Rettet den Dorflift

Wie ein Mountainbike-Trail Schneesorgen vertreibt

Weitnau, Allgäu / Es hätte alles so einfach sein können. Vor einigen Jahren suchten die Besitzer des kleinen Skilifts in Weitnau aus Altersgründen jemanden, der den Liftbetrieb weiterführt. David Ziolko war zu dieser Zeit noch neu im Dorf und ihm gefiel, dass er bis zu seiner Haustür mit dem Snowboard abfahren konnte, daher kam er auf die Idee einen Verein zu gründen, um den Lift zu übernehmen. So entstand der Bergsportverein Weitnau, mit Ziolko als Vorstand und dem Lift als Sportstätte. Die erste Wintersaison war ein voller Erfolg: viel Schnee, gutes Wetter, viele Skitage mit Spaß und Schulterklopfer für den neuen Verein. Doch die nächsten Winter konnten nicht daran anknüpfen.

Autor: Thomas Reichart

Im Sommer 2025, rund fünf Jahre nach Vereinsgründung strampelt David Ziolko mit dem Rad den geteerten Forstweg auf den Weitnauer Skiberg hoch. Wie viele Ski- und Snowboardfans fahren auch David und seine Vereinskolleginnen und Kollegen in der schneefreien Zeit gern Mountainbike. Und diese Liebe fürs Zweirad sollte den entscheidenden Schub geben, um dem Dorflift eine neue Perspektive zu verschaffen.

Schaufeln, Pflöcke und Papierkram

Mit ausbleibendem Schnee wurden auch die Betriebstage des Lifts immer weniger und daher waren die nicht unerheblichen Fixkosten kaum noch zu decken. Eine neue Finanzierungsquelle musste her. Ziolko und seine Mitstreiter hörten sich um, was in anderen Alpengemeinden passiert und so kam die Idee auf: lasst uns einen Trail bauen und den Lift auch im Sommer zum Biken nutzen. Was in Saalbach oder Lermoos im größeren Stil funktioniert, sollte doch auch mit einem kleinen Dorflift machbar sein. Also setzte sich der Bergsportverein mit der Gemeinde, den Grundstückseignern und den Behörden zusammen und plante den Biketrail. Sie verbrachten Stunden am Hang und steckten potenzielle Abfahrten mit Pflöcken und Flatterband ab. Kann doch nicht so schwer sein ein paar Kurven in den Hügel zu graben. Außer, dass tonnenweise Erde und Steine zu bewegen sind und auch noch der Naturschutz beachtet werden muss, denn der Skiberg ist biotopkartiert. Also schrieben die Vereinsmitglieder ein Umweltkonzept und ührten damit in Abstimmung mit der Unteren Naturschutzbehörde am Landratsamt sozusagen eine Umweltverträglichkeitsprüfung für den Trailbau durch. Nun sollte es doch endlich losgehen können.

Öffnungszeiten Trail: Sonnenaufgang bis Dämmerung (max. 8 bis 21 Uhr)

Kosten: Das Befahren ist kostenfrei, Spenden für die Instandhaltung werden erbeten, am Trailstart ist ein Spenden-QR-Code. Liftpreise siehe www.skilift-weitnau.de

Lift: Schlepplift, teilweise ausgestattet mit speziellen Bike-Haken. Laufzeiten und Trailsperrungen werden auf der Website bekannt gegeben.

Sicherheit: Es besteht Helmpflicht, weitere Protektoren werden empfohlen. Bei Nässe ist der Lehmboden des Trails rutschig, daher Öffnungsstatus beachten.

Naturschutz: Unbedingt auf den Wegen bleiben, Öffnungszeiten beachten und Abstand zu Weidevieh einhalten.

Einkehrmöglichkeiten: Der Verein verkauft während der Betriebszeiten des Lifts an der Bergstation Getränke und direkt gegenüber der Talstation ist eine Wirtschaft.

Ein Hauch von Olympia im Allgäu

An einem Parkplatz am beliebten Carl-Hirnbein-Wanderweg, übrigens ein guter Tipp für alle die nicht radeln, zweigt ein Feldweg von der Teerstraße ab. Das letzte Stück zum Start des Biketrails wird schmaler, nasser und steiler. „Wenn wir den Trail selbst gebaut hätten, dann gäbe es unseren Verein wahrscheinlich jetzt nicht mehr.“, lacht Ziolko kurz vor dem Ziel. Das hätte die Freundschaften wohl arg strapaziert. Denn eine gute Mountainbikeabfahrt ins Gelände zu legen ist eine echte Kunst. Kurvenradien und Wandwinkel müssen passen, der Untergrund muss perfekt verfestigt sein, sodass ausreichend Grip herrscht und die einzelnen Elemente müssen sinnvoll ineinander übergehen. Es sollte abwechslungsreich sein, für verschiedene Fahrkönnen machbar und natürlich sicher sein. Zwar gibt es im Allgäu Profis, wie die Firma Schneestern aus Durach, die neben Bikeparks unter anderem auch Freestyle-Skiparks für die olympischen Spiele entworfen haben, doch diese Expertise ist teuer. Deutlich über 100.000€ lassen sich auch an einem kleinen Hang wie in Weitnau in Windeseile vergraben. Nicht zu finanzieren für einen Dorfverein – eigentlich.

