Glüxwerk: Wo das Kletterseil auf die Couture trifft
Wenn rauer Loden mit geschmeidigem Leder verschmilzt und ein gebrauchtes Kletterseil plötzlich zum Herzstück eines Designobjekts wird, dann befindet man sich in der Welt von Mirjam Samweber. In ihrem Tiroler Atelier formt sie aus wider ständigen Materialien Unikate mit Seele – weit weg von der kühlen Welt der Bilanzen, in der sie jahrelang zu Hause war. Eine Geschichte über den Mut, das Greifbare im Ungewissen zu finden und wie ein Jobverlust ihr Leben veränderte.
Autorin: Jasmin Lutz
Ein leises Surren erfüllt den Raum, wenn das Pedal der schweren Sattlermaschine nachgibt. Mirjam Samweber führt das Leder mit ruhiger Hand, die Nadel sticht präzise durch das Material. Es riecht nach Natur, nach Werkstatt und ein wenig nach Abenteuer. Wer die Designerin beobachtet, wie sie die Haptik einer neuen Lederhaut prüft, wie sie mit den Fingerspitzen über die natürlichen Unebenheiten fährt, spürt sofort: Das hier ist kein Job, es ist eine Bestimmung. Doch der Weg zu dieser Erfüllung war alles andere als geradlinig. Zwölf Jahre lang bewegte sich Mirjam Samweber in der Welt der Zahlen, Analysen und Konzernstrukturen. Nach einer wirtschaftlichen Ausbildung und einem Architekturstudium schien ihr Weg vorgezeichnet. Sie funktionierte im Finanzumfeld, war Teil eines Systems, das wenig Raum für das haptische Erleben ließ. Doch während der Verstand Bilanzen prüfte, schlummerte in ihren Händen eine Leidenschaft, die schon in ihrer Kindheit Wurzeln geschlagen hatte.
Das Erbe der kleinen Tasche
Schon als Kind war Mirjam ein „Taschenfreak“. Während andere Kinder Spielzeug sammelten, faszinierten sie die Begleiter der Erwachsenen. Eine Anekdote ist fest in ihrem Gedächtnis verankert: Ihre Eltern brachten ihr aus dem Urlaub eine Tasche mit. Sie war aus Leder, knallorange. „Heute, als Mutter, würde ich sagen: Das ist für ein kleines Kind absolut unpraktisch“, lacht sie herzhaft. „Aber ich habe sie geliebt. Dieses Material, diesen Geruch.“
Sogar in Zeiten, in denen das Geld knapp war, gab es eine Tradition, an der sie nicht rüttelte: Zum Geburtstag schenkte sie sich selbst immer etwas Besonderes – es war eigentlich immer eine Tasche. Es war eine Form der Selbstwertschätzung, die sie später in ihre eigene Marke übersetzte. Doch den Wunsch, selbst in die gestalterische Richtung zu gehen, drückte sie lange Zeit weg. Die Vernunft siegte, die Sicherheit des Angestelltendaseins wog schwerer als der Drang zur Kreativität. Bis das Schicksal – oder vielmehr die Weltwirtschaft – die Entscheidung für sie traf.
Der Bruch als Chance
Die Finanzkrise traf ihre Geschäftsstelle mit voller Härte. Die Schließung folgte, und plötzlich war da dieser tiefe Einschnitt: Jobverlust. Wo andere in Panik verfallen wären, sah ihr Mann das, was Mirjam sich selbst noch nicht einzugestehen wagte. Er ermutigte sie, die Krise als CHance zu nutzen. „Mach endlich das, was du schon dein ganzes Leben machen wolltest“, sagte er zu ihr. „Ich hatte damals eigentlich nichts mehr zu verlieren“, reflektiert sie heute. Es war der Startschuss für eine neue Reise. Ohne klassische handwerkliche Ausbildung, aber mit einer unbändigen Neugier kaufte sie sich ihre erste Sattlermaschine, Profi-Werkzeug und die ersten Lederhäute. Ein halbes Jahr lang verschanzte sie sich förmlich, probierte aus, scheiterte, trennte Nähte wieder auf und lernte die Eigenheiten des Materials kennen. Es war ein intensives Selbststudium – Learning by Doing in seiner reinsten Form. Als sie schließlich mit ihren ersten 20 Taschen auf einen Markt ging, rechnete sie mit nichts. Doch am Ende des Tages war ihr Stand leergefegt. „Ich ging ohne eine einzige Tasche nach Hause. Das war der Moment, in dem ich wusste: Die Menschen verstehen, was ich hier mache.“
GLÜXFAKTEN
Lieblingsmaterial: Leder
Philosophie: Konsequent Unikat
Heimat: Tirol
Antrieb: Freiheit statt Fließband
Markenzeichen: Alpine Kletterseile als Designelement
Leder, Loden, Kletterseil: Eine Liebeserklärung an Tirol
