck: Viele Bewohner besitzen nicht mal mehr ein eigenes Auto. Und für den Stadtverkehr ist das Rad ohnehin besser geeignet. Klimawandel hin oder her.

Der Patscherkofel ist das Familien-Naherholungsgebiet der Stadt. Das ganze Jahr über! Auf fast 2.000 Meter liegt die Bergstation der Patscherkofelbahn. Darüber finden nur noch Winter- und Schneeschuhwanderer sowie Tourengeher einen Weg zu Gipfel. Von den 18 Pistenkilometern des Patscherkofels kann man einen beeindruckenden Blick auf die Dächer der Stadt werfen. Adrian Eggers Blick schweift dagegen lieber in die Zukunft. Der Geschäftsführer der Patscherkofelbahn sieht von dort nämlich keine unlösbaren Aufgaben auf Innsbrucks Hausberg zukommen.

„Seit sechs Jahren bin ich nun Geschäftsführer am Patscherkofel und ich kann sagen, dass es ohne technische Beschneiung nicht funktioniert. Das liegt daran, dass der Patscherkofel ein sehr exponierter Berg ist.“ Die vielen Nordhänge wirken sich zwar positiv aus, allerdings wird der Berg häufig auch von warmen Föhnstürmen getroffen, berichtet Egger. Dadurch könne manchmal selbst bei extremen Minusgraden nicht beschneit werden, da der Wind den produzierten Schnee sofort davontragen würde. Dieses Naturphänomen tritt meistens im November und Dezember auf. Eine Zeit, in der sich die Skigebiete bestenfalls intensiv auf die Saison vorbereiten.

Ohne technischen Schnee geht’s auch im Herzen der Alpen nicht mehr

Am Patscherkofel entscheidet also der Schneimeister Tag für Tag aufs Neue, wann und wie der Einsatz der Schneekanonen am wirtschaftlichsten und nachhaltigsten ist. Das Gute: So bleibt der Patscherkofel die gesamte Saison über schneesicher. Von Mitte Dezember, bis Anfang April. Doch das kostet Energie. Energie, die zunehmend von der Sonne geliefert wird. „Seit letztem Jahr haben wir auf allen Seilbahnstationen PV-Anlagen installiert. Damit können ungefähr 20 % der am Patscherkofel genutzten Energie selbstproduziert werden.“ Für die Beschneiung komme nichts als Strom und reines Wasser in Trinkwasserqualität zum Einsatz. Additive sind nicht erlaubt. Das Wasser wird in einem 2.000 Kubikmeter fassenden Tagesspeicher gefasst. Ein weiterer Speicherteich fasst sogar 70.000 Kubikmeter. „Pro Winter dürfen wir 154.000 Kubikmeter Wasser nutzen. Dank unserem Wassermanagement kommen wir damit gut aus.“ Was aber, wenn der Winter sich weiter zurück zieht, frage ich. Doch Eggers Taktik ist durchdacht.

„Wir können mittlerweile sehr schnell und flexibel reagieren. Das ist ein entscheidender Vorteil. Innerhalb kurzer Zeit können wir große Mengen Schnee produzieren. Dank guter Wetterprognosen organisieren wir den Schneibetrieb sehr effizient – zunehmend mit mehr Fokus auf talnahen Pisten.“ Mit Erfolg.

Sollte es allerdings wärmer und trockener werden, das weiß auch der Geschäftsführer, muss weitergedacht werden. Und so gibt es die Überlegung in eine weitere Liftanlage zu investieren: Die Talstation würde in dem Fall durch eine 300 Meter höher gelegene Station ergänzt werden. Ein Sechser-Sessellift könnte von dort die Wintersportler auf etwa 1.900 Meter befördern. Zusätzlich wird bereits überlegt, sich in tiefen Lagen zunehmend auf den Radsport zu konzentrieren.

Aus der Stadt – in die Berge

Am Patscherkofel aber bleiben die Saisonzeiten auch in Zukunft klar definiert. Der Winter bleibt den Skifahrern. Und in den Zwischensaisons ist die Bahn zur Revision für fünf bis sechs Wochen vollständig geschlossen. Dann freut sich Mensch und Natur über ein klein wenig Ruhe an Innsbrucks Hausberg.

Ich lasse Innsbruck hinter mir und fahre ins nahegelegene Sellrain. Genauer nach St. Sigmund, auf 1.500 Metern. Der Trubel der Stadt ist verstummt. Hier finden Wintersportler noch Ruhe, unverspurte Hänge – und Schnee. Viel Schnee! Lukas Ruetz lebt von diesem Schnee. Ich treffe den Bergsportler, als er gerade eine Webcam für den örtlichen Tourismusverband installiert.

