We are family!
Am Ritten in Südtirol
Ritten / Als gemütlich entspanntes Hochplateau beschreibt Manuel Klemera den sonnigen Ritten. Der Skischulleiter war jahrelang ein paar Täler weiter in Gröden als Trainer aktiv. Für den Trubel dort und die Ruhe am Ritten findet er einen treffenden Vergleich. „Das ist wie mit Ibiza und Formentera. Beides ist schön. Aber wer Ruhe und Entschleunigung sucht, ist am Ritten sicher besser aufgehoben.“ Schatten gebe es hier oben auch keinen, witzelt er hinterher. Und nach vier Tagen am Ritten werden wir feststellen, dass Manuel auch mit einer weiteren Aussage recht behalten wird: Alles hier ist von Familien – für Familien!
Autor: Benni Häfner
Fast wie früher !
Die touristische Geschichte des Ritten ist lang. Das gut einhundert Quadratkilometer große Areal erstreckt sich von 800 Meter bis auf über 2.200 Meter. Schon im 17. Jahrhundert zogen deswegen die Menschen aus der drückenden Hitze der Stadt Bozen hier hinauf, um die Sommermonate zu verbringen. Wahrlich eine Unternehmung, die nur Wohlhabenden vorenthalten war. Doch aus diesen Saisonaufenthalten entsprang am Ritten die Tradition die Sommerfrische. Das Leben genießen. Spaß und Erholung. Das war ganz offensichtlich schon damals hier oben möglich.
Natürlich hat sich seitdem vieles geändert. Aber eben nicht alles. Geblieben ist zum Beispiel, dass sich die rund 8.000 Bewohner des Hochplateaus auf unzählige kleine Dörfer verteilen. Hotelburgen und Großparkplätze sucht man hier vergebens. So haben die Rittner den Charm ihrer Heimat bis heute bewahren können. Auch wenn schon 1907 eine Schmalspurbahn klingelnd über die Hänge tuckerte und seit 1966 eine Gondel die Talmetropole mit dem winzigen Oberbozen verbindet: Die Region ist ausgewachsen. Alles darf gerne so bleiben wie es ist. Nichts muss, erst recht nicht schneller, höher, weiter. Die Mentalität der Sommerfrische ist spürbar. Auch im Winter. Und ebenso am Flachenhof.
Lange Zeit führte nicht einmal eine Straße zu dieser Alm hinauf. Als aber Strom und Straßen das Leben der Bauern am Ritten erleichterten, zog Thomas Rottensteiner von einem tiefergelegenen Hof hier herauf. Hunde, Katzen, Schafe, Hühner, Pferde und natürlich die Familie Rottensteiner füllen den Hof auf 1.500 Metern seitdem mit Leben. Ein besonderer Platz. Mit viel Sonne und Prachtblick auf die Dolomiten, allen Gipfeln voran der Schlern, mit seiner kecken Santner Spitze. Dann ruft Anna Rottensteiner die drei Kinder in die Küche.
Gutes kann so einfach sein!
In der Stube ist der Holzofen bereits aufgeheizt. „Wir backen Brot. Das hat in Südtirol eine lange Tradition und ich möchte euch zeigen, wie wir das heute noch machen.“ Anna arbeitet vormittags im Naturmuseum Bozen und zeigt anschließend auf dem Hof des Vaters Kindern die Bergwelt. Während die Mühle die Körner mahlt, der Teig zu kleinen Brötchen verarbeitet wird, lernen die Kinder, was Brotbacken früher bedeutete.
„Oft wurde nur wenige Male im Jahr gebacken, denn der Aufwand war groß. Bis der Ofen aufgeheizt, der Teig vorbereitet war, musste die ganze Familie mithelfen.“ Nicht selten wurden dann mehr als eintausend Schüttelbrote gebacken, ergänzt Thomas. Trocken gelagert, meist in aufgehangenen Holzregalen, waren die dünnen Fladenbrote dann monatelang haltbar. Weil Schüttelbrot bei der Herstellung viel Übung braucht, haben sich die Kinder auf faustgroße Brötchen geeinigt. Goldbraun gebacken, sind sie außen knusprig und innen schön weich. Noch warm aufgeschnitten ein besonderer Genuss. Schnell füllt sich die Stube mit einem herrlichen Duft.
Wie damals, so zerkleinert Thomas das Hartbrot noch heute mit einer Brotgrammel. Die Holzschale mit einseitig fest montierter Klinge bricht das Brot in mundgerechte Stücke. Wie es schmeckt? Lecker, sind die Kinder einer Meinung. Kümmel, Fenchel, Anis und Klee, eben was hier oben wächst, geben dem Brot seinen typischen Geschmack.
