Reben, Fels und heiße Quellen
Eine Entdeckungsreise ins flüssige Herz des Wallis
26 Kantone bilden die Schweiz, doch das Wallis spielt in einer eigenen Liga. Wer glaubt, mit dem Matterhorn, Zermatt oder Verbier bereits alles gesehen zu haben, irrt gewaltig – diese Postkartenmotive sind nur die glitzernde Fassade eines weitaus tieferen Geheimnisses. Hinter den touristischen Klischees verbirgt sich ein Land der archaischen Urkräfte und in dem Wein nicht konsumiert, sondern geatmet wird. Es ist fast schon logisch, dass man hier das Angenehme mit dem Nützlichen verbindet: Das Wallis ist gleichzeitig die größte Weinregion und die größte Tourismusregion der Schweiz. Diese Symbiose macht die Reise in das flüssige Herz der Alpen zu einem Erlebnis, das nicht nur den Speicherchip der Kamera füllt, sondern auch die Seele.
Autorin: Jasmin Lutz
Fast schüchtern blinzeln die ersten Sonnenstrahlen durch die charakteristischen roten Fensterläden meines Zimmers in der Colline de Daval. An diesem Morgen weckt mich kein Wecker, nur das sanfte Licht. Beim Aufstoßen der Fensterläden strömt mir kühle Bergluft entgegen, die den schweren, süß-erdigen Duft reifer Trauben und das mineralische Aroma von feuchtem Schiefer in sich trägt. Das kleine Steinschloss thront wie ein Wächter inmitten eines goldenen Meeres aus Reben. Hier wird man Teil des Weinbergs.
Dieses Erlebnis ist im Wallis kein Einzelfall. Das Alpental verwöhnt Weinreisende fast ganzjährig, und viele der rund 370 Weinproduzenten sind fest auf Besucher eingestellt. Ob spontane Verkostung, Kellerbesichtigung oder eine geführte Rebbergsbegehung – die Türen stehen hier weit offen.
Von Venthône nach Leuk:
Ein Streifzug durch die Kulturen
Nachdem der Blick aus dem Fenster der Colline de Daval meine Abenteuerlust endgültig geweckt hat, zieht es mich hinaus. Ich möchte die Reben nicht länger nur aus der Ferne betrachten, ich will die Walliser Weinluft tief einatmen und Teil dieser jahrhundertealten Kultur werden.
Meine Reise führt mich auf der vierten Etappe des Chemin du Vignoble unmittelbar in das Herzstück der Walliser Rebkultur. Es ist eine Strecke voller Kontraste: Ein stetiges Auf und Ab entlang der sonnenverwöhnten Nordflanke, wo die massiven Felsen die Hitze wie Ofenkacheln speichern und den rund 40 kultivierten Rebsorten ihre charakteristische Tiefe verleihen. Mein Weg beginnt im mittelalterlichen Venthône, das an diesem Morgen fast geheimnisvoll unter einer dichten Wolkendecke ruht. Nur die Spitze des Kirchturms und die markante Turmburg aus dem 13. Jahrhundert ragen wie steinerne Inseln aus dem Nebelmeer.
Schon bald tauche ich tief in die Weinberge ein. Überall ist das geschäftige Treiben der Weinlese spürbar, leuchtend rote und gelbe Kunststoffkisten säumen die Pfade – bunte Farbtupfer inmitten des herbstlichen Grüns, die geduldig auf ihren Einsatz warten.
Ein besonderer Moment ist die Überquerung der Raspille. Mit einem einzigen Schritt über das Wasser lasse ich nicht nur einen Fluss, sondern auch die Sprachgrenze hinter mir und betrete das deutschsprachige Oberwallis. Überall ist das geschäftige Treiben der Weinlese spürbar. Wer zur rechten Zeit kommt, erlebt das Wallis im Ausnahmezustand: Besonders prägend sind die legendären «Tavolatas» – festliche Tafeln, die unter freiem Himmel mitten in den Rebzeilen gedeckt werden. Sollten die Tafeln gerade nicht gedeckt sein, bieten die «Offenen Weinkeller des Wallis» die perfekte Gelegenheit für Begegnungen. Sie finden zweimal jährlich statt: im Mai und erneut ab Oktober. Rund 110 Weingüter öffnen ihre Keller. Es ist die perfekte Zeit, um über den neuen Jahrgang zu fachsimpeln oder gereifte Barrique-Weine zu verkosten.