Lukas studierte Geographie und Biologie in Innsbruck. Sein großes Wissen über Schnee und insbesondere Lawinen eignete er sich selbst an. Mittlerweile bietet er unter dem Label SaveU eigene Lawinenausbildungskurse an, schreibt Fachberichte für verschiedene Medien, ist aktiver Bergretter und außerdem bei der Lawinenkommission tätig. Die Hauptaufgaben hierbei: Wetterbeobachtung und die Beurteilung von Schneeprofilen im Gelände. Praxisnähe definiert Lukas auf seine Art. Über 2,5 Millionen Höhenmeter legte er in seinem jungen Leben bereits zurück. Die allermeisten davon in den heimischen Alpen. 2019 war er sogar non stop auf Skitour. Das ganze Jahr hindurch. Auch im Juli, August und September. Na, dann ist ja alles bestens, oder?

Die Familie Ruetz lebt bereits seit Generationen hier im Sellrain. Doch selbst der 32 Jahre junge Lukas spürt, das sich der Winter wandelt. In Eigenregie montierte er bereits eine Webcam am Lüsener Ferner, dem größten Gletscher im nahegelegenen Stubaier Alpen. „Mir geht es darum, den jährlichen Rückgang der Eismassen visuell greifbar zu machen. Es wird kontinuierlich wärmer, hier im Sellrain zwar weniger extrem, weil wir recht hoch liegen. Anderswo kann man aber die Auswirkungen bereits gut sehen.“ Lukas meint damit die Skitourensaison, die besonders in niedrigeren Regionen weiter und weiter zusammenschrumpft. Aber auch im Sellrain regne es im Winter immer häufiger weit hinauf. Auswirkungen auf den Tourismus? Fehlanzeige. Zwar leide die Schneequalität und die Lawinengefahr bewege sich mehr zum Nassschneeproblem hin. „Doch im Grunde haben wir hier noch einen Winter, wie ihn sich die Menschen wünschen.“

Skibergsteiger Lukas Ruetz betrachtet den Klimawandel differenziert.

Wo sich Vor- und Nachteile die Waage halten

Ruetz sieht ein Problem darin, dass die Menschen schlicht nicht Skifahren möchten, wenn das Wetter vor der eigenen Haustür nicht die passende Stimmung liefert. Verständlich, wie ich finde. Eine positive Seite kann er aber selbst dieser Medaille noch abgewinnen: Denn in den warmen Wintern kommen die von Prof. Dr. Schmude erwähnten Location-Switcher eben zu ihm ins Sellrain hinauf – was dazu führt, dass gerade dann besonders viel im sonst so ruhigen Tal los ist.

Man kann also tatsächlich vom Klimawandel in den Alpen profitieren, auch als Wintersportler. Dennoch erzählt mir auch Lukas von Skigebieten, die sich zunehmend in Bikeparks umwandeln. Am Klimawandel zweifelt also niemand mehr, auch nicht im Sellrain, mit seiner privilegierten Lage. Für mich überraschend: Spürbar sei der Wandel für die Einheimischen vor allem bei der Landwirtschaft. Hier oben wachse ohnehin kein Obst oder Getreide mehr, so Ruetz. Nur das Gras aus den Wiesen, langsam und wenig ertragreich. In den letzten Sommern aber stieg der Heuertrag um das Anderthalbfache. Die Erklärung hierfür sieht Lukas in den gestiegenen Temperaturen, hauptausschlaggebend für das Wachstum des Grases. Erst Recht, wenn ein niederschlagsreicher Sommer hinzukommt. Genau das aber nagt am Eis der Gletscher. In niederschlagsarmen Wintermonaten können diese oft nicht mehr den Verlust des nassen und warmen Sommers aufbauen. Im Sellrain sieht man den Klimawandel also durchaus als zweischneidiges Schwert. Und nicht selten überwiegen die Vorteile. Noch.

Lukas Ruetz wünscht, es würde mehr über die Vorteile gesprochen, die der Klimawandel mit sich bringe. Zwar wisse er, dass in den Alpen vielfältige und gigantische Probleme mit der Erwärmung einhergehen. „Wir leben allerdings in einer Region, die vielleicht sogar weltweit am wenigsten von den ganz großen Problemen des Klimawandels spüren wird.“ Der Schneeexperte spricht von den Jahren 2013 und 2014, in welchen viele Gletscher der Ostalpen eine ausgeglichene Massenbilanz aufwiesen – also nicht, oder nur unwesentlich abschmolzen.