Während die Kinder schmatzend den Sonnenuntergang durch die Panoramafenster genießen, packt Thomas eine Tüte mit dem Selbstgebackenen. Denn auch das ist Brauch: Nachbarn, Freunde, Bekannte und vorbeiziehende Wanderer wurden schon immer und selbstverständlich mit Brot versorgt. Damals wie heute.
Rodel oder Schlitten?
Nur einen Steinwurf vom Flachenhof entfernt, da zieht die Rittner Horn Bahn den Berg hinauf. In der Gondel treffen wir auf Michael Graf. Der Ingenieur war jahrelang bei einem bayerischen Autobauer tätig, kam aber vor fünf Jahren mit einer echten Innovation zurück in seine Heimat, übernahm von Gründer Otto Bachmann den Betrieb – und brachte ein Traditionsprodukt auf Vordermann. Was eigentlich der Unterschied zwischen einem Rodel und einem Schlitten sei, frägt der dreifache Familienvater in die Runde. Niemand weiß es.
Michael klärt auf: „Durch gummigelagerte Verbindungen sind Rodel flexibel und erlauben geschnittene Schwünge im Schnee, ähnlich wie Carvingski. Mit einem Schlitten ist das nicht möglich.“ Und dann präsentiert der Ingenieur noch die Besonderheit der Bachmann-Rodel. Ein intuitives Bremsassistenzsystem, für sicheren und kontrollierbaren Spaß im Schnee. Das „Brake Steer System“ wird über einen stabilen Zug, das Steuerseil, ausgelöst und aktiviert jeweils beide, oder aber auch nur einseitig die Bremskrallen. 2022 gewann Graf damit den ISPO-Award.
Etwas Sicherheitsausrüstung muss aber dennoch sein: Helm, Handschuhe und festes Schuhwerk. Und dann können wir noch aus der Gondel heraus sehen, wie Michaels Sohn Simon die Rodelbahn hinuntersaust. Geschickte Gewichtsverlagerung sei alles, erklärt Michael. Für Grafs scheint wie auch für Rottensteiners der Ritten eine Art riesiger Garten zu sein, denke ich mir da. Ein Pferdehof, das Skigebiet, die Rodelbahn, Winterwanderwege. All das liegt einfach direkt hinterm Haus.
Auf dem Übungshang zeigt Michael dann noch einmal, wie es geht. Die kurze Trainingseinheit ist wichtig, doch die Kinder lernen schnell. Bald schon ziehen viele geschwungene Spuren über den frisch präparierten Schnee. Als Michael der Meinung ist, dass wir nun so weit sind, nehmen wir die Rodelabfahrt in Angriff. Fast vier Kilometer ist die Naturrodelbahn lang und mit den sportlichen Rodeln wird jede Kurve zum Genuss.
Berge mit Hut!
„Nochmal, nochmal!“, rufen die Kids an der Talstation angekommen. Michael stimmt zu. Damit habe er ohnehin schon gerechnet – und das Strahlen der Kinderaugen sei doch der größte Lohn für die Mühen, die der Rittner in die jahrelange Entwicklungsphase der Rodel steckte. Und so verwundert es auch nicht, dass der Familienmensch auch noch für den Nachmittag einen Unternehmungstipp hat. Denn hier am Ritten, da soll es ganz außergewöhnliche Berge geben. Berge mit Hut!
Jetzt im Frühjahr, wo der Schnee noch dick auf den Pisten liegt, bereitet sich weiter unten schon die Natur auf den Sommer vor. In Klobenstein befinden wir uns zwar noch immer 1.000 Meter über Bozen. Doch nach der Spritztour über die Rodelbahn fühlen wir uns nun fast so, als seien wir im Tal. Der aussichtsreiche Spazierweg zu den Erdpyramiden kommt bei den Kindern gut an, wie Micheal wohlwissend versprach. Und als die ersten Berge mit Hut ins Bildfeld geraten, ist die Begeisterung groß.