Während sich der Pfad in sanften Kurven durch die Hänge windet, öffnet sich die Landschaft zum Naturpark Pfyn-Finges. Hier bilden die wilden Föhrenwälder einen herben Kontrast zu den akkurat gezogenen Rebzeilen, während der Nebel die Hänge weiterhin mystisch einhüllt.
Auf meinem Weg durch Salgesch und Varen begegnen mir Geschichten von Raritäten wie dem „Lafnetscha“. Der Name – Walliserdeutsch für „Trink noch nicht“ – lässt mich schmunzeln; er erinnert an Zeiten, in denen der Wein oft zu jung und ungestüm genossen wurde. Schließlich erreiche ich das historische Leuk. Hier thront das von Mario Botta modernisierte Schloss erhaben über dem Tal. Ein weiteres Highlight erwartet mich am ehrwürdigen Allet-Haus: Dort rankt der älteste Cornalin-Rebstock der Schweiz empor, der seit über 200 Jahren der Zeit trotzt.
Kurz-Check für die Planung:
- Erlebnis-Tipp: Besuch der »Offenen Weinkeller«.
- Pfyfoltru-Weg: 3,5 km Rundweg ab Varen, ca. 1,5 Stunden, 150 Höhenmeter.
- Kultur-Highlight: Schloss Leuk mit der Botta-Glaskuppel und der älteste Cornalin-Rebstock beim Allet-Haus.
- Kulinarik: Nach »Tavolatas« Ausschau halten – Essen und Trinken direkt in den Reben.
Mauern, Mythen und Mario Botta:
Übernachten im mittelalterlichen Leuk
In Leuk angekommen, fühle ich mich sofort in eine andere Ära versetzt. Es hat etwas fast Mystisches, durch die stillen Gassen zu flanieren, in denen die prächtigen Patrizierhäuser und der klassizistische Sitz der Familie de Werra von der glanzvollen Machtposition erzählen, die Leuk einst als strategischer Knotenpunkt innehatte. Mein Quartier für die Nacht, das Schlosshotel, verstärkt dieses Gefühl der Zeitlosigkeit: Die dicken Mauern und die historische Aura lassen den Trubel der modernen Welt komplett verblassen. Über mir wacht das Bischofsschloss, dessen romanischer Zinnenturm durch die markante Glaskuppel von Mario Botta ein geheimnisvolles Licht auf die Silhouette der Stadt wirft. Während mein Blick über die terrassierten Weinberge und die markanten Türme – von der Ringackerkapelle bis zum schönsten romanischen Kirchturm des Wallis – schweift, verstehe ich, warum dieser Ort heute ein so kraftvoller Rückzugsort zum Erholen ist.
Eingebettet in jahrhundertealtes Gestein: Die Fassade des Schlosshotels in Leuk, wo ich eine fast mystische Nacht verbracht habe.
© Jasmin Lutz
Hinter den roten Läden wartet das ultimative Upgrade – Schlafen im Stein-Schloss, mitten im Herz der Reben.
Foto: © Jasmin Lutz
Der Tanz der Schmetterlinge:
Wo Wein Natur wird
Nur einen Steinwurf entfernt, in Varen, wartet eine Begegnung der besonderen Art. Hier begegnet man dem „Pfyfoltru“ – dem Walliser Schmetterling, der weit mehr ist als nur ein hübscher Name. Er ist das Symbol der Varner Rebbauern für einen Weinbau, der die Natur nicht bezwingt, sondern sie atmen lässt.
Auf dem rund eineinhalbstündigen Rundweg öffnet sich gleich an der Kirche ein Blick auf die wilde Rhone, der in seiner Unverfälschtheit fast ehrfürchtig macht. Der Pfad windet sich in einem weiten Bogen durch die Reben und führt hinauf zu einer alten Wasserleite. Dort oben, in der kühlen Brise der Suone, liegt einem das Rhonetal in einer Stille zu Füßen, die perfekt zum Wesen des „Pfyfoltru“ passt.