Heute wäre das eine Ausnahmesituation – die in den Siebzigern und Achtzigern allerdings noch zum Alltag gehörte. Das 1,5° C-Ziel sieht Ruetz da fast schon als gescheitert. Mit ungewissem Ausgang. Auch für den Wintertourismus im Sellrain.

Wetter & Klima für alle!

Zurück in Innsbruck, unweit der Triumphpforte. Größere Bildschirme strahlen auf die Straße hinaus. Aktuellste Statistiken, Wetterkarten und -daten. Der ein oder andere Wintersportler checkt im Vorbeigehen die Lage. Wann kommt endlich der große Schnee? Etabliert hat dieses Konzept der Meteorologe Christian Zenkl. Er eröffnete 2010 das Wettercafe Innsbruck.

Zenkl studierte Meteorologie und Geophysik mit Schwerpunkten alpine Klimatologie und Synoptik. Er war Franchise Partner der ZAMG und beim Wetterdienst des Alpenvereins tätig. Zudem Landesmeteorologe am Hydrographischen Amt in Bozen. Seit 20 Jahren ist er selbständiger, unabhängiger Meteorologe und betreibt dieses einzigartige Lokal nahe der Triumphorte. Bei einem Getränk wird hier gerne über Klima- und Meteorologie geplaudert. Vorträge und Diskussionsrunden in gemütlicher Runde. Die Idee: Ein fachlicher Zugang zu einem Thema, das früher eher als Schmetterlingsfach galt. „Denn heute hat ja jeder etwas zu diesem Thema zu sagen. Die Medien tun ihr Übriges…“

Mir scheint, als gebe es für Zenkl ohnehin kein Schwarz oder Weiß. Frage ich ihn nach der Zukunft des Tiroler Winters zuckt er mit den Schultern. Ein Wahrsager sei auch er nicht. Etwas anderes aber könne er sagen: „Auf regionaler Skala wie dem Alpenraum sind die Wetter- und Klimadynamik eine hoch komplexe Sache. In den Temperatur zeitreihen sehen wir zum Beispiel, dass sich die alpinen Sommer seit dem 19. Jahrhundert bis ca. 1990 im langfristigen Trend gar nicht erwärmt haben. Die letzten Dekaden aber rasant und gut drei Grad bis heute.“ Das lässt unsere Gletscher aktuell so schnell schmelzen. Gleichzeitig haben sich unsere Winter in den Bergen über viele Jahre gar nicht erwärmt (siehe Abbildung), in den Tälern sehr wohl, berichtet Zenkl. Niemand könne also seriös vorhersagen, wie sich die regionale, saisonale Witterung bis, sagen wir 2050 entwickeln wird. „Welche Großwetterlagen sich zu welcher Jahreszeit häufen werden, ist auch durch die besten Klimamodelle nicht wirklich prognostizierbar. Wobei man sagen muss, Klimamodelle sind keine Prognosen, es sind oft einfach Mittel aus vielen Rechenläufen und diese Szenarien sollen die Klimazukunft bestmöglich abschätzen. Vergessen werden oft die großen Unsicherheitsbereiche. Klar, Skigebiete in tiefen Lagen haben es nun immer schwieriger, bei einigen geht es sich auch aus klimatischen Gründen einfach nicht mehr aus. Dennoch könnten unsere Winter entgegen einem globalen Trend die nächsten 20 Jahre auch günstiger hinsichtlich Wintersport ausfallen.“ Diese auch interne Variabilität, also rein stochastische, zufällige Klimaschwankungen sind auf dekadischer und regionaler Skala stärker als beispielsweise eine durch CO2 ganz sicher zusätzlich angetriebene Erwärmung im ganz großen Bild, ist sich der Meteorologe. Zenkl erinnert ebenso wie Ruetz an die oft so schneereichen Siebziger- und Achtziger.