Airtime und Applaus – mehr legale Trails bitte

„Die LEADER-Förderung war der Gamechanger“, erinnert sich Ziolko. Er sitzt mittlerweile auf der Bank oben an der Bergstation des Skilifts und blickt über den kleinen Oberallgäuer Marktflecken nach Westen. Die Sonne steht tief über dem Argental zwischen Sonneckgrat und Riedholzer Kugel. Für David ist das hier oben ein magischer Ort – und zauberhaft war auch der Geldsegen des EU-Förderprogramms für den ländlichen Raum. Denn damit konnten nun die Profi-Trailbauer aus Durach engagiert werden. Nur rund eineinhalb Jahre hat es gedauert vom Einreichen des Antrags bis zur Eröffnung Mitte Juli 2025. Zusätzlich zur eingekauften Arbeitsleistung, brachte der Verein tausende ehrenamtlich Stunden ins Projekt ein. Aber die Mühe hat sich gelohnt: mehr als 500 Gäste kamen zur ersten offiziellen Fahrt, man sieht David Ziolko noch immer an, dass er es sich kaum besser hätte träumen lassen. Es war einiges geboten: eine Abfahrts-Show mit Profis auf der sogenannten Jump Line, einem Trailabschnitt mit großen Schanzen, auf denen die Fahrerinnen und Fahrer mächtig „Airtime“ haben, also lange durch die Luft fliegen. Die spektakulären Videos auf Social Media haben mittlerweile hunderte „Likes“ gesammelt. Doch trotz Online-Hype ist der Weitnauer Trail auch ein Beitrag zur Besucherlenkung. Denn Mountainbiken lässt sich kaum stoppen, die Frage ist nur, ob die Biker legal fahren, so wie hier, oder aufgrund mangelnden Angebots in Konflikt mit anderen Menschen kommen, die die Wege nutzen. Denn im Allgäu gibt es, abgesehen von wenigen Ausnahmen wie dem Neuland-Trail bei Immenstadt, bisher kaum offizielle MTB-Trails.

Flow, Enduro, Jump – drei Wege ins Glück

Aber nicht nur darum ist der Bikepark ein besonderes Projekt. Der Bergsportverein Weitnau ist einer der wenigen Vereine im Alpen
raum, der einen Bikepark als vereinseigene Sportstätte betreibt. Die entscheidende Frage steht noch aus: wie fährt es sich denn im neuen Park? Vereinsvorstand Ziolko nimmt uns gern mit auf eine Probefahrt. Da der Lift von den Vereinsmitgliedern ehrenamtlich betrieben wird, läuft er aus Zeitgründen nur am Wochenende, an Werktagen muss man selbst hoch treten. Dafür ist der Trail aber für alle frei zugänglich und wird super angenommen. Sogar unter der Woche stehen die Biker Schlange. Eine Jugendgruppe aus dem benachbarten Missen scharrt schon mit den Hufen und stürzt sich den Hang hinab. Es gibt drei Routen zur Auswahl: die „Flowline“ ist die relativ einfache, flüssig zu fahrende Hauptroute. Von ihr zweigen „Enduro-“ und „Jumpline“ ab und münden später wieder ein. Während es auf ersterer etwas ruppiger zur Sache geht, über Wurzeln, Steine und gezimmerte „Drops“ für die mutigen Rider mit guter Federung, ist die „Jumpline“ nur was für Biker, die sich auch ohne Bodenkontakt wohl fühlen.

Kurven und Kicker – Trailgenuss für alle

Ziolko tritt ein paar Mal an und schon ist er um die erste Kurve. Gar nicht so leicht seinem Tempo zu folgen. Die ersten paar Kurven sind zum Herantasten und dann Bremse auf und rein ins Vergnügen. Das Grinsen wird breiter, die Kurven enger, die Bodenwellen und damit die Sprungmöglichkeiten größer. Hier dürfte wirklich jeder und jede seine oder ihre persönliche Ideallinie finden. Die in Summe rund 1600 Meter lange Abfahrt auf gerade einmal 90 Höhenmeter klingt nach nicht viel, kann aber auf unzählige Arten gefahren werden und garantiert genügend Abwechslung. Schwierige Stellen können umfahren oder waghalsig „mitgenommen“ werden. Wer’s kann springt die Kurven ein und rollt in halsbrecherischem Tempo, fast waagerecht in der Luft liegend wieder raus. Aber auch Anfänger kommen voll auf ihre Kosten. Die Lernkurve ist steil, mit jeder Abfahrt fühlt es sich ein Stück sicherer und vertrauter an auf dem Weitnauer Trail. Unten angekommen melden sich die Oberschenkel, der geringe Höhenunterschied macht sich bemerkbar, aber trotzdem gibt es nur einen Gedanken: nochmal! Oder wie David Ziolko es grinsend ausdrückt: „second run – double fun!“ Na dann…

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