Die Rittner Erdpyramiden sind seltene Erosionsphänomene und entstehen dort, wo in den Tälern eiszeitlicher Moränenlehm der Gletscher abgelagert wurde. Das Material ist in trockenem Zustand steinhart. In Verbindung mit Wasser aber wird es zu einem lehmigen Brei, der zu Tal fließt. Unter großen Steinen dagegen bleibt der Lehm vom Regen geschützt. So bilden sich Erdsäulen, die bei jedem Niederschlag höher werden. Am Ritten gibt es gleich an mehreren Orten Erdpyramiden zu bestaunen. Die in Lengmoos, nahe Klobenstein, sind aber die höchsten Europas. Auch die Erdpyramiden Unterinn – am Keschtnweg (Kastanienweg) welcher bis ins Eisacktal führt – sind immer einen Besuch wert.
Wer weitere Erdpyramiden sehen will, nimmt am besten die kleine Rittner Bahn. Diese stand schon einmal kurz vor dem Aus. Das engagierte Einsetzen der Rittner konnte dies glücklicherweise verhindern. Und so ist die Schmalspurbahn heute für Einheimische ein beliebtes Fortbewegungsmittel – und für Gäste eine willkommene Abwechslung. Wir schaukeln also gemütlich von Klobenstein nach Oberbozen, bestaunen dort nicht nur weitere Erdpyramiden, sondern auch die Gondel, welche das Dorf mit dem eintausend Meter tiefer gelegenen Bozen verbindet. Kleiner Tipp: Einige Zugverbindungen fahren sogar noch eine Station weiter, nach Maria Himmelfahrt. Der malerisch gelegene Ortsteil gilt als Geburtsort der Sommerfrische. Zwischen kitschiger Romantik und echter Bergidylle stehen hier pompöse Häuser aus längst vergangenen Zeiten. Der kurze Rückweg nach Oberbozen ist immer einen Spaziergang wert.
Hornattacke!
Der nächste Tag verspricht wieder einen der insgesamt 300 Sonnentage, für die Südtirol so berühmt ist. Die Talstation der Bergbahn aber hat sich verändert. Der Parkplatz wurde kurzerhand zur Wechselzone umfunktioniert. Denn einmal im Jahr ist Hornattacke!
Manuel Klemera weiß natürlich genau, was sich hier abspielt: Bereits um 9 Uhr gingen mehr als 200 Teilnehmer in Bozen mit Laufschuhen und kurzen Hosen an den Start. Die warmen Temperaturen (und die Tatsache, dass es hier oben tatsächlich keinen Schatten zu geben scheint) erlaubt aber auch ein Weitergehen in kurzer Montur. Auf Tourenski geht es also für die Sportler weiter den Berg hinauf. Die Ersten erreichen den Gipfel des Rittner Horns nach knapp zwei Stunden. Zwei Stunden für 22 Kilometer und mehr als 2000 Höhenmeter. Eine sensationelle Leistung! Dabei ist die Hornattacke keineswegs eine Profiveranstaltung. Dabei sein ist alles. Und so ziehen auch noch am Mittag viele Skibergsteiger dem Gipfel entgegen. Stress und Hektik scheint am Ritten weit entfernt. Und bei der Siegerehrung auf der Feltuner Hütte feiern sowieso alle gemeinsam.
Wir dagegen genießen die leeren Pisten und geben die Kinder vertrauensvoll in die Hände des Skilehrers. Selbst Wochenende, Großevent und bestes Wetter sorgen am Ritten nicht für lange Schlangen. Besonders für uns. Alltag für Manuel.
Skifahren am Ritten ist anders als irgendwo sonst. In der Sonne sitzen wir, mit einem kühlen Getränk in der Hand, und schauen zu, wie Manuel den Kindern das Skifahren lehrt. Die Ausbildung und Regularien für Skilehrer seien in Italien besonders streng, merkte der Skischulleiter vorher noch an. Die Qualität und Ergebnisse der Kurse dagegen sprechen für sich. Die gemachten Fortschritte sind riesig und nach einem halben Tag gleiten die Kinder schon mühelos und elegant über die Panoramapisten des Ritten.
Die verdiente Pause verbringen wir auf der Sonnenterrasse der Unterhornhütte. Wieder keine Schlangen, günstige Preise, riesige Schnitzel und Dolomitenausblick. Wie gemacht für Familien. Kein Wunder, dass hier oben nicht nur wir, sondern auch Manuel mit seiner Familie den Mittag verbringt. Wir treffen sogar auf Michael und seine Kinder. Die einen kommen von der Piste, die anderen von der Rodelbahn und wieder andere vom Winterwanderweg. „Was hier alles möglich ist“, merkt da der Kleinste an. Manuel stimmt zu. Das sei ja das Schöne am Ritten, ergänzt er zufrieden. „Und eben, dass man sich kennt.“