Für ihn ist klar: „Es gibt einen globalen Trend: Es wird wärmer. Nicht heißer. Aber wärmer. Das Globale Mittel stieg in den letzten einhundert Jahren von etwa 15°C auf 16°C an. Das Problem ist nur, dass das Konstrukt des Globalen Mittels ein rein theoretisches ist, gut geeignet zur Abschätzung des „CO2“ Anteils an der aktuellen Klimaerwärmung, aber für die Praxis vor Ort keine Hilfe.“

Niemand, der es hier nicht kennt: Das Schutzhaus am Patscherkofel, mehr als 1.000 Meter über den Dächern Innsbrucks.
© Innsbruck Tourismus | Tom Bause

Das einsame Sellraintal, nur einen Steinwurf von Innsbruck entfernt. Hier konzentriert man sich gerne auf die Natur – und den vielen Schnee, den der Winter hier noch bringt.
© Innsbruck Tourismus | Erwin Haiden

Ausnahmen bestimmen die Regel

„Die Alpen sind sicher nicht immun gegen den Klimawandel. Und selbstverständlich wird der Wandel durch mehr CO2 in der Atmosphäre verstärkt – auch wenn man sich noch nicht einig ist, wie groß der Anteil daran genau ist, auch wenn simplifizierte Klimamodell-Szenarien diesen Eindruck erwecken können. Nun haben wir aber überall auf der Welt, und ganz besonders im Alpenraum, zufällige Phänomene, die kein Klimamodell erklären kann!“ Regionale Klimasimulationen für den Alpenraum haben unter anderem die winterliche Erwärmung der letzten 50 Jahre überschätzt, dafür die sommerliche- unterschätzt. „Hier einfach zwei Fehler zu summieren und dann sagen, die Modelle sind lagen goldrichtig, ist auch irgendwie spannend…“

In der Tat sieht Zenkl ein Problem in den Medien, besonders im digitalen Raum. Bad news are good news! Gepostet wird, was geklickt wird. Ohne fundiertes Hintergrundwissen könne aber kaum ein User die unzähligen Nachrichten über Wetter- und Klimakapriolen egal wo auf dem Planeten richtig einordnen, merkt Zenkl an. Ein gefährliches Spiel. Dabei könne man sich in der heutigen Zeit viele Sorgen über alles Mögliche machen, aber ganz sicher nicht übers Klima. „Davon bin ich hundertprozentig überzeugt“, ist sich Zenkl sicher. Sehr wohl sollte sich die Politik um eine sichere, saubere und leistbare Energieversorgung Gedanken machen und die Nutzung fossiler Energieträger zurückfahren. Auch aus rein klimatologischen Gründen. „Keinesfalls sollte man aber überzogene Klima-Ängste verbreiten und was ich am schlimmsten finde, sogar Kinder und Jugendliche für diese Agenda zu instrumentalisieren. Ich darf mit meinem persönlichen Slogan dazu schließen: Klimatologie ist keine Religion und Alarmismus keine Lösung!“

Kein Ende in Sicht!

Draußen ist es dunkel geworden. Ich beobachte Wintersportler, die aus den Bussen steigen und den Abend im Wettercafé ausklingen lassen. Zenkl spricht derweil über die positiven Dinge, die das Klima mit sich bringt – nicht nur im Sellrain, sondern auch hin in Innsbruck. Beispielsweise hat sich die Luftqualität auch im Inntal markant verbessert, da weniger strenge Inversionswetterlagen die Winter beherrschen – neben technologischen, sehr effektiven Maßnahmen, wenn wir nur 30 bis 50 Jahre zurückblicken. Höhere Temperaturen sorgen außerdem dafür, dass die Verkehrswege weniger intensiv gesalzt werden müssen. Zudem muss man weniger heizen, man spart sich viel Energie und somit Geld.“ Für mich zunächst ein Problem, welches dem Klimawandel gegenübergestellt eher mickrig erscheint. Innsbruck alleine aber benötigt jährlich 3,8 Tonnen Salz – pro Straßenkilometer! Mit nicht unerheblichen Folgen für Umwelt, Tiere und Infrastruktur.

Was bleibt? Ein Bild des neuen Winters, so bunt und schwer vorhersehbar wie das Klima selbst. Für tief gelegene Wintersportregionen dürfte es mittelfristig noch schwieriger werden. Was aber in mittleren und hohen Lagen passiert, dort, wo sich Vor- und Nachteile der Erwärmung eher die Waage halten, das weiß niemand.

Auf meiner Reise von München nach Innsbruck habe ich die unterschiedlichsten Perspektiven und Ansätze kennengelernt. Es gibt Gutes. Und es gibt Schlechtes. Anders als in den Medien aber, malte mir niemand den Teufel an die Wand. Vielleicht ist also etwas gefordert, was man in der ganzen Diskussion nur noch selten findet: Gelassenheit! Und so lehne ich mich zurück, genieße ein kühles Feierabendbier im Wettercafé, während der aufgezogene Föhnsturm die Innenstadt fest im Griff behält.

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