Mirjams Designsprache ist wie sie selbst: ehrlich, funktional und tief mit ihrer Heimat verwurzelt. Das Label „Glüxwerk“ ist Programm. Es steht für Handwerk, aber auch für das persönliche Glück, das im Tun liegt. Ihre Entwürfe sind schlicht und zeitlos – sie müssen dem Alltag standhalten, nicht nur dem ersten Blick. Bevor ein neues Modell in den Verkauf geht, wird es gnadenlos getestet. Mirjam selbst, aber auch ihre Familie, tragen die Prototypen wochenlang Probe. „Erst wenn die Belastbarkeit und der Tragekomfort wirklich passen, darf das Modell hinaus in die Welt.“
Das Herzstück ihrer Arbeit ist das Material. Leder ist für sie eine haptische Offenbarung. „Ich könnte niemals Leder online kaufen“, sagt sie bestimmt. „Ich muss es fühlen, es riechen, die Struktur zwischen den Fingern spüren.“ Weil Regionalität für sie kein Marketing-Gag, sondern eine innere Haltung ist, suchte sie lange nach Partnern, die ihre Werte teilen. In Tirol gibt es kaum noch Gerbereien, doch sie fand eine deutsche Firma, zu der sie eine persönliche Beziehung pflegt. Man kennt sich, man schätzt sich. Neben dem Leder fließen andere alpine Elemente in ihre Arbeit ein: Loden, der traditionelle Walkstoff der Tiroler oder Kletterseile aus dem Bergsport. Letztere dienen oft als robuste Riemen für ihre „Ranzen“ (Rucksäcke) oder Bauchtaschen. Mode und Funktion schließen sich bei ihr nicht aus.
Der Kopf, der niemals stillsteht
In einer Zeit, in der fast jedes Unternehmen nach „höher, schneller, weiter“ strebt, wirkt Mirjams Geschäftsmodell fast schon rebellisch. Sie wächst langsam, und das mit voller Absicht. Einen eigenen Shop in der Innenstadt mit hohen Fixkosten und dem daraus resultierenden Produktionsdruck lehnt sie ab. „Ich brauche das nicht. Mir ist die Freiheit wichtiger.“ Ihre Produktion findet im eigenen Haus statt. Das spart nicht nur Miete, sondern ermöglicht ihr die Flexibilität, die sie als Mutter und kreativer Geist braucht.
Trotz der bewussten Entschleunigung im Außen ist Mirjams innerer Motor ständig in Bewegung. „Mein Kopf rattert immer mit. Selbst im Urlaub kann ich nur schwer abschalten“, gibt sie schmunzelnd zu. Wenn sie in einem Café sitzt, beobachtet sie nicht einfach nur Menschen – sie analysiert Trends, studiert, wie Taschen getragen werden, welche Formen im Alltag praktisch sind und wo Design an seine Grenzen stößt. Die Inspiration lauert überall: in Modezeitschriften, in der Natur der Tiroler Berge, die ihr als Kraftquelle dient, oder im flüchtigen Moment einer Begegnung.
Diese totale Hingabe führt dazu, dass ihr jedes Stück ans Herz wächst. „Anfangs war es extrem schwer, die Taschen wegzugeben. Da steckt einfach so viel Herzblut drin.“ Auf Märkten hat sie deshalb eine ganz eigene Strategie entwickelt, um den Abschiedsschmerz zu lindern: „Ich suche mir eine Tasche aus und sage mir: Wenn ich die heute nicht verkaufe, dann ist sie meine.“ Meistens gewinnt jedoch der Kunde – und Mirjam freut sich über die Wertschätzung, die ihrem Handwerk entgegengebracht wird. Das Surren der Sattlermaschine im heimischen Atelier ist heute der Rhythmus ihres Lebens. Wenn Mirjam am Ende eines langen Tages über die fertige Naht einer neuen Tasche streicht, ist da kein ratternder Kopf mehr, sondern die stille Zufriedenheit des Erschaffens. In einer Welt, die sich immer schneller dreht, hat sie sich für die Entschleunigung entschieden – Stich für Stich.
Es ist die Geschichte einer Frau, die ihre Sicherheit gegen ein Stück Leder und eine Vision eintauschte. Jedes Unikat, das ihr Haus verlässt, trägt diese Geschichte in sich: von der Kraft der alpinen Natur, der Sinnhaftigkeit des Handwerks und dem Mut, dem eigenen Instinkt zu folgen. Wenn Mirjam heute eine Tasche verkauft, gibt sie immer auch ein Stück ihres eigenen Glücks weiter. Und während draußen die Zeit rast, bleibt sie ganz bei sich, führt das Leder mit ruhiger Hand und weiß: Der größte Luxus ist nicht der Profit, sondern die Freiheit, das zu tun, was man liebt.