Es ist eine kurze Reise von 3,5 Kilometern, die jedoch tief blicken lässt: In die Philosophie eines naturnahen Pinot Noir, den man nach dem Abstieg im Dorf am besten dort verkostet, wo er entstanden ist. Ein flüssiges Versprechen, das den Kreis zwischen Fels, Wasser und Rebe schließt.
Begegnungen am Wegesrand:
Wo der Wein Gesichter bekommt
Meine Reise durch das flüssige Herz des Wallis ist weit mehr als eine Wanderung zwischen Rebstöcken – es ist eine Entdeckung der Menschen, die diese Erde prägen. In Salgesch, wo die Sonne das Mosaik aus zehntausenden winzigen Parzellen küsst, treffe ich auf ein besonderes Trio.
Frauenpower & Familiensaga: Natascha, Tamara und Judith führen heute als erste weibliche Generation das Zepter. Wo früher der Großvater mit nur zwei Sorten begann, keltern die Schwestern heute charakterstarke Weine nach Vinatura-Grundsätzen.
- Highlight: Der Syrah – fängt die Walliser Sonne in dunklen, würzigen Noten ein.
- Anekdote: Der Merlot war einst das „Kuckucksei“ des Vaters und ist heute Kult.
- Das Erlebnis: Eine herzliche Weinprobe direkt bei den Macherinnen.
Einige Kilometer weiter, in Varen, tauche ich tiefer in die Philosophie des naturnahen Weinbaus ein. Hier treffe ich Michel und Petra von der Weinkellerei Vouilloz. Es ist ein kleiner Betrieb, in dem heute vier Generationen gleichzeitig am Tisch – oder im Rebberg – sitzen. Ihr Fokus liegt auf dem Schutz der Böden für die Zukunft: Obwohl sie IP-zertifiziert sind, nutzen sie ausschließlich biologische Spritzmittel.
Winzer-Tipp: Weinkellerei Vouilloz, Varen
Vielfalt auf kleinstem Raum: Auf nur 6 Hektar bewirtschaftet die Familie 16 Rebsorten und kreiert daraus 30 verschiedene Weine.
- Die Philosophie: „IP trifft Bio“ – maximaler Schutz für die Böden und minimale Schadstoffe für kommende Generationen.
- Besonderheit: Da nur kleine Mengen produziert werden, sind Spezialitäten oft schnell ausverkauft – wer zuerst kommt, genießt zuerst.
- Stil: Harmonischer Einklang zwischen Terroir und der Handschrift des Önologen Michel.
Den krönenden Abschluss meiner Entdeckungsreise bildet die Kellerei Leukersonne in Leuk. Hier treffe ich auf eine Geschichte, die so dynamisch ist wie ein Slalomhang: Karin Seewer, die einst als Karin Roten im Ski-Weltcup für Schlagzeilen sorgte, hat die Rennpiste gegen den Weinberg getauscht. Gemeinsam mit ihrem Mann Jörg führt sie das Erbe der Familie Seewer mit einer Präzision fort, die man sonst nur von Profisportlern kennt. Im hellen Degustationsraum in Leuk wird schnell klar: Die Leidenschaft für die Perfektion ist geblieben – nur dass Karin heute Chardonnay einschenkt, statt Zwischenzeiten zu jagen.
Winzer-Tipp: Kellerei Leukersonne, Leuk
Vom Campingplatz zum Spitzenweingut: Was vor 50 Jahren mit dem Vater begann, der Wein und Raclette direkt auf Campingplätzen verkaufte, ist heute ein innovativer Familienbetrieb mit 20 Hektar Rebfläche.
- Flüssiges Erbe: Ein echtes Highlight ist der Vitis Antiqua 1798. Er wird aus Trauben von Ablegern der ältesten Cornalin-Rebe Europas gewonnen – ein tiefgründiger Wein, der wie eine Zeitreise schmeckt.
- Mutige Kreationen: Mit den Cuvées »Courage« und »Hommage an René« beweist das Ehepaar Seewer, dass sie auch moderne, kraftvolle Assemblages im Stil großer Bordeaux-Weine beherrschen.
- Persönliche Note: Trotz des Erfolgs bleibt es familiär. Einmal pro Woche setzt sich Jörg Seewer selbst ans Steuer seines Transporters, um Kunden in der Deutschschweiz persönlich zu beliefern. Ein Handschlag gehört hier einfach dazu